Seit dem Sommer 2020 sind die Walchensee-Ranger Sabine Gerg und Hans Adlwarth am Walchensee im Einsatz.
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Seit dem Sommer 2020 sind die Walchensee-Ranger Sabine Gerg und Hans Adlwarth am Walchensee im Einsatz. (Archivfoto)

„Aufpassen, nicht überrollt zu werden“

Kamen die Ausflugsregionen im Corona-Winter zur Ruhe? Walchensee-Rangerin berichtet von neuem Problem

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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Der Walchensee ist nicht nur im Sommer ein Ausflugsziel, das unter dem enormen Andrang ächzt. Wie Walchensee-Rangerin Sabine Gerg berichtet, kam zuletzt noch ein massives Problem hinzu.

Jachenau/Lenggries - Mit dem Schnee kam ein massives Problem auf die Walchensee-Ranger Sabine Gerg und Hans Adlwarth zu: das Driften. Was das ist, wie die Pandemie ihre Arbeit verändert hat und warum sich aus ihrer Sicht inzwischen jeder an die eigene Nase packen muss, um die Region zu entlasten, erklärt Sabine Gerg (47) im Interview.

Suchen in Zeiten der Pandemie auch im Winter viele Menschen Ruhe und Erholung in der Natur?

Unter der Woche kommen viele Genießer, auch bei schlechtem Wetter. Doch leider haben wir schon erschreckende Tage, vor allem am Wochenende, erlebt. Von Ruhe und Erholung keine Spur mehr, vor allem für die Natur. Da kommen sogar die Münchner leicht verstört vom Scharfreiter zurück und sagen mit einem Kopfschütteln, dass sie solch’ eine Menschenmasse beim Tourengehen noch nie erlebt hätten.

Was antworten die Leute, wenn Sie sie fragen, welche Schlüsse sie daraus ziehen?

Ein Teil sagt, dass sie es sich beim nächsten Mal zweimal überlegen werden, ob sie an so einem schönen Tag rausfahren. Das sind Menschen, die begreifen, dass hier etwas vor sich geht, was keiner für die Zukunft möchte. Den anderen Teil ereilen diese Gefühle nicht. Da heißt es: „Wir haben uns das heute vorgenommen, wir ziehen das durch.“ Dabei wird gerne vergessen, dass der Winter oft die einzige Möglichkeit ist, Tiere und Natur mal zu schonen und durchschnaufen zu lassen.

Und da kommen Sie und ihr Kollege Hans Adlwarth ins Spiel...

Genau. Wir versuchen, auch diese Leute zu sensibilisieren und aufzuklären, zum Beispiel über die Folgen unüberlegten Abfahrens fernab der Hauptrouten über Schongebiete. Des Öfteren mag es was bringen. Oft aber bleiben gerade egozentrierte Menschen ihrem Wesen treu.

Ranger im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zum ersten Mal auch im Winter unterwegs

Ist in diesem Winter mehr los als sonst?

Als Ranger sind wir ja zum ersten Mal im Winter unterwegs. Aber als der Landkreis Miesbach zu war und keiner nach Österreich durfte, war das ein Hammerwochenende, zumal das Wetter auch noch passte. Auf den Gipfeln, vor allem auf dem Schönberg, brummte es am Samstag. Der Sonntag hat den Samstag dann noch getoppt. Brauneckparkplatz und Hohenburg waren dicht, der Ortsteil Fleck war nur noch ein Riesenparkplatz. Das Areal um die Moosenalm: ein Fiasko. An vielen Stellen wäre da im Falle eines Rettungsmanövers kein Durchkommen mehr gewesen.

Gibt es Probleme mit Falschparkern?

Gerade das „Herdentier“-Syndrom bei den Parkern finde ich phänomenal. Es parkt einer verkehrt, dann kommt der nächste und stellt sich blindlings hinten dran. Wir sind verpflichtet die Polizei zu rufen, wenn wir merken, dass die Straße für Einsatzkräfte zu eng werden könnte oder gar nicht mehr passierbar wäre. Und manchen „Nachparker“ schreckt ein Zettel an der Windschutzscheibe des Vordermannes schon noch ab. Würde man das ignorieren und keinen Strafzettel hinhängen, wäre das für den nächsten ein Freifahrtschein.

Ausflügler reisen in getrennten Autos an - und machen dann am Berg gemeinsam Brotzeit

Halten sich die Leute an die Corona-Auflagen?

Oft fällt uns auf, dass Gruppen, so wie es das Infektionsschutzgesetz vorschreibt, nur zu zweit im Auto sitzen, und sie etwa mit fünf Fahrzeugen anreisen. Im Gänsemarsch starten sie dann los. Irgendwann sitzt man aber halt doch zum Brotzeiten zusammen – ohne auf Abstände zu achten.

Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen?

Ein massives Problem als der Schnee kam: „Drifter“ im Naturschutzgebiet und am Walchensee-Südufer. (Anmerkung der Redaktion: Unter Driften versteht man das Herumschleudern mit dem Auto, wobei die Hinterachse ausbricht). Sie sammeln sich am Damm oder an der Sylvensteinbrücke. Teilweise in Konvois geht es dann mit unglaublichem Speed über die Bundes- zur Mautstraße. Die Strecke eignet sich hervorragend, weil sie nicht gesalzen wird. Mittlerweile haben wir herausbekommen, dass sich da „Späher“ am Eingang der Mautstraße postieren, wenn Polizei oder wir im Anmarsch sind. Es wird auf Straße und in den Parkplätzen gedriftet und gefilmt.

Walchensee-Ranger und Polizei stehen in engem Austausch

Was tun Sie, wenn Sie solche Drifter sehen?

Wir und der Forst können nur die Polizei informieren, da keiner von uns in den fließenden Verkehr eingreifen darf und auch nicht will. Erst wenn sie stehen, können wir sie ansprechen – und da kommt fast nichts an. Naturschutzgebiet? Egal. Ruhe im Winter für die Tiere? Egal. Lebensgefahr für sich und andere Verkehrsteilnehmer? Egal. Eher muss man noch aufpassen, nicht überrollt zu werden. Wir und der Forst stehen im engen Austausch mit der Polizei. Mit den Kochler Beamten habe ich das schon so gehandhabt, dass sie per Freisprechanlage über mein Auto einer 15-köpfigen Jugendgruppe mit sechs Autos den Kopf gewaschen haben. Sie drohten, dass ihre Aktion pro Kopf bis zu 250 Euro kosten würde, sollten sie jetzt kommen müssen. Die Polizei kam nur nicht, weil die Gruppe sich von mir aufklären ließ, einsichtig war und auch nicht unfreundlich und aggressiv wurde.

Mit welchen Problemen sind Sie noch konfrontiert?

Als der Sylvensteinspeicher zuzufrieren begann, gab es etliche, die sich Hunderte Meter hinauswagten – zwischen den sichtbaren Spannungsfugen und den noch offenen Pfützen hindurch. Darunter auch Familien. Hier konnte man sich den Mund fusslig reden: Den meisten war die Aufklärung über die Besonderheit des Speichers bei Eisbildung und beim Absenken und Anheben des Wasserpegels völlig egal. Auch das Argument, dass sie ihr Leben und vor allem das Leben der Retter in Gefahr bringen. Seil und Eishacke sind seit dieser Zeit ein fester Bestandteil in unseren Fahrzeugen. Ein weiteres Problem sind unter anderem frei laufende Hunde: Das ist noch massiver als im Sommer. Leider sind viele aufklärungsresistent, da muss man sich oft Boshaftigkeiten anhören.

Für die Natur wäre ein Ausflugsverbot eine Wohltat

Wie ist die Stimmung bei den Erholungssuchenden?

Es kommt hin und wieder vor, wenn wir auch über das Infektionsschutzgesetz aufklären, dass wir an den Kopf geworfen bekommen, was wir mit unserem „Sch....“ wollen, weil es demjenigen gerade schlecht ginge und er eine Auszeit brauche. Generell gereizter scheint uns die Stimmung aber nicht zu sein. Diskussionen ebben immer wieder in erhöhten Maße auf, aber letztendlich wird sich im Großen und Ganzen daran gehalten.

Würden Sie ein Ausflugsverbot begrüßen?

Bei unserer Arbeit steht der Schutz des Gebietes im Vordergrund. Wir nehmen eine vermittelnde Position zwischen Mensch und Natur ein. An den harten Tagen sind wir mit der Steuerung von Menschenmassen beschäftigt. Da kommt man oft an seine Grenzen. Auch scheint die Arbeit an solchen Tagen nahezu zu verpuffen. Es tut einem dann weh zu erkennen, dass die Natur dann phasenweise missbraucht und bis zum Anschlag egozentrisch ausgebeutet wird. Es wäre daher eine schöne Vorstellung, dass Flora und Fauna mal ohne Wenn und Aber so richtig zwei Wochen durchschnaufen könnte. Für unsere Natur also ein klares „Ja“. Für die Gleichberechtigung und Menschlichkeit ein klares „Nein“.

Braucht es aus Ihrer Sicht mit Blick auf den Sommer Maßnahmen zur Besucherlenkung bzw. Einschränkung?

Zu einem funktionierenden Arbeitsalltag braucht der Mensch ein Ventil. Leider sind „nur“ die geballten Massen das Problem. Es freut uns, wenn der Besucher eine Liebe zum Isarwinkel hat und hier seine Erholung finden möchte. Sobald man sich im Landschafts- oder Naturschutzgebiet bewegt, beginnt unser Arbeitsauftrag. Wir Ranger beobachten, erklären und informieren. Es ist uns wichtig, dass Leute auf uns zukommen und etwas über das Gebiet erfahren wollen, sich interessieren. Die größte Herausforderung an solchen Tagen ist es aber vor allem, uns der Menschen anzunehmen, die kein oder wenig Gespür haben, wie man sich in einem solchen Gebiet verhalten muss. Das ist es, was wir tun können, ein kleines Zahnrad, und deswegen „Ja“ zu Ihrer Frage.

Walchensee-Rangerin appelliert an den gesunden Menschenverstand

Sind denn wirklich so viele „Auswärtige“ unterwegs?

Wir kommen enorm ins Grübeln, wenn wir zehn Stunden unterwegs waren und uns am Abend fragen, wie viele Bekannte wir heute getroffen haben. Die können wir oft leicht an einer Hand abzählen, obwohl wir mit Hunderten von Menschen Kontakt hatten. Beruhigend könnte man sagen, die Einheimischen bleiben in ihrem Garten oder „die san an de geheimen Platzerl“ unterwegs. Aber eigentlich ist die Befürchtung gewiss, dass auch dieses Gleichgewicht mittlerweile ins Schwanken geraten ist. Deswegen wäre zudem eine weitere Steuerung von oben wichtig.

Was schlagen Sie vor?

Ein schwieriges Thema, zu dem ich leider keine lösungsorientierte, schnelle Antwort parat habe. Um eigentlich mal „ganz einfach“ anzusetzen: Man muss an den gesunden Menschenverstand appellieren. Jeder Einzelne muss sich jetzt an die eigene Nase fassen. Angefangen vom Einheimischen in seiner Vorbildfunktion über den Tagesauflügler bis hin zum Urlauber. Man muss sich immer wieder selber hinterfragen in seinem Tun und Handeln. Muss ich also als „Doiger“ unbedingt bei der Skitour mitten durch den Wald abfahren oder ein Feuer machen, weil „i des scho imma mach“ oder weil das mein Großvater schon so gemacht hat? Auch ein Münchner sollte mal hinterfragen, was für ein Gefühl das wäre, wenn bei ihm Müll über den Gartenzaun fliegen, jemand zur Wiesnzeit seine Notdurft vor seiner Haustür verrichten, seinen Blumenkübel vor dem Haus als Riesenaschenbecher missbrauchen oder seine Einfahrt zuparken würde. Eine neue Weitsicht und ein G´spür für die jetzige Zeit entwickeln, das wäre schon mal der Anfang. Jeder Einzelne kann also schon mal was tun und sich weiterentwickeln.

Während des Lockdowns wagte sich das Wild auf die Bundesstraße

Was halten Sie von Sperrungen?

Kurzzeitige Sperrungen von Regionen wären sinnvoll, aber nicht ohne ein überregionales Konzept. Also wo setzt man da an, um nicht einen Rattenschwanz zu erzeugen? Sperrung in Vorderriß? Dann fahren alle direkt ins Naturschutzgebiet oder werden in den Garmischer Landkreis geschoben. Sperrung am Sylvensteindamm? Hinweisschilder und Leuchthinweise schon ab Tölz? Und wo bleiben sie dann, wo fahren sie dann hin? Es wäre, egal wie man es betrachtet, möglicherweise nur eine Problemverschiebung. Oder ein fast aussichtsloses Unterfangen. Wenn die Tagesausflügler hier sind, dann „ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen“. Da dreht keiner mehr um, dann muss der Parkplatz halt im Rettungsweg sein. Ich hoffe schon, dass sich Lösungen finden werden, die sich vielleicht auch erst noch weiterentwickeln müssen. Generell habe ich aber schon das Gefühl, dass sich immer mehr in Gang setzt.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit des vergangenen Corona-Jahres aus?

Der Lockdown mit der totalen Ausgangsbeschränkung im Frühling letzten Jahres war der Hammer. Tagsüber war nichts los. Klare Luft, der blaue Himmel strahlte. Am helllichten Tag stand das Wild auf der Bundesstraße, weil auch die Tiere merkten, dass was anders ist. Sie fühlten sich sicher. Kein Auto- und Motorradlärm, und Isar und Walchensee mit dem glasklaren Wasser. Und dann kam der Sommer, wo es ins Gegenteil überschwappte. Menschenmassen an fast jedem Fleck rund um Isar, Sylvenstein und Walchensee. Tag und Nacht was los. Die Tiere haben sich über Wochen total verkrümelt. Da sind bei weitem nicht nur wir Ranger, sondern auch Rettungsdienste, Polizei, Ehrenamtliche, Forst, Gemeindevertreter, Einheimische und wahrscheinlich sogar so mancher Ausflügler an die Grenzen des Machbaren beziehungsweise des noch Vertretbaren gestoßen. Wir hoffen jetzt nur für das Jahr 2021, dass die Lockerungen nicht erst kurz vor der Urlaubs- und Badezeit ausgesprochen werden und dass die Grenzen nicht dicht bleiben beziehungsweise dass nicht weiterhin ein Flugverbot gilt. Wahrscheinlich würden dann alle erst recht durchdrehen und unsere Erholungsregionen regelrecht „torpedieren“.

Lesen Sie auch die Reportage: Mit den Walchesee-Rangern unterwegs an einem heißen Sommertag

Während im Landkreis Miesbach ein Ausflugsverbot galt, erreichte zum Beispiel am Schafreuter der Wanderer-Andrang einen Höhepunkt. Drei Wochen später zog es bei sonnigem Winterwetter zwar wieder viele in die Region - vor allem zum Langlaufen -, aber die Verhältnisse blieben relativ geordnet.

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