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Das kleine Kästchen am Halsband stammt aus dem 3D-Drucker. Es beinhaltet das GPS-gestützte Trackingsys tem, das Matthias Engel ausgetüftelt hat. Auf einem Bildschirm wird angezeigt, wo sich jede Kuh im Almgebiet aufhält. 

Neuartiges Trackingsystem für Kühe

Digitale Kuhglocken für den Hiatabua 4.0

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Matthias Engel aus der Jachenau hat ein Trackingsystem entwickelt, um entlaufene Kühe auf der Alm schneller zu finden. Die digitalen Kuhglocken sollen schon bald in Serienproduktion gehen.

Jachenau – Sechs Stunden hat der Hias von der Bichleralm die „Anna“ einmal suchen müssen. Und auch „Schnucki“ begab sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auf Abwege – bis zur Nachbaralm. Es waren solche Alltagsprobleme eines Hiatabuam, die in Matthias Engel den Erfindergeist weckten. Und weil der 43-Jährige nicht nur Hirte und Wirt ist, sondern auch studierter Luft- und Raumfahrttechniker, hat er seine Zeit auf der Alm genutzt, um sein „Lieblingsprojekt“ voranzutreiben, wie er sagt: die „digitale Kuhglocke“.

Matthias Engel ist vermutlich einer der ungewöhnlichsten Almhirten der Region. Für ihn geht gerade der zweite Sommer zu Ende, den er in der Pichlmayr-Hütte auf der Bichleralm an der Südseite der Benediktenwand verbracht hat. Vor elf Jahren hatte es den Ingolstädter in die Jachenau verschlagen. „Damals war ich bei einer Firma in Holzkirchen angestellt und war auf Montage in der Jachenau“, berichtet er. Hier gefiel es ihm so gut, dass er sich selbstständig machte, sich im Sonnental ansiedelte und hier eine Funk-DSL-Lösung baute, die mittlerweile 150 Häusern Zugang zum schnellen Internet ermöglicht

Büro auf 1437 Metern Höhe

Auch für mehrere Almen besorgte Engel den Zugang zum weltweiten Netz – darunter vor einigen Jahren die Bichleralm. Da nun Internet und Telefon schon einmal oben waren, kam dem Ingenieur die Idee, dass er im Sommer seinen Arbeitsplatz ebenso gut dort hinauf verlegen könnte. Jetzt hat er also von Juni bis September sein Büro auf 1437 Metern Höhe, versorgt den Almsommer über 24 Kalbinnen von zwei Bauern und backt im Holzofen Brot und Kuchen für die Wanderer. „Dass ich auch noch Wirt, Hausmeister und Spülhilfe sein würde, hatte ich so eigentlich nicht auf der Rechnung“, sagt der 43-Jährige. „Aber es macht brutal viel Spaß, und es ist einfach ein genialer Arbeitsplatz.“

Ausgestattet ist die Hütte nicht nur mit einem Holzofen, sondern nun auch mit einem 3D-Drucker. Mit ihm hat der Hias mittlerweile etwa 50 Gehäuse für seine „digitalen Kuhglocken“ hergestellt. Eines ist ihm zur Erklärung seiner Entwicklung wichtig: Keineswegs gehe es darum, die althergebrachte akustische Kuhglocke zu ersetzen. „Die ist im alpinen Raum unverzichtbar“, stellt er klar. „Die Viecher sind stolz auf ihre Glocken und erkennen sich gegenseitig am Klang.“

Wer aber schon mal bei Nebel über ein – wie in seinem Fall – 80 Hektar großes Almgelände mit großen Waldanteilen gelaufen sei und ein entwischtes Tier gesucht habe, während einem der Regen auf den Hut prasselt und das Brot im Holzofen liegt, der komme ins Grübeln, ob die Kalbinnen nicht schneller zu finden wären. So entwickelte Engel ein GPS-gestütztes Trackingsystem. Das Prinzip: Jedes Tier bekommt ein kleines Kästchen mit integrierter Antenne ans Halsband – inklusive eigener Energieversorgung über eine Solarzelle. Das funkt zu einer Basisstation, die in der Hütte steht, aber auch im Rucksack mitgeführt werden könnte. Über das eigene WLan überträgt die Basisstation die Positionen der Tiere zum Handy oder Tablet. Dort kann der „Hiatabua 4.0“, so Engel, dann direkt auf dem Bildschirm sehen, wo sich welches Tier aufhält.

Ähnliche Trackingsysteme gebe es bereits, räumt er ein. „Aber die basieren alle auf dem GSM-Netz, das heißt, man hat einen Mobilfunkanbieter dazwischen.“ Im Alpenraum gabe es vielerorts aber keine Mobilfunkabdeckung – seine „digitale Kuhglocke“ funktioniere dann trotzdem.

Mittlerweile hat Engel dafür einen Gebrauchsmusterschutz eintragen lassen. Die Produktion über den 3D-Drucker dauert im Moment 15 Stunden pro „Glocke“ – das muss natürlich etwas schneller gehen, damit sich die Erfindung verbreiten kann. Engel verhandelt daher mit einem Formenbauer in der Region, damit er eine Spritzgussform herstellt, mit der das Kasterl, das aus Polyethylen bestehen soll, dann in Serienproduktion gehen kann. „Die Auslieferung soll im Februar beginnen“, kündigt der Tüftler an. Nachfrage gibt es, davon ist der Hias überzeugt. Beim Almwirtschaftlichen Verein habe er das Produkt schon vorgestellt. „Die Resonanz war gut.“

Die „digitale Kuhglocke“ sei etwa auch für Bauern interessant, die keinen Hirten für die Alm finden, oder für Schafhirten, die den Überblick über eine große Zahl an Tieren behalten müssen. Damit seine Entwicklung den Markt erobern kann, wird Matthias Engel auch den Winter über gut beschäftigt sein – bevor’s kommenden Sommer dann wieder hinauf geht auf die Bichleralm.

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