Mit den richtigen Hilfsmitteln kann man laut Ertl auch ohne Augenlicht ein relativ normales Leben führen. 
+
Mit den richtigen Hilfsmitteln kann man laut Ertl auch ohne Augenlicht ein relativ normales Leben führen. 

Leben mit Behinderung

Lenggrieser erklärt Grundschülern, wie Blinde leben

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
    schließen

Auf Initiative der Lehrerin Katharina Camelly besuchten die Kinder der dritten Klasse der Grundschule Jachenau den Inklusionsbotschafter Markus Ertl bei sich zu Hause und bekamen so Einblicke in das Leben eines Menschen ohne Augenlicht.

Jachenau/Lenggries – Eine Grundschulklasse besucht in Pandemiezeiten einen blinden Mann bei sich zu Hause? Halt, Stopp. Werden nun viele denken. Schließlich ist Lockdown. Aber keine Sorge, der Besuch fand virtuell statt. Keine kleine Herausforderung. Immerhin ist Markus Ertl blind. Und dann gab es noch technische Hürden, denn die Übertragung via dem vom Landratsamt zur Verfügung gestellten Videocall-System „Big Blue Button“ funktionierte nicht ohne Verzerrungen. Trotzdem meisterten Ertl und Camelly die Herausforderung gemeinsam. „In dieser coronaverträglichen Variante war eine gute Moderation seitens der Lehrkraft erforderlich“, berichtet Ertl. Denn: „Wenn ich sonst in Klassen bin, und die Kinder sich mit Klopfen oder Schnipsen melden, merke ich, aus welcher Richtung das kommt. Vor dem PC kann ich das natürlich nicht einordnen.“

Viele würden Blindheit als etwas „schlimmes“ betrachten - Ertl findet das falsch

Anlässlich des Themas „Auge“ im Heimat- und Sachkunde-Unterricht brachte Ertl den Schülern das Leben eines blinden Menschen näher. Einen Vorteil hatte die Video-Variante: „Ich konnte den Schülern so zeigen, wie ich lebe. Ich habe sie zum Beispiel mit in die Küche genommen und ihnen gezeigt, wie unsere Gewürze auch mit Braille-Schrift etikettiert sind“, sagt er. Generell sei es ihm wichtig, junge Menschen für das Thema Behinderung und Blindheit zum einen zu sensibilisieren, ihnen auf der anderen Seite auch die Normalität dahinter zu zeigen. „Ich bekomme oft mit, dass Kinder auf der Straßen ihre Eltern fragen, ob ich nicht sehen kann, wenn sie mich mit Blindenstock sehen“, berichtet er. Schade sei es, dass die meisten Eltern dann nur „Pssst“ sagen würden, „als wäre es etwas Schlimmes“.

Markus Ertl gewährt Schülern per Video-Call Einblick in seinen Alltag

Ertl gab den Kindern wertvolle Tipps mit auf den Weg, was man im Umgang mit Menschen ohne Sehvermögen beachten sollte. „Zum Beispiel wenn man klingelt, immer den Namen sagen, sonst kann ich ja nicht wissen, wer vor der Tür steht.“ Die Kinder konnten die Blindenschrift kennenlernen und am Beispiel von Geldscheinen fühlen, wie Erblindete merken, was sie in der Hand halten. Dazu zeigte er, was er alles auch ohne Augenlicht kann. „Da gibt es oft peinliche Situationen. Viele meinen, ich könnte nicht selber unterschreiben. Teils werde ich dann sogar gelobt“, berichtet Ertl und fügt hinzu: „Und welcher Erwachsene will bitte dafür gelobt werden, etwas zu unterzeichnen?!“

Markus Ertl aus Lenggries Inklusionsbotschafter

Unterrichts-Exkurse wie den der Jachenauer Drittklässler hält Ertl auch in Zeiten von Corona und Lehrplanverzögerungen für essenziell. „Lernen besteht nicht nur aus Mathe und Deutsch, auch gesellschaftliche Themen sind wichtig.“ Die Kinder hätten großes Interesse signalisiert. „Es kamen genauso viele und gute Fragen, wie in den Klassen vor Ort.“ Beispielsweise habe ein Kind gefragt, wie blinde Menschen träumen. „Bei solchen Fragen merkt man, dass sie das Thema in ihre eigene Lebenswelt transportieren“, meint Markus Ertl.

Das könnte Sie auch interessieren:

Bad Tölz: Stimmen zu Maria 2.0: „Kirche kann Frauen nicht länger abspeisen“

43 Jahre alt und gesund: Tölzer Bürgermeister bekommt Astrazeneca-Impfstoff - „War an der Reihe“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare