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Junger Mann wird zum Pflegefall -  aber für ihn gibt es keinen Betreuungsplatz

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Von: Andreas Steppan

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Der Kampf zurück ins Leben: Nach seinem Unfall hat Franz Singhammer neu gelernt, einfache Sätze zu sagen. Mit seiner guten Freundin Stephanie Geisreiter (links) und seiner Schwester Maria Seibold spielt er gerne Mensch-ärgere-Dich-nicht. © Krinner

Als Franz Singhammer 27 Jahre alt war, ist er durch einen schweren Unfall zum Pflegefall geworden. Während er sich mühsam zurück ins Leben kämpft, versucht seine Familie, für ihn einen Tagespflegeplatz zu finden. Doch es gibt in Bayern viel zu wenig Einrichtungen für Menschen mit seinem Schicksal.

Gaißach – Am 28. Januar 2009 hat sich das Leben von Franz Singhammer von einer Sekunde auf die andere für immer verändert. Durch einen schweren Unfall mit dem Schneemobil ist der heute 37-Jährige schwerst pflegebedürftig. Im langen, mühsamen Prozess zurück ins Leben zählt nach seinem schweren Schädelhirntrauma bis heute jeder kleine Fortschritt. Aus Sicht seiner Familie wäre jetzt die Zeit gekommen, dass er außer Haus eine Tagesstruktur, die passende Förderung und Wertschätzung bekommt – am besten in einer Tagespflegeeinrichtung. Doch alle Recherchen haben bislang ergeben: Franz Singhammer gehört offenbar zu einer Gruppe von Menschen, die durch das Raster der Versorgungsstrukturen fallen.

27 Jahre alt war Franz Singhammer in jenem Januar, stand mit beiden Beinen im Leben. Im selben Winter hatte er von seinen Eltern die Betriebsführung für mehrere Lifte am Brauneck übernommen. Im Jahr zuvor hatte er seine Kfz-Meisterprüfung erfolgreich absolviert. Seit Jahren hatte er im Familienbetrieb mitgearbeitet, in den Sommermonaten war er in einer Kfz-Werkstätte angestellt. In seiner Freizeit stand der Sport im Mittelpunkt: Ski-Hochtouren, Rennradeln, Mountainbiken bis hin zum 24-Stunden-Rennen. Auch eine Alpenüberquerung hatte er schon unternommen.

Nach Unfall mit Pistenraupe lag Franz Singhammer ein Jahr lang im Koma

  An diesem Januartag war Franz Singhammer am Brauneck mit einem Pistenfahrzeug unterwegs. Er übersah einen Schneehügel, stürzte schwer und prallte mit dem Kopf auf die gefrorene Piste – einen Helm trug er nicht. Ein Jahr lang lag er im Koma. Fast zwei Jahre dauerte es, bis er nach diversen Klinikaufenthalten wieder nach Hause kam. Sein Kampf, ein wenig von den einst selbstverständlichen Fähigkeiten zurückzuerobern, hatte damals gerade erst begonnen. Heute kann der 37-Jährige einfache Sätze sagen, im Haus mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen, mit Freunden und Familie Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen. „Er hat große Freude, wenn er jemanden schmeißt“, sagt Stephanie Geisreiter.

Die 30-Jährige war zum Zeitpunkt des Unfalls Franz Singhammers Lebensgefährtin und ist mit der Familie bis heute eng verbunden. Gemeinsam mit seiner Schwester Maria Seibold organisiert sie die Versorgung zu Hause. Franz Singhammer wohnt heute in einer eigenen Wohnung in Gaißach (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), im selben Haus wie seine Schwester und deren Familie. Auch eine 24-Stunden-Pflegekraft lebt mit im Haus. Die Familie hat viel erreicht, um seinen Alltag auszufüllen und zu gestalten, ihm etwas Lebensqualität zu ermöglichen. Mit Unterstützung ist es Singhammers Angehörigen gelungen, ein Laufband mit Deckensicherung im Haus zu installieren. An einer Art Stehtisch kann er seine Balance trainieren, übers Tablet macht er kognitive Übungen. Mit einem Zweisitzer-Elektrobike geht er in Begleitung auf Tour. Je nach Tagesform seien kleine Fortschritte zu erkennen, sagt Stephanie Geisreiter.

Diese Entwicklung will seine Familie weiter fördern. Der 37-Jährige soll einen geregelten und erfüllten Tagesablauf bekommen. Seine Familie wünscht sich, dass er mit anderen Menschen in Kontakt kommt, die ein ähnliches Schicksal haben. Deshalb sucht sie nach einer Tagespflegeeinrichtung für ihn. Auch, weil seine Eltern mittlerweile über 80 sind und entlastet werden müssen.

Einen Rechtsanspruch auf einen solchen Platz hätte Franz Singhammer. Die Pflegekasse würde dafür bis zu 1995 Euro im Monat übernehmen. Nur: Die intensive Suche nach einer passenden Einrichtung war bislang erfolglos, es gibt in der Region noch keinen Anbieter. Stephanie Geisreiter hat unzählige Telefonate geführt, Mails geschrieben, etliche Einrichtungen besichtigt. „Ich hatte oft einen sehr guten Eindruck“, sagt sie. Doch ganz davon abgesehen, dass die Angebote, die für so schwerstbetroffene Menschen wie Franz Singhammer zuständig sind, jahrelange Wartelisten haben oder sehr weit entfernt liegen: Es gibt keine, die für ihn wirklich passend wäre. „Diese Einrichtungen sind spezialisiert auf mehrfach geistig und körperlich behinderte Menschen“, sagt Geisreiter, „aber nicht auf Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung.“ Bedürfnisse, Fähigkeiten und biografischer Hintergrund seien sehr unterschiedlich. „Schädelhirnverletzte werden dort, wenn überhaupt, eingestreut und laufen in der Menge mit.“

An die Öffentlichkeit wendet sich Stephanie Geisreiter nun in der Hoffnung, dass sich andere Betroffene, deren Angehörige oder mögliche Unterstützer melden. Gemeinsam könnte man vielleicht einem Träger aufzeigen, dass es Bedarf gebe, hofft sie.

Kontakt über die Redaktion unter 089/5306-467.

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