Interview mit David Warham aus Jachenau

Brexit: „Es wird ein Chaos geben“

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Der Schotte David Warham, der in der Jachenau wohnt, wünscht sich zweites Referendum, bleibt aber auch bei Brexit britischer Staatsbürger.

Jachenau – In Sachen Brexit wird es ernst. Voraussichtlich am heutigen Dienstag steht im britischen Parlament die entscheidende Abstimmung über den Brexit-Deal an, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat. Für den aktuell wahrscheinlichen Fall, dass das Parlament ablehnt, gibt es zwei Szenarien: entweder einen ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU zum 29. März oder ein zweites Referendum, bei dem die Bürger eventuell doch noch für einen Verbleib in der EU stimmen könnten. Wie es nun weitergeht, das ist auch für die in Deutschland lebenden Briten eine spannende Frage. Auch der Schotte David Warham, der in der Jachenau lebt, hat sich für den Fall der Fälle schon nach einem deutschen Pass erkundigt.

Herr Warham, mit welchen Gefühlen blicken Sie beim Gedanken ans Thema Brexit in das neue Jahr: besorgt oder ganz gelassen?

Ich bin einerseits entspannt, andererseits mache ich mir auch Sorgen. Wenn es einen No-Deal-Brexit gibt, wird es ein Chaos geben. Das Pfund würde sicher nicht gesünder werden, viele Produkte in Großbritannien würden teurer, das würde viel Unruhe erzeugen. Aber auch die EU müsste in den nächsten drei Monaten noch kräftig was tun, um sich darauf vorzubereiten, weiter Waren nach Großbritannien exportieren zu können. Immerhin importiert Großbritannien mehr, als es exportiert. Man denke nur an die langen Staus, die in Holland, Belgien und Frankreich wegen der Grenzkontrollen entstehen würden. Und das zweite Problem ist, dass es keine Lösung für die Grenze zwischen Nordirland und Irland gibt. Manche Bauern haben Felder, die auf beiden Seiten liegen. Brauchen sie dann ein Visum, wenn sie zum Mähen rübergehen? Auch die EU ist auf einen No-Deal-Brexit nicht vorbereitet.

Brexit-Abstimmung im News-Ticker: „Times“ warnt Großbritannien vor langem Chaos

Was wäre Ihnen denn die liebste Variante: Deal, No Deal, zweites Referendum...?

Vor dem Brexit-Referendum 2016 habe ich meine Meinung täglich, sogar halbtäglich geändert. Am Ende habe ich für „Remain“ (bleiben) gestimmt. Heute wäre ich für ein zweites Referendum, diesmal auf der Grundlage von Fakten statt von falschen Zahlen wie damals. Ich würde wieder für „Remain“ stimmen. Ich bin aber auch der Meinung, dass die EU eine Überholung braucht. Die EU muss sich selbst entscheiden, für welche Werte sie steht.

Falls es zu einem ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens kommt: Befürchten Sie Probleme für Ihren ausländerrechtlichen Status in Deutschland?

Ich glaube nicht, dass ich da Schwierigkeiten bekomme. Ich lebe in Deutschland und kann somit ohne Passkontrolle jede Grenze im Schengenraum passieren, zum Beispiel nach Österreich oder Frankreich. Mal sehen, was wird, wenn ich zu meinem 75. Geburtstag im Juli nach Großbritannien reise. Ich mache mir aber keine Sorgen. Es wird Übergangsregelungen geben.

David Warham (74), Schotte in der Jachenau

Schon mal überlegt, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen?

Ich habe mich tatsächlich schon bei der Ausländerbehörde im Landratsamt erkundigt. Die Dame dort hat im Computer nachgesehen und festgestellt, dass ich angeblich ledig bin und seit 13 Jahren in der Jachenau lebe. Ich bin aber verheiratet, lebe seit 33 Jahren in Deutschland und seit 25 Jahren in der Jachenau. Ich bekam dann die Auskunft, dass ich zuerst einen Deutschkurs mit anschließendem Test machen müsse, um die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Dafür müsste ich aber nach Miesbach oder Weilheim pendeln. 500 Euro hätte das ganze Prozedere gekostet, und das nur, damit ich – außer hier Steuern zu bezahlen – auch in Deutschland wählen darf? Nein. Ich würde gerne weiter hier leben, aber ich sehe kein Problem darin, britischer Staatsbürger zu bleiben.

Nach dem Brexit-Referendum hat Ihre Tochter, die damals in London lebte, im Interview mit dem Tölzer Kurier gesagt, sie werde das Vereinigte Königreich wegen des Abstimmungsergebnisses verlassen. Wo lebt sie heute?

In der Schweiz. Aber der Umzug hatte berufliche Gründe.

Würden Sie im Fall des Brexit ein weiteres Referendum über die schottische Unabhängigkeit befürworten?

Ja. Aber ich fürchte, die Unabhängigkeit wird nicht durchkommen. Spanien wird das nicht zulassen, weil ein unabhängiges Schottland in der EU ein Präzedenzfall für die Basken und Katalanen wäre.

Lesen Sie auch: So wurde der Weg in die Jachenau freigeblasen

Rubriklistenbild: © dpa / Stefan Rousseau

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