Ansturm der Tagestouristen

Ausflügler-Chaos am Walchensee-Südufer: Wenn sogar der Mautposten kapituliert - ein Besuch

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    vonVeronika Ahn-Tauchnitz
    schließen

Der Walchensee wird von Tagestouristen überrannt. Die Mautposten an der Süduferstraße bekommen es hautnah mit. Ein Besuch an der Station in Einsiedl im Hochsommer.

  • An der Mautstraße am Walchensee-Südufer herrschen besonders an schönen Tagen chaotische Verhältnisse.
  • Die Mautposten in Niedernach und vor allem in Einsiedl bringt der Andrang an ihre Grenzen.
  • So geht es zu am Mauthäusl in Einsiedl an einem der heißesten Tage des Jahres.

Jachenau/Einsiedl – Eine Stunde. So lange braucht der Autofahrer an diesem Freitagmittag, um die etwa zehn Kilometer lange Mautstraße der Bayerischen Staatsforsten von Niedernach nach Einsiedl hinter sich zu bringen. Das Thermometer zeigt über 30 Grad. Der Wetterbericht verheißt für heute einen der letzten heißen Tage des Sommers. Der Andrang ist gewaltig. Etwa 800 Autos haben die Mautstation in Niedernach bis zum Mittag bereits passiert, in Einsiedl sind es sicher noch einmal 300 mehr. Parkplätze am Südufer: längst Mangelware. Wer keine Lust mehr zum Suchen hat, bleibt im Parkverbot und damit oft auch auf den Rettungswegen stehen. Die Verhältnisse sind chaotisch.

In Schrittgeschwindigkeit wälzen sich die Autos in beiden Richtungen vorwärts. Das niedrige Tempo ist vermutlich der einzige Grund, warum es nicht mehr Unfälle auf der engen Straße gibt. Fußgänger mit und ohne Sprössling an der Hand, mit und ohne Kinderwagen, mit und ohne Wassersportgerät schlängeln sich durch den Verkehr, dazwischen Radfahrer, die die Autos links und rechts überholen. Ausweichen bei Gegenverkehr ist kaum möglich, weil überall Wagen bis zum Fahrbahnrand parken.

Walchensee: Auf der B11 staut sich der Verkehr längst zurück

In Einsiedl staut sich bereits seit einiger Zeit der Verkehr auf die B11 zurück. Der Strom an Erholungssuchenden reißt seit dem Vormittag nicht ab. „In der heißen Phase arbeiten wir in Doppelschichten“, sagt Robert Krebs, stellvertretender Leiter des Tölzer Forstbetriebs. Das heißt: Die frequentiertesten Mautstationen am Walchensee, aber auch an der zweiten Straße zwischen Vorderriß und Wallgau, sind mit je zwei Mann besetzt. In Einsiedl haben heute Albert Neuner (62) und Klaus Singer (60) Dienst. Beide waren früher für den Forstbetrieb als Waldarbeiter tätig. Als mit zunehmendem Alter die schwere körperliche Arbeit immer schwieriger wurde, bewarben sie sich als Mautposten. Neuner kassiert dort seit 2003, Singer ist seit vier Jahren dabei.

Mautposten in Einsiedl: Angestellte sind „Mädchen für alles“

Mit dem Kassieren ist es allerdings nicht getan. „Wir sind Mädchen für alles“, sagt Neuner. In erster Linie beantworten die beiden Fragen über Fragen. „Geht es hier zum See?“, will jeder Zweite wissen. „Haben Sie einen Prospekt?“, fragt eine Fußgängerin. Ob es noch Parkplätze gebe, will ein besorgter Autofahrer wissen, ein Mann erkundigt sich, wo man Angelkarten bekommt – und zwischendurch will jemand einen Schein in Kleingeld gewechselt haben für den Automaten am gegenüberliegenden Nachtparkplatz. Dann möchte jemand wissen, wo denn dieser Sandstrand liegt, den er auf so vielen Fotos gesehen hat. „Der ist im Sommer unter Wasser. Den gibt es so nur im Winter“, lautet die Antwort. „Nach der bayerischen Karibik werden wir vermutlich 100-mal am Tag gefragt“, ergänzt Neuner. Immer wieder müssen sie auch erklären, dass man im Landschaftsschutzgebiet nicht grillen und kein Feuer machen darf.

Die Männer am Mautposten in Einsiedl müssen Fehlbeträge aus eigener Tasche zahlen

Dazwischen versuchen Neuner und Singer, die Autofahrer möglichst rasch abzufertigen. Nicht so einfach, wenn den Mautposten eine Handvoll Kupfergeld gereicht wird, einige Münzen zu Boden fallen und unters Auto rollen. Bis Singer festgestellt hat, dass zehn Cent fehlen, ist das Auto schon weitergefahren. Am Ende des Tages müssten die beiden die Fehlbeträge aus eigener Tasche drauflegen. „Manche geben aber auch einen Euro Trinkgeld“, brummt Neuner.

Jede halbe Stunde wechseln sich die beiden beim Kassieren ab. „Alleine schafft man das zu Stoßzeiten nicht. Man muss sich schon konzentrieren“, sagt Singer. „Halt, warte“, brüllt er im selben Moment einem Auto hinterher. Der Fahrer hat Gas gegeben – ohne auf seine fünf Euro Wechselgeld zu warten. Der Mautposten trägt sie ihm hinterher. In der Gegenrichtung stoppt ein Wagen auf Höhe des Mauthäusls. Am Ufer gehe es so zu, dass er gar keinen Parkplatz mehr gefunden habe, klagt der Fahrer und schwenkt vorwurfsvoll seinen Mautschein. Offensichtlich möchte er sein Geld zurück. Da aber beißt er auf Granit. „Die Leute zahlen für die Durchfahrt“, sagt Krebs. Das Parken ist in den fünf Euro inbegriffen.

Walchensee-Ranger hat schon 45 Parksünder aufgeschrieben

Weil der Forstbetrieb an der Mautstraße gewerblich tätig ist, führt er Gewerbesteuer an die Gemeinde Jachenau ab. Und er bezahlt Fremdenverkehrsabgabe. Die Mauteinnahmen fließen aber vor allem in den Straßenunterhalt, die Pflege der Parkplätze und Brücken, die Dixiklos, die zweimal pro Woche geleert werden, und natürlich in erster Linie in das Personal. Acht Mitarbeiter in wechselnden Wochenschichten sind im Einsatz. Vier arbeiten jeweils sieben Tage lang, bis zu zehn Stunden am Tag – dann haben sie eine Woche frei. Neben dem Dienst an der Station kümmern sich die Mitarbeiter um das Aufsammeln von Müll oder um Pflegemaßnahmen auf dem Gelände.

Der Hinweis, dass am Walchensee alle Parkplätze belegt sind, interessiert kaum einen Autofahrer.

Einer der Walchensee-Ranger, der seit heuer im Einsatz sind, kommt am Mauthäusl vorbei. 45 Autos im Parkverbot hat er am Südufer aufgeschrieben. „Die Polizei arbeitet sich auch gerade von Niedernach vor“, sagt er. Drei seiner Kollegen sind ebenfalls am See unterwegs. In erster Linie sollen sie illegales Feuermachen verhindern.

Mautstelle in Einsiedl macht um schon mittags dicht: „Ich ruf jetzt dann die Polizei an“

Um 13.30 Uhr ist Schluss. „Ich ruf’ jetzt dann die Polizei an“, kündigt Neuner an. Seine Kollegen in Niedernach machen gerade das gleiche. Dann nimmt er das Schild mit der Aufschrift „Stop, Mautstelle“ ab und ersetzt es durch eine Tafel, auf der er handschriftlich vermerkt hat, dass alle Parkplätze am See belegt sind. Diese Meldung kann die Polizei auch an den Verkehrsfunk der Radiosender weitergeben. Ab diesem Zeitpunkt kassieren die Mautposten nicht mehr. „Sie können durchfahren, aber nicht mehr parken“, erklärt Neuner geduldig den Autofahrern. Die wenigsten hält das ab. „Ich verstehe ja auch, dass die Leute nicht umdrehen. Die meisten haben eine weite Anreise hinter sich“, sagt Krebs.

Dass die Mauthäuschen bei Überfüllung schließen, sorgt durchaus auch für Kritik. „Aber manche Autofahrer werden richtig aggressiv, wenn sie keinen Parkplatz finden. Wir wollen unsere Mitarbeiter dieser Gefahr nicht aussetzen“, erklärt Krebs. „Irgendwann können wir dem Chaos nur noch seinen Lauf lassen.“

Mautstraße bei Jachenau: Warum man sie nicht einfach sperren kann?

Aber warum schließt man nicht einfach die Schranken am Beginn und Ende der Mautstraße, wie viele immer wieder fordern? Das hat mehrere Gründe: Einmal ist die Mautstraße für einige Jachenauer Teil ihres täglichen Arbeitswegs. Auch Betriebe nutzen die Straße. Zum anderen darf der Forstbetrieb die Straße gar nicht sperren. Das kann nur die Polizei oder die Gemeinde als Straßenverkehrsbehörde. Und zum Dritten könnte eine geschlossene Schranke gerade in Einsiedl ein noch größeres Verkehrschaos auslösen. Der ohnehin vorhandene Stau auf der Bundesstraße 11 würde sich dadurch noch deutlich verlängern.

Um diese Situation zu entschärfen, will der Forstbetrieb beide Mautstation näher an den See verlegen und jeweils einen Ausweichparkplatz schaffen, auf dem zur Not auch gewendet werden kann. Ein Verkehrszählsystem soll zudem Aufschluss bringen, wie viele Autos auf dem Gelände bleiben und wie viele nur durchfahren. Lösen werden beide Maßnahme die mitunter chaotischen Verkehrsverhältnisse am Walchensee nicht.

Aber auch am Sylvensteinsee nimmt der Freizeitdruck zu. Anwohner aus Fall klagen über chaotische Parkverhältnisse und sogar Fäkalien im Garten.

Rubriklistenbild: © Arndt Pröhl

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Dreh in der „bayerischen Karibik“: Til Schweiger dreht am Walchensee - ein Geheimnis lässt er sich nicht entlocken
Dreh in der „bayerischen Karibik“: Til Schweiger dreht am Walchensee - ein Geheimnis lässt er sich nicht entlocken
Coronavirus im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Aktuell 11 Personen in Quarantäne
Coronavirus im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Aktuell 11 Personen in Quarantäne
Tölz live: Tipps für das Wochenende
Tölz live: Tipps für das Wochenende
Richterin wundert sich über Melonendieb: „Wenn Sie wenigstens Hunger gehabt hätten...“
Richterin wundert sich über Melonendieb: „Wenn Sie wenigstens Hunger gehabt hätten...“

Kommentare