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Integration auf zwei Brettern: Jachenauer Helfer wie Jost Gudelius (2. v. li.) haben Flüchtlingen – hier v. li. Sara, Sayed und Ali – die Freude am Langlauf vermittelt.  

Asyl-Helferkreis

„Zu 100 Prozent emotional involviert“

Jachenau –  Ein Helferkreis-Treffen in der Jachenau zeigt Freud und Leid der Ehrenamtlichen, die Flüchtlinge betreuen. 

Der örtliche Asylhelferkreis ist stolz auf die Jachenau. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen sei die Gemeinde im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl mittlerweile „Spitzenreiter“ im Landkreis, stellte David Warham, einer der Koordinatoren, am Donnerstag bei einem Infoabend fest. Das Treffen des Helferkreises machte aber auch deutlich, wo die Ehrenamtlichen der Schuh drückt.

33 Flüchtlinge leben aktuell in der Jachenau, aufgeteilt auf einen Bauernhof und den ehemaligen Gasthof Post. 30 ehrenamtliche Helfer waren zu dem Infoabend mit den Landratsamts-Mitarbeitern Jeffrey Pflanzer und Anamarija Brcic in den Gasthof Jachenau gekommen. Weitere Ehrenamtliche werden gebraucht, denn diese Woche ziehen voraussichtlich die nächsten zehn Flüchtlinge in die „Post“ ein.

Viel Aufwand für die Jachenauer Helfer entsteht, wenn sie Flüchtlinge zum Arzt nach Lenggries oder Bad Tölz fahren. „Wir wollen keinen Arzt-Tourismus machen“, stellte Warham klar. Seine Frau Johanna konstatierte deswegen: „Zum Integrieren gehört auch, dass man nicht wegen kalten Füßen zum Arzt geht.“ In einem Fall war es offenbar zu einer Unstimmigkeit mit der Asylsozialberaterin gekommen, die eine Asylbewerberin aus Sicht der Helfer zu einem unnötigen Arztbesuch ermutigt haben soll. Brcic riet den Ehrenamtlichen unterdessen, ihre Schützlinge nach Möglichkeit selbst mit dem Bus zum Arzt fahren zu lassen. „Sie kommen schon zurecht.“

Eine Busfahrt nach Lenggries und zurück aber kostet im günstigsten Fall (mit Zehnerticket) 8,40 Euro, nach Bad Tölz (mit Tagesticket; Fahrzeit: zirka eine Stunde) 9,80 Euro. „Die Flüchtlinge müssen zum Landratsamt oder zum Kaufland, weil es dort Schuhe für 50 Euro gibt – in der Jachenau kann man keine Schuhe kaufen“, sagte Warham. „Kann man ihnen keinen Buspass geben?“ Dazu habe er immer die Antwort gehört: „Es geht nicht, weil man Hartz-IV-Empfängern dann auch eine Busfahrkarte bezahlen müsste“, sagte Warham. „Dann gebt ihnen doch auch eine!“

Jeffrey Pflanzer, Asyl-Fachbereichsleiter im Landratsamt, zeigte sich gar nicht abgeneigt. „Im Sozialamt würden wir es begrüßen, wenn der Landkreis ein vergünstigtes Sozialticket einführen würde.“ Da schade es nicht, wenn die Forderung an die Politik auch von außerhalb vorgetragen werde.

Noch viele bürokratische Regelungen und alltägliche Fallstricke gab es an dem Abend zu besprechen. Die Emotionen kochten bisweilen hoch – sei es bei der Frage, wo die Asylhelfer in der „Post“ auf die Toilette gehen können, oder bei der Bitte von Brcic, dass das Landratsamt als Mieter gern Bescheid wüsste, wenn Gäste über einen längeren Zeitraum in einer Flüchtlingsunterkunft übernachten. Ist auch vieles im Behörden-Ablauf etwas kompliziert – zumal von der Jachenau aus –, so fanden sich für einige Anliegen auch einfache Lösungen. Einer Helferin, die Patin für eine Familie mit Kleinkindern ist, stellten die Landratsamtsmitarbeiter die Überlassung von Kindersitzen fürs Auto in Aussicht. Keine positive Antwort hatte Pflanzer dagegen für Claudia Gudelius. „Tafel, Kreide und Kopien für den Deutsch-Unterricht habe ich bisher alles selbst bezahlt“, sagte die Helferin. „Dafür hat der Staat leider keine Mittel vorgesehen“, erklärte Pflanzer.

Die Jachenauer Helfer berichteten auch von vielen positiven Erfahrungen. „Die meisten Flüchtlinge sind superglücklich, dass sie hier in der Jachenau sind und unsere Loipen benutzen können“, sagt Warham. In der bestehenden Unterkunft auf einem Bauernhof funktioniere das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten sehr gut – „auch weil wir so engagierte Helfer haben“, so Warham. Und die Asylsuchenden bringen sich in der Gemeinde ein, etwa indem sie Loipen freischneiden. Am Wertstoffhof helfen einige den Bürgern, die Müllbehälter aus dem Auto zu laden und den Inhalt in die Container zu sortieren. Bei den neuen Bewohnern der „Post“ handle es sich auch um „sehr nette, liebe Leute“, so Warham.

Zum Schluss fasste er zusammen: „Die Jachenau ist sehr engagiert, aber wir streiten auch gern.“ Für die Helfer sei es schwer, den Rat zu befolgen, sich gefühlsmäßig nicht zu stark in das Ehrenamt hineinzusteigern. „Man kann nicht zu zehn Prozent involviert sein, nur zu 100 Prozent. Da sind viele Emotionen im Spiel.“

Kontakt zum Landratsamt

Die Asyl-Ansprechpartner im Landratsamt sind telefonisch nicht immer leicht zu erreichen. Fachbereichsleiter Jeffrey Pflanzer riet zu Kontakt per E-Mail an die Adresse asyl.sozialamt@lra-toelz.de

Andreas Steppan

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