+
Beliebtes Urlaubsziel: der Walchensee am Karwendel.

Überlaufen wie Venedig

Walchensee kurz vor absolutem Kollaps - Bürgermeister droht mit radikalen Konsequenzen

  • schließen
  • Sarah Pilz
    schließen

Die Region um den Walchensee hat seit Jahren mit dem steigenden Touristen-Aufkommen zu kämpfen. Jetzt sollen verschiedene Regelungen helfen, das Problem in den Griff zu bekommen - auch Ranger sind geplant. 

Update vom 9. August 2019: Wie lässt sich der „Over-Tourism“ in der oberbayerischen Region um den Walchensee am besten bewältigen? Um dieses Problem erfolgreich zu bewältigen, gibt es nun erste konkrete Pläne, die die Touristenströme am beliebten Urlaubsziel „in die richtigen Bahnen“ lenken soll. Das erklärte der Bürgermeister von Jachenau, Georg Riesch, am Donnerstag (8. August 2019) im Gespräch mit Focus Online.

Walchensee: Regeln für Touristen - Einsatz von Rangern und Straßensperren geplant

Unter anderem plant das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen den Einsatz von Rangern, die gemeinsam mit Forstmitarbeitern, Polizei und freiwilligen Helfern der örtlichen Feuerwehr am oberbayerischen Walchensee für Ordnung sorgen sollen. 

Zudem werde überlegt, die Mautstraße zum Walchensee an Wochenenden für Wohnmobile zu sperren. "An einem schönen Wochenende kann es schon sein, dass mal 3000 bis 4000 Autos da sind", beschrieb Riesch den unhaltbaren Zustand. Das stelle auch ein Problem für die Rettungskräfte dar, die keine Chance mehr hätten, durch den Verkehr zu kommen.

Auch interessant: Häufige Unfälle und Schwerverletzte - das ist die Bilanz geführter Quad-Touren, die am Walchensee bei Kochel stattfinden. Nun sollen sie verboten werden. Es regt sich Widerstand. 

Zudem hat es am Walchensee nun eine Bürger-Demonstration gegeben. Der „Over-Tourism“ am Walchensee müsse gestoppt werden oder zumindest sinnvolle Konzepte zur Bewältigung vorgestellt werden. Die Bürger des Ortes Walchsensee wollten nun mit einer Protest-Aktion auf die derzeitigen Mängel bei der Bewältigung des Massenansturms aufmerksam machen.

Walchensee überlaufen: „Muss Regeln geben, damit sich jeder erholen kann“

Auch die Quadtouren auf der Uferstraße des Walchensees könnten bald Geschichte sein. "Das muss wirklich nicht sein. Das ist auch für die anderen Leute eine Belästigung, das ist ein Riesenradau“, sagte der Bürgermeister von Jachenau.

"Man kann es den Leuten nicht verdenken, dass sie rauswollen aus der Stadt. Sie müssen aber verstehen, dass es in Erholungsgebieten Regeln gibt oder geben muss, damit sich jeder erholen kann. Das kommt ja letztlich wieder den Erholungssuchenden zugute."

„Over-Tourism“: Walchensee-Gebiet überlastet wie Venedig - Neues Format soll Lösungen bringen

Erstmeldung vom Dezember 2018: Jachenau – Es war ein bisschen wie bei einer Hochzeitsfeier: Da müssen die Gäste auch schauen, welchen Sitzplatz ihnen die Tischkärtchen zuweisen. Manchmal ist man überrascht, neben wem man da zu sitzen kommt – und hat im besten Fall dann doch einen unerwartet netten Abend mit seinem zugeteilten Tischnachbarn.

Hochzufrieden mit dem Verlauf des Walchensee-Workshops zeigten sich am Freitag (v. li.) die Bürgermeister Georg Riesch (Jachenau) und Thomas Holz (Kochel am See) sowie Rudolf Plochmann von den Staatsforsten und Tourismus-Berater Christian Oberleiter.  

Auf vergleichbare Art wurden am Freitag beim „Walchensee-Workshop“ im Jachenauer „Schützenhaus“ die 60 Teilnehmer an acht Tischen zu Arbeitsgruppen zusammengewürfelt. Die Strategie, die Organisator Christian Oberleiter erdacht hatte, ging offenbar auf. Thomas Holz (Bürgermeister Kochel am See), Georg Riesch (Bürgermeister Jachenau), Rudolf Plochmann (Leiter des Forstbetriebs Bad Tölz der Bayerischen Staatsforsten) und Marlis Peischer (Sprecherin Landratsamt) schwärmten im anschließenden Pressegespräch vom Elan, die von der Veranstaltung ausgegangen sei.

Hintergrund: Der Walchensee ächzt insbesondere an heißen Sommertagen unter dem Besucheransturm. Oberleiter nannte das Phänomen in der Fachsprache „Over-Tourism“ – also eine touristische Überlastung, mit der auch Hallstatt in Oberösterreich, Venedig und Barcelona zu kämpfen hätten.

Lesen Sie auch: Taucher im Walchensee vermisst: Großeinsatz läuft - dutzende Helfer vor Ort

Ob laut oder leise: „Jede Stimme zählt gleich“

Seit Jahren wird diskutiert, wie sich die Situation am Walchensee verbessern ließe. Nun haben die beiden betroffenen Gemeinden, das Landratsamt und der Freistaat als Eigentümer des Sees und des Südufers die beiden Berater Christian Oberleiter und Robert Trasser mit einem Prozess beauftragt, zu dem der Workshop am Freitag den Auftakt bildete.

Das Besondere: Anders als bei früheren Konferenzen und Expertenrunden waren dieses Mal nicht nur Behördenvertreter von Kommunen, Polizei oder Staatlichem Bauamt beteiligt, sondern auch Repräsentanten der Bürgerschaft: von Anwohnern über Tourismusanbieter bis hin zu Surfern und Wasserwachtlern.

„Zu Beginn hat jeder ein farbiges Karterl in die Hand gedrückt bekommen“, berichtete Holz. Auf diese Weise seien die acht Arbeitsgruppen „ohne System wild gemixt“ worden.

Unter dem Motto „Wo drückt der Schuh?“ sei es darum gegangen, Probleme zu benennen, zu priorisieren und Indikatoren zu erstellen, an denen sich der Status quo sowie künftige Verbesserungen objektiv messen lassen. Über Lösungsansätze sei bewusst noch nicht gesprochen worden. Durch diese Offenheit und das Prinzip „Jede Stimme zählt gleich“ seien „Befindlichkeiten einzelner Gruppen ausgeschaltet“ worden, so Christian Oberleiter.

Die Teilnehmer arbeiteten zwölf Problemfelder heraus

Ihm zufolge kristallisierten sich zwölf Problemfelder heraus. „Da befeuert natürlich eins das andere.“ Als die vier drängendsten Themen benannte die Runde nicht ganz überraschend Verkehr, das „Freizeitverhalten“ (worunter auch der Umgang untereinander falle), den Bereich „Rettungs- und Fluchtwege, Sicherheit“ sowie die Parkplatzsituation. Außerdem wurden unter anderem die Themen wildes Campieren und Sanitäranlagen genannt.

Drei Stunden wurde im „Schützenhaus“ getagt. „Es war begeisternd, wie alle mitgearbeitet haben“, sagte Thomas Holz. Sein Jachenauer Amtskollege Riesch lobte die „hohe Konzentration“. Rudolf Plochmann setzt darauf, dass das gewählte Format „ein Meinungsbild auf breitem Fundament“ hervorbringt. „Wenn man nur Einzelstimmen hört, dann hängt sonst viel von der Lautstärke des Einzelnen ab.“ Das sei hier anders: „Deswegen erhoffe ich mir vom Ergebnis eine breite Akzeptanz.“

Die nächste Runde steht schon Mitte Januar an

Den Schwung der Auftaktveranstaltung will man nun mitnehmen. Schon am 11./12. Januar 2019 soll es laut Oberleiter mit dem nächsten Treffen weitergehen, dass dann einen „Pool an Lösungen“ hervorbringen soll. „Diese Vorschläge gehen dann an die Auftraggeber. Sie werden Entscheidungen treffen, was davon umgesetzt wird.“ Am Ende würden die konkreten Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Das solle noch im ersten Quartal 2019 passieren. Auch im österreichischen Dorf Hallstatt sei die Schmerzgrenze erreicht, sagen die Bürger des Orts. Nun führen sie neue Regeln ein, um den Massentourismus zu einzudämmen. 

Eine „Patentlösung“ werde es aber nicht geben, dämpft der Tourismusberater aus Innsbruck die Erwartungen. Für Riesch steht fest: „Wir sind eine Tourismusregion. Wenn die Menschen an den Walchensee fahren, wollen wir das nicht verbieten, sondern fördern. Aber wir wollen es so lenken, dass dieses Juwel so erhalten bleibt, wie es sich jetzt darstellt.“

Lesen Sie auch: 

Nach Unfall bei Zugspitzbahn: Neue Gondel ist da - Unternehmen nennt straffen Zeitplan für Start

15 Meter hohe Tanne stürzt um - Grund schockiert Wolfratshauser Gartenbesitzer

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Geplante Rettungsstation: Bergwacht Lenggries hofft auf Spender
Die Lenggrieser Bergwacht startet den Spendenaufruf für ihren geplanten Neubau – auch wenn die Grundstücksfrage noch nicht endgültig geklärt ist. Die ständig zunehmenden …
Geplante Rettungsstation: Bergwacht Lenggries hofft auf Spender
Münchner Wogeno gibt grünes Licht für Kauf des Klosters Schlehdorf
Der Verkauf des Klosters Schlehdorf ist so gut wie beschlossene Sache. Der Aufsichtsrat der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft (Wogeno) hat am Wochenende grünes Licht …
Münchner Wogeno gibt grünes Licht für Kauf des Klosters Schlehdorf
Im Tölzer „Gasthaus“: Kabarettist trifft Lagerfeuer-Rock’n’Roller
Unter dem Motto „Kabarettist trifft Lagerfeuer-Rock’n’Roller“ begrüßte Kabarettist und Musiker Sepp Müller jetzt Liedermacher Francesco Putz im Tölzer „Gasthaus“.
Im Tölzer „Gasthaus“: Kabarettist trifft Lagerfeuer-Rock’n’Roller
Traum-Wochenende an Brauneck, Blomberg und Herzogstand: Bergbahnen vermelden Rekordzahlen
Mit Rekord-Besucherzahlen an allen wichtigen Ausflugszielen hat der Wanderherbst am Sonntag einen Höhepunkt erreicht - für viele Betriebe überlebenswichtig.
Traum-Wochenende an Brauneck, Blomberg und Herzogstand: Bergbahnen vermelden Rekordzahlen

Kommentare