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Gesundheit 

Jachenauer Medizinerin warnt vor Giftstoffen in Heilkräutern 

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Oregano, Pestwurz, Natternkopf und Lungenkraut. All das wächst in unserer Region, an den Isarauen oder im eigenen Garten. Doch nicht all diese „Heilkräuter“ sind gefahrlos für den Menschen zu konsumieren. 

Jachenau/Oberfischbach – Auf eine schöne Pizza gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich das Gewürz Oregano – und so mancher Hobbyzüchter holt es sich direkt aus dem eigenen Garten. Doch genau davor warnt die Jachenauer Medizinerin Claudia Gudelius. In einem Vortrag im Gasthof Fischbach räumte sie kürzlich vor rund 35 Interessierten auch mit weiteren Mythen um vermeintlich Gesundes aus der Natur auf.

ClaudiaGudelius’ Vortrag auf Einladung des Bayerischen Bauernverbands hätte aktueller nicht sein können. Seit Jahresbeginn häufen sich die Meldungen über Rückrufe für gerebelten Oregano aus dem Supermarkt. So warnten mehrere Hersteller, dass ihre Produkte Pyrrolizidinalkaloide in zu hoher Konzentration enthalten und gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgenommen würden.

Viele Produkte enthalten Pyrrolizidinalkaloide in zu hoher Konzentration

Der Anlass für die Veranstaltung „Heilkräuter von gestern – Wissen von heute“ in Oberfischbach war allerdings ein anderer. Die Medizinerin aus der Jachenau hatte vergangenes Jahr in einem Leserbrief im Tölzer Kurier vor Gesundheitsgefahren im Zusammenhang mit vermeintlichen Heilkräutern gewarnt. Claudia Gudelius schrieb einst ihre Doktorarbeit über die Heilkunde der Indianer Nordamerikas und beschäftigt sich seither auch aus persönlichem Interesse mit Heilkräutern.

Es sei aber ein Irrglaube, dass alles, was aus der Natur komme, auch gut und für den Menschen gefahrlos konsumierbar sei. „Leider wird das immer wieder verbreitet“, kritisiert Gudelius. Sie habe etwa eine Kräuterpädagogin erlebt, die mit Kindern durch die Isarauen spazierte und sagte: „Alle Kräuter, die hier wachsen, könnt Ihr auch essen.“

Nicht alles, was aus der Natur kommt, ist gefahrlos konsumierbar 

Von Pyrrolizidinalkaloiden wussten die Vorfahren, die auf die Heilkraft der Natur setzten, allerdings noch nichts. Es handelt sich laut Gudelius um einen sekundären Pflanzenstoff, den die Pflanzen selbst produzieren, um Fraßfeinde fernzuhalten. So sorge der Stoff für den bitteren Geschmack, der Kühe und Pferde davon abhält, das berüchtigte Jakobskreuzkraut anzuknabbern. Auf der Wiese lassen die Tiere diese Pflanze links liegen. „Aber wenn sie ins Heu gelangt, ist sie für Pferde und Kühe sehr gefährlich“, so Gudelius.

Beim Menschen könnten die Pyrrolizidinalkaloide auf die Leber schlagen und „im schlimmsten Fall zu Multiorganversagen führen“, erklärt Gudelius. Sie seien außerdem „giftig für die menschliche DNA“ und könnten Krebs auslösen.

Pyrrolizidinalkaloide können auf Leber schlagen und sind giftig für  DNA 

Die erste Pflanze, die im Frühjahr – in den Isarauen ab Ende Februar – blühe und den Stoff enthalte, sei Huflattich. „Früher war er ein beliebtes Mittel gegen Husten“, so Gudelius. „Aber Rehe und Hasen lassen den Huflattich stehen – das sollte eigentlich schon ein Hinweis für uns Menschen sein.“ Huflattich-Hustensaft aus der Apotheke werde den Herstellern zufolge aus eigens gezüchteten Pyrrolizidinalkaloid-freien Pflanzen gewonnen.

„Im schlimmsten Fall können Pyrrolizidinalkaloide zu Multiorganversagen führen.“

Doch auf eigene Faust die Erkältung mit der Pflanze zu kurieren, davon rät die Jachenauer Expertin dringend ab. Auch vom Pestwurz solle man die Finger lassen. Seine großen Blätter seien früher oft verwendet worden, um Fisch einzuwickeln. Der giftige Stoff werde von der Haut aufgenommen und gelange so bei Verzehr des Fischs in den menschlichen Körper. „Kinder sollten auch keinen Pestwurz pflücken“, rät Gudelius.

Natternkopf, Lungenkraut, Borretsch, Beinwell, Wasserdost: Es sei zwar schön, wenn diese Pflanzen als Nahrungsquelle für Hummeln und Bienen im Garten stehen. Doch Gudelius warnt davor, sie alten Überlieferungen folgend als Hausmedizin bei Lungenleiden oder geplatzten Krampfadern einzunehmen oder aufzutragen. „Nicht alles, was aus dem Garten kommt, ist harmlos.“

„Nicht alles aus dem Garten ist harmlos“

Das gelte auch für Oregano. „Der wächst bei mir im Garten wunderbar“, sagt die Jachenauerin. Zum Würzen verwende sie ihn aber nicht. Für italienische Gerichte weicht sie auf Majoran – Oregano ist eine wilde Form davon –, Thymian „und viel Knoblauch“ aus. Auch durch Trocknen und Kochen nehme der Pyrrolizidinalkaloid-Gehalt nicht ab. Von den jetzt zurückgerufenen Produkten habe ein Teelöffel den Grenzwert für einen Menschen mit 60 Kilo Körpergewicht um das 19-Fache überschritten. „Zur Ehrenrettung der italienischen Küche muss man sagen, dass dort wenig Oregano verwendet wird.“

Die Medizinerin hat viel Respekt vor altem Wissen und traditionellen Hausmitteln. „Es liegt mir aber am Herzen, dass man sie nicht einfach auf eigene Faust verwenden, sondern sich im Internet auf den Stand der Forschung bringen sollte.“

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