+
Acht Hektar groß ist das Gelände der Versuchsanstalt Obernach. Darauf befinden sich mehrere Versuchshallen, sowie im Freien liegende Versuchskanäle. Ebenfalls dazu gehören eine Werkstatt, ein Bürogebäude (rechts, mit grünem Dach) und ein Gästehaus (vorne rechts, verdeckt).

VERSUCHSANSTALT OBERNACH

Forscher weisen Fischen den Weg

Jachenau/Obernach –  Wie kann ein Stauwehr auf größere Hochwassermengen vorbereitet werden? Wie können Fische problemlos ein Wasserkraftwerk durchschwimmen? Und wie kann das Geschiebe an der Oberen Isar sinnvoll bewältigt werden? Antworten auf diese und viele andere Fragen suchen die Wissenschaftler an der Versuchsanstalt Obernach der TU München.

Arnd Hartlieb dreht das Wasser auf. Dafür betätigt der Betriebsleiter der Versuchsanstalt Obernach einige Knöpfe. Es rauscht und tobt, als würde gleich ein Sturzbach durch die Halle tosen. Aber als das Wasser schließlich nicht mehr nur zu hören, sondern zu sehen ist, hebt sich der Pegel kontrolliert. Es läuft durch rote Rohre, hinein in den Stausee am Ångerman-Fluss und am anderen Ende zurück ins Flussbett durch den Hällby Dam – oder zumindest durch ein Modell des schwedischen Kraftwerks im Maßstab 1:40. Dort entstehen Wasserstrudel, Turbulenzen. Sie sind ein Grund, warum solche Modellversuche notwendig sind.

Das Projekt „Hällby Dam“ wurde gerade abgeschlossen. Für einen Stromkonzern erforschten die TU-Wissenschaftler, wie der Damm größere Hochwassermengen bewältigen könne. Die Lösung: Ein bereits bestehender, aber versiegelter Durchlassstollen wurde wieder geöffnet. „Ohne den Modellversuch hätten wir uns das aber wohl nicht getraut“, sagt Hartlieb.

Arnd Hartlieb (Bild links) zeigt das Modell des Hällby Damms in Schweden. Die beiden großen Öffnungen waren bereits vorhanden. Der kleinere Durchlass rechts unten wurde als zusätzliche Ableitung für Hochwasser getestet – und wird nun auch in realer Größe umgesetzt. Es ist der zweite Auftrag am Ångerman-Fluss den die Versuchsanstalt umgesetzt hat.

In Obernach, Gemeinde Jachenau, nahe dem Walchensee finden die Forscher optimale Voraussetzungen vor. Eine Besonderheit ist das große Freigelände, das hauptsächlich von Frühjahr bis Herbst für Versuche genutzt wird. „In unseren Versuchshallen haben wir ganzjährig Wasser“, sagt Hartlieb. „Dort sind wir nicht auf das Wasser von außen angewiesen.“ Es sei aber eine tolle Möglichkeit, dass die Versuchsanstalt direkt am Obernachkanal liegt: Das Wasser fließt auf natürliche Weise über das Gelände. So wird nicht nur Energie eingespart, die man für die Pumpen benötigen würde. Die Versuchsmöglichkeiten sind auch sehr realitätsnah. „Das ist original Isarwasser. Temperatur und Schwebstoffgehalt stimmen mit den Werten in freier Natur überein“, sagt Hartlieb.

Der 46-Jährige ist seit 2007 Betriebsleiter der Versuchsanstalt. Durch eine „glückliche Fügung“ habe es ihn hierher an die Außengrenze des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen verschlagen, sagt der gebürtige Augsburger. Er studierte Bauingenieurwesen an der TU München und fand Gefallen an den Themen Wasser und Umwelt. Nach seiner Diplomarbeit ist er in Obernach hängen geblieben. „Fließendes Wasser übt eine Faszination aus“, sagt Hartlieb. „Für mich war wichtig, dass das Forschungsgebiet nicht nur Theorie ist, sondern anschaulich und unglaublich abwechslungsreich.“ In gewisser Weise ist es auch die Erfüllung eines Kindheitstraums. „Wer hat nicht, als er klein war, mit Staudämmen gespielt? Wir können das hier in groß umsetzen.“ Modellversuche sind auch im Computerzeitalter nicht zu ersetzen. Vieles kann zwar mithilfe von Simulationen dargestellt werden. Aber nicht jedes Verhalten von Wasser lässt sich vorhersehen. Bestes Beispiel: die Turbulenzen am „Hällby Dam“.

So ist es auch mit dem Verhalten von Fischen. Es ist ein altbekanntes Streitthema: Fischer und Naturschützer wehren sich gegen Wasserkraftwerke, da die Tiere in den Turbinen verletzt oder getötet werden könnten. „Ein Wasserkraftwerk behindert die Fischwanderung“, sagt Hartlieb. Um den Aufstieg der Tiere zu erleichtern, gibt es bereits verschiedene Möglichkeiten, wie etwa Fischtreppen. „Schwierig wird es, wenn die Fische in die andere Richtung, also nach unten schwimmen.“ Die Forscher in Obernach haben einen aufwändigen Versuch gestartet: mit echten Tieren, genau den Arten, die in Isar und Loisach vorkommen. Die Idee: Den Rechen, der vor jedem Kraftwerk senkrecht steht, um Geschiebe aufzufangen, einfach flach zu neigen. „Damit werden die Fische geleitet und können nach oben wandern.“ Dort finden sie eine Möglichkeit, abzusteigen.

Einen Einklang mit Fauna und Flora zu finden, ist bei Wasserkraft nicht immer einfach. Eine Halle weiter ist ein riesiges Modell der oberen Isar aufgebaut. Damit wurde für die Problematik am Krüner Wehr eine Lösung gesucht, wo sehr viel Geschiebe weitertransportiert wird. „Eine Wildflusslandschaft braucht auch Geschiebe“, erklärt Hartlieb. Da es sich hier aber um solche Massen handelt, muss es weiter unten mit Lastern abtransportiert werden. „Unser Versuch zeigte nun, wie mit einem seitlichen Kiesfang direkt am Krüner Wehr erreicht werden kann, dass nicht mehr so viel Geschiebe unten ankommt.“ Dafür müsste quasi ein kleiner Seitenarm der Isar entstehen, in dessen Verlauf sich Geschiebe absetzen könnte. Ob dieser Kiesfang umgesetzt wird, ist aber noch unklar. Es gibt Bedenken von Seiten des Naturschutzes, da es sich um ein FFH-Gebiet handelt. „Aber eigentlich wäre es ein ökologischer Vorteil“, sagt Hartlieb. „Die Entnahme unterhalb des Wehrs könnte man zwar nicht komplett vermeiden, aber drastisch reduzieren.“ In politische Diskussionen möchte sich der 46-Jährige aber nicht einmischen: „Wir erledigen die wissenschaftliche Arbeit. Dann geben wir Empfehlungen.“

Die oft auch angenommen werden. Wie im Beispiel „Hällby Dam“. In Schweden wird anhand des Modells aus Obernach jetzt real gebaut.

Bewegende 90-jährige Geschichte

Ein Jubiläum feiert die Versuchsanstalt Obernach in diesem Jahr: 1926, vor 90 Jahren, wurde sie gegründet. „Zumindest auf Papier“, sagt Arnd Hartlieb. Es dauerte weitere drei Jahre bis sie den Versuchsbetrieb aufnehmen konnte. Die Initiative für die Gründung ging von Oskar von Miller aus, der auch den Bau des Walchenseekraftwerks vorantrieb. „Er hat daran gesehen, dass es besser ist, manche Dinge vorher zu untersuchen“, sagt Hartlieb. Das erste bekannte Projekt war gleich international: Von 1930 bis 1933 kamen chinesische Wissenschaftler nach Obernach, um gemeinsam mit den Forschern vor Ort Versuche für die Regulierung des Huang Ho-Flusses vorzunehmen. Für die Zeit des Dritten Reiches gibt es wenige Quellen: Nach dem Krieg konfiszierten die Amerikaner alle Unterlagen. Bekannt ist, dass in den 1940er Jahren in Obernach ein Versuchsaufbau für die Deutsche Wehrmacht stattfand, der sich um den Marinehafen auf Helgoland drehte. „Nach Kriegsende war eine kritische Zeit“, sagt Hartlieb. „Es war nicht klar, ob es weitergeht.“ Eine Legende besagt, dass ein amerikanischer Wissenschaftler, der schon früher einmal in Obernach geforscht hatte, eine schützende Hand über die Einrichtung legte. Sie wurde nicht geschlossen. 1952 wurde die Einrichtung vom Bayerischen Innenministerium übernommen, zehn Jahre später folgte die Angliederung an die Technische Universität (TU) München. Ein großes Projekt in den 60er-Jahren war die Regulierung der Donau zwischen Regensburg und Straubing. In der jüngeren Vergangenheit haben sich die Forscher in Obernach mit Projekten an Lech und Isar aber auch in Schweden und dem Sudan beschäftigt. Vom 29. Juni bis 1. Juli findet das internationale Wasserbau-Symposium in Wallgau statt. In diesem Rahmen soll das Jubiläum auch gefeiert werden.

18 Mitarbeiter arbeiten in Obernach

Die Versuchsanstalt Obernach, auch Oskar-von-Miller-Institut, erstreckt sich auf etwa acht Hektar Fläche. Sie liegt direkt an der Landkreisgrenze zwischen Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch- Partenkirchen. In der Regel sind 18 Mitarbeiter vor Ort, darunter sechs Wissenschaftler, drei Doktoranden und sieben spezialisierte Handwerker, die die Modelle erstellen. Arnd Hartlieb ist als Betriebsleiter meist in Obernach anwesend. Ab und zu fährt er nach München an die TU, um Vorlesungen zu halten. TU-Studenten haben die Möglichkeit, an die Versuchsanstalt zu kommen, um dort Praktika zu machen und an den Modellen zu arbeiten. Auch Bachelor- und Masterarbeiten werden am Oskar- von-Miller-Institut geschrieben. Mittlerweile sind es laut Hartlieb auch viele Frauen, die sich für ein Studium im Fachbereich Wasserbau und Wasserwirtschaft interessieren – vor allem, seit der Aspekt „Umwelt“mit einbezogen wird.

Melina Staar

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Zurück ins Leben
Im ehemaligen Krankenhaus hilft eine therapeutische Wohngruppe Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen.
Zurück ins Leben
Nach Attacke auf Tölzer Schüler: Videomaterial bestätigt Ablauf
 Nach der Attacke in der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), bei der  ein Schüler aus Bad Tölz und einer aus Kapstadt verletzt wurden, ermittelt die Polizei weiter. Jetzt …
Nach Attacke auf Tölzer Schüler: Videomaterial bestätigt Ablauf
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Donnerstagabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Donnerstagabend

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare