+
Der junge Mann, der jetzt nach Afghanistan abgeschoben werden soll, gilt als fleißig und zuverlässig.

Junger Mann will Krankenpflegehelfer werden

„Fleißigem Kerl“ droht die Abschiebung nach Afghanistan: Jachenauer Helferkreis kritisiert Vorgehen

  • schließen

Nach jahrelangen Integrationsbemühungen droht Asylbewerbern aus Afghanistan vielfach die Abschiebung. In der Jachenau löst nun ein Fall besondere Betroffenheit aus.

Jachenau– Es geht um einen jungen Mann, der sich im Schneechaos durch eine besondere Aktion hervorgetan hatte. Wenn man ihn darauf anspricht, dass er es schon einmal in den Tölzer Kurier geschafft hat, muss Farid J. (Name geändert) inmitten seiner trüben Stimmung doch ein wenig lachen.

Der Afghane sorgte im vergangenen Winter für Aufsehen, als die Staatsstraße 2072 in die Jachenau wegen umgestürzter Bäume gesperrt war. Farid J. war damals gerade zu Besuch bei Freunden im Sonnental – nun war ihm der Rückweg abgeschnitten. Weil er aber auf keinen Fall einen Tag seines Praktikums in Bad Tölz verpassen wollte, schnappte er sich sein Fahrrad und machte sich – teils fahrend, teils schiebend – auf den Weg über Sachenbach, nach Urfeld und über den Kesselberg, um ab Kochel mit dem Bus nach Bad Tölz zu fahren. „Sechs oder sieben Stunden hat das gedauert“, erinnert sich der junge Mann.

Aus seiner Sicht war die Aktion nicht weiter erwähnenswert. Sie illustriert allerdings das große Engagement und das Pflichtbewusstsein des Asylbewerbers – und ist Teil der Erklärung, warum sein Schicksal aktuell in Asylhelferkreisen im Isarwinkel für besonders große Bestürzung sorgt. Denn Farid J. droht nun die Abschiebung.

Asylhelfer versuchen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihm zu helfen, zum Beispiel mit Briefen an Regierung, Behörden oder Abgeordnete. „Er ist unser Bester mit den größten Aussichten“, sagt Claudia Gudelius vom Helferkreis. „Ein sehr fleißiger Kerl, der hervorragend Deutsch gelernt hat.“

Farid J. erinnert sich noch an den Tag, an dem er in Deutschland angekommen ist: „Das war der 19. Dezember 2015.“ Bald darauf wurde er der Asylunterkunft auf dem Jachenauer „Loanerhof“ zugeteilt, wo er fast zwei Jahre lebte. Mittlerweile wohnt er in Bad Tölz.

Farid lernte Deutsch, ging zur Berufsschule, machte einen „sehr guten Schulabschluss“, wie er selbst sagt. Danach nahm er an der Krankenpflegeschule der Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz eine einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer auf. „Ich möchte den Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen können.“

In diesem Sommer brachen Farids Träume auf einen Schlag zusammen. In der Abschlussprüfung an der Krankenpflegeschule fiel er durch. Er habe sich nicht richtig aufs Lernen konzentrieren können, sagt er. Mitanzusehen, wie viele seiner Bekannten nach Afghanistan abgeschoben wurden, habe ihn stark belastet. Zudem habe er gleichzeitig einen weiteren Traum verfolgt und sich auf die Führerscheinprüfung vorbereitet – statt sich auf eine Sache zu fokussieren.

Zur selben Zeit wurde sein Asylantrag vor Gericht abgelehnt. Claudia Gudelius kann sich gut vorstellen, dass er der Richterin seine Lage auf seine zurückhaltende Art wohl nur „in kurzen, knappen Worten“ geschildert habe – vielleicht nicht eindringlich genug. Die Asylhelferin kennt allerdings mehr Details. „Er hat Entsetzliches mitgemacht.“ Und die Asylhelferin hat allen Grund zur Annahme, dass es für ihn noch schlimmer kommt, wenn er nach Afghanistan zurück muss.

Auch dem Tölzer Kurier gegenüber umreißt Farid J. seine Situation nur in groben Zügen. „Wo ich in Afghanistan gelebt habe, gibt es keine Sicherheit. Es gibt viele Sachen, die mir dort passieren können. Ich wurde oft von den Taliban bedroht und geschlagen. Sie haben versucht, dass ich mit ihnen zusammenarbeite.“

Lesen Sie auch: Naturbad Bichl: Mehr Sicherheit unter Wasser dank Hightech-Gerät

Das aber wäre für ihn eine Horrorvorstellung. „Ich will nicht, dass wegen mir jemand sein Leben verliert.“ Die Angst vor den Taliban ist auch der Grund, warum er nicht will, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht – die Taliban könnten ihm irgendwie auf die Spur kommen, fürchtet er.

Auch wenn sie Farids J.s Fall besonders aufwühlt: Claudia Gudelius hält es generell für einen Skandal, dass Deutschland Geflüchtete nach Afghanistan abschiebt. „Letztlich haben sie alle solche furchtbaren Geschichten“, sagt sie. Und auch für die deutsche Gesellschaft sei es besser, die Potenziale der jungen Menschen zu nutzen, als dass sie womöglich in die Illegalität abtauchen.

Lesen Sie auch: Nach Blitzeinschlag in Biergarten: So sollten Sie sich bei Gewitter am besten verhalten

Auch an der Tölzer Krankenpflegeschule fühlt man mit den jungen Mann mit. „Wir würden ihm gern die Gelegenheit geben, die Ausbildung zu wiederholen“, sagt Asklepios-Sprecher Christopher Horn. Voraussetzung ist, dass Farid J. bis zum Ausbildungsstart noch in Deutschland ist.

Lesen Sie auch: Walchensee: Ranger und Feuerwehr gemeinsam auf Streife 

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Specker geht erneut ins Rathaus-Rennen
Freie Wähler in Bad Heilbrunn nominieren Konrad Specker als Bürgermeisterkandidaten für die Wahl 2020. Vor allem soziale Aspekte spielen eine Rolle in seinem Wahlkampf. 
Specker geht erneut ins Rathaus-Rennen
„Es ist immer schön, was vorzulesen“
Welche Bücher eignen sich besonders zum Vorlesen für Kinder? Und warum ist es so wichtig? Der Tölzer Kurier hat Buchhändler, Kindergärten und Bibliothekare in der Region …
„Es ist immer schön, was vorzulesen“
Gemeinderatswahl in Lenggries: Drei Frauen auf den Spitzenplätzen
Christine Rinner wurde in Lenggries mit einem überzeugenden Votum zur CSU-Kandidatin für das Bürgermeisteramt gekürt. Auch die Gemeinderatsliste wurde aufgestellt. 
Gemeinderatswahl in Lenggries: Drei Frauen auf den Spitzenplätzen
Jachenau muss 295.000 Euro Steuern zurückzahlen
Die Gemeinde Jachenau hat wieder einmal mit einer unvorhergesehenen Steuerrückzahlung an den Energiekonzern Uniper zu kämpfen. 
Jachenau muss 295.000 Euro Steuern zurückzahlen

Kommentare