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100 Jahre FA Kochel: Die „Schwarze Hölle“ und die Kicker vom Kraftwerk

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Von: Nick Scheder

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Schwelgen in Erinnerungen: (v. li.) Gerd Weidehaas, ehemaliger Vorsitzender FCKS, Eugen Cremer, Ex-Chef FA Kochel, und Klaus Ellert, aktueller FCKS-Vorsitzender.
Schwelgen in Erinnerungen: (v. li.) Gerd Weidehaas, ehemaliger Vorsitzender FCKS, Eugen Cremer, Ex-Chef FA Kochel, und Klaus Ellert, aktueller FCKS-Vorsitzender. © nic

Ein genaues Datum ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass vor 100 Jahren die FA Kochel gegründet wurde. Es dürfte sich um einen der ersten Fußballvereine im Oberland gehandelt haben.

Kochel am See - Sicher, heute ist vieles besser, angenehmer. Ein neues Vereinsheim. Ein Fußballplatz, bei dem man sich nicht regelmäßig blutige Knie holt. Wie damals in der „schwarzen Hölle“. Aber die Werte und der Zusammenhalt sind aus der Gemeinschaft von einst geblieben. Vor 100 Jahren wurde die Fußballabteilung (FA) Kochel aus der Taufe gehoben. „Der wahrscheinlich älteste Fußball-Verein im Oberland“, meint Eugen Cremer (82), langjähriger Vorsitzender der Kochler (1991 bis 1995).

Aus der gesunden Rivalität mit Schlehdorf entstand schließlich ein gemeinsamer Verein

Nach dem Krieg folgte die Gründung des SV Schlehdorf. Es entstand eine gesunde Rivalität zwischen den Nachbarvereinen. „Das war ein Festival“, sagt Gerd Weidehaas schmunzelnd. Der 78-Jährige war fast 30 Jahre Chef der Schlehdorfer und sorgte 1997 mit für die Vereinigung beider Kochelsee-Vereine. Dieser Schritt war „unumgänglich“, um einen Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Da herrscht mittlerweile Einigkeit.

Bei aller Rivalität, eines habe all’ die Jahre überdauert, sagt Klaus Ellert. „Was bis heute geblieben ist, sind ehrenamtliches Engagement, jeder setzt sich für den anderen ein. So, wie das bei uns gelebt wird, das gibt es, glaube ich, nicht allzu oft“, meint der aktuelle Vorsitzende des vereinigten Vereins FC Kochelsee Schlehdorf. Die familiäre Atmosphäre ist auch bei einigen gemeinsamen Festen zu spüren. „Das schafft eine Verbindung zwischen den Vereinen und den Ortschaften“, sagt Ellert. Das Jubiläum 100 Jahre Fußball in Kochel könne allerdings nicht angemessen gefeiert werden. Corona macht den Festivitäten einen Strich durch die Rechnung, bedauert der 38-jährige Ellert.

Nach der Arbeit im Kraftwerk ging es zum Fußballspielen

Anlass gäbe es genug, der Fußball-Pioniere von 1921 zu gedenken. Die FA Kochel hatte damals noch keine Personalsorgen, was viel mit dem Walchensee-Kraftwerk zu tun hatte. „Damals trafen sich die Arbeiter nach vollendetem Tagewerk am Kraftwerk zum Fußballspielen“, sagt Cremer, der zum 75-jährigen Bestehen schon in alten Unterlagen kramte, viel Bildmaterial zusammengesucht und eine Chronik verfasst hat. Das Kicken hatte auch damals einen hohen Stellenwert, viele der Arbeiter erschienen schon mit dem Fußball-Dress zur Arbeit.

Erster Vorsitzender des neuen Vereins: Alois Kornberger. „Der hat viel getan, viel angepackt, ohne den hätte das nicht so funktioniert“, sagt Cremer. Kornberger war es auch, der die bis zum Krieg gesammelten Pokale des Vereins vor den Nazis versteckte, die die Trophäen konfiszieren wollten. Wichtig für den Verein später Ende der 1950er auch Toni Gerg. „Der hat immer viele Leute eingesammelt und viel auf die Beine gestellt“, sagt Cremer.

Der erste Platz befand sich am Feuerwehrhaus

Es hat sich vieles getan in diesen 100 Jahren. Nicht nur in den Ortschaften. Auch auf dem Platz. Damals rollte die zusammengenähte Lederkugel noch auf dem ersten Platz am heutigen Feuerwehrhaus. Der Trainer war eine absolute Respektsperson. Eine Autorität, die schon mal die eine oder andere Watschn verteilte, wenn die nicht nur fußballerischen, sondern auch erzieherischen Vorgaben nicht befolgt wurden.

War Fußball anfangs noch eine Freizeitbeschäftigung, wuchsen spätestens nach dem Krieg die Ansprüche, der Ehrgeiz und die Ambitionen. In den 1960ern wurde der Aufstieg in die A-Klasse – heute Kreisliga – angegangen und in den 1970er-Jahren nach gut zwei Jahren ohne Niederlage am Stück auch geschafft. Cremer erinnert sich an einen Sieg in Oberhausen, nach dem es fast zu einer Schlägerei gekommen wäre. Und eine „Flucht“ in einer Messerschmitt, die die Gegner dann statt zu raufen anschoben. „Als FAK, FA Kartoffelkäfer wurde wir oft bezeichnet“, sagt er schmunzelnd.

Das Aushängeschild war ab 1982 die Frauen-Mannschaft

1964 endlich gelang der Aufstieg in die A-Klasse, wo sich die Kochler bis 1966 hielten. „Aber unser Aushängeschild war seit 1982 die Frauen-Mannschaft“, sagt Weidehaas. Das war auch später so, als das FCKS-Team um Anke Stehrer und Torfrau Katrin Holzer sich über Jahre in der Bezirksoberliga hielt. Die Männer hatten später noch einmal den Aufstieg in die A-Klasse in der Tasche – nur wurde er ihnen 1984/85 wieder aberkannt, weil ein gesperrter Spieler mitgemischt hatte. Da haben sich viele geärgert und verließen den Verein. Kein Kochel-typisches Verhalten. „In der Regel waren wir immer Anziehungspunkt für viele Spieler aus der Umgebung“, sagt Cremer.

Unter Weidehaas’ Ägide, er war FCKS-Vorsitzender von 1997 bis 2019, stiegen die Fußballer noch zwei Mal in die Kreisliga auf: Zunächst unter dem „Eisernen“ Fritz Röthel und später mit Trainer Michael Pössenbacher. Der Abstecher endete mit gut besuchten Relegationsspielen gegen Benediktbeuern. Nach dem Sieg des TSV nach Hin- und Rückspiel tauschten die Nachbarvereine schließlich Spielklassen, der FC Kochelsee Schlehdorf musste zurück in die Kreisklasse, wo er auch heute noch spielt.

Der erste Aufstieg in die B-Klasse gelang 1956/57

Personalsorgen gibt es seit der Vereinigung so gut wie nicht mehr. „Der Zusammenschluss war die einzige Möglichkeit, sonst hätten wir abmelden müssen“, sagt Weidehaas, der sich damals vielen Anfeindungen ausgesetzt sah. Nach dem Krieg gab es zwar meist genug Spieler für beide Vereine. Doch schon damals wurde munter hin- und her getauscht. Auch Cremer, damals gefürchteter Torjäger, spielte 1958/59 für den Rivalen aus Schlehdorf. Geld sei nicht geflossen, sagt er schmunzelnd. „Sie haben halt jemanden gebraucht, der sie nach vorne schießt, und das hab’ ich gemacht.“

Bis vor dem Krieg spielten die Fußballer auf einem Platz an der Schlehdorfer Straße, der 1951 neu gebaut wurde – für damals 2000 Deutsche Mark. Der erste Aufstieg in die B-Klasse gelang 1956/57. Anschließend scheiterte der Verein oft nur knapp am Schritt in die C-Klasse. Das sollte sich später beim FCKS ständig wiederholen. „Wir sind oft in der Relegation gescheitert, oder in der jeweiligen Saison gab es keinen Aufstieg“, sagt schmunzelnd der jetzige Vorsitzende. Ellert spielte damals selbst in der Ersten.

Den Platz, die „schwarze Hölle“, haben alle gehasst, die Hausherren und die Gäste

Unvergessen bleibt den Fußballern der alte Hartplatz an der heutigen Trimini-Zufahrt, der 1973 angelegt wurde. „Das war eine Art Asche, mit Sand dazwischen, fürchterlich“, erinnert sich Cremer. Den Platz, die „schwarze Hölle“, haben alle gehasst, die Hausherren und die Gäste, die in Kochel antreten mussten. Da waren sie im Verein froh, als der neue Platz gebaut wurde. Mitsamt Umkleiden. „Das gab es ja früher überhaupt nicht“, sagt Weidehaas. Umgezogen wurde im Freien, geduscht in der Loisach – auch im Winter.

Damit war mit dem neuen Kochler Platz an der Triministraße 1991 und dem neuen Schlehdorfer Vereinsheim (2004 bis 2007) endgültig Schluss – ein Bau in Eigenregie, der die ehemaligen und den aktuellen Vorsitzenden heute noch mit Stolz erfüllt. „Da haben alle mit angepackt“, sagt Weidehaas. Ursprünglich sollte das Gebäude in Kochel entstehen. Scheiterte allerdings am Veto des Landratsamts wegen Hochwasserschutz. Und so wurde in Schlehdorf gebaut, wo nun auch die meisten Spiele des FCKS stattfinden.

Die schwärzeste Stunde des Vereins schlug 1994/95

Doch zuvor eine der schwärzesten Stunden des Vereins: In der Saison 1994/95 war man kurz davor, die Mannschaft vom Spielbetrieb abzumelden. Zu wenige Spieler, der Vorstand reichte seinen Rücktritt ein, es konnte zunächst kein Nachfolger gefunden werden. „Aber es hat unseren Verein ausgezeichnet, dass sich dann doch immer Leute gefunden haben, die den Karren aus dem Dreck ziehen“, freut sich Ellert. „Ehrenamtlich.“

Der Spielermangel allerdings blieb bestehen, sowohl der SV Schlehdorf als auch die FA Kochel hätten alleine keine Mannschaft mehr zusammenbekommen. „Die einzige Option war ein Zusammenschluss“, rechtfertigt Weidehaas die damalige Entscheidung, die 1997 zur Gründung des FC Kochelsee Schlehdorf führte. „Einige hätten mich am liebsten erschlagen“, sagt Weidehaas. Aber die Entscheidung war alternativlos. Ellert: „Ohne die Fusion gäbe es wohl beide Vereine nicht mehr.“ Es habe aber eine ganze Weile gedauert, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Und die Gegenwart scheint dem Schlehdorfer – eigentlich Großweiler – recht zu geben: Der FC Kochelsee Schlehdorf geht regelmäßig mit einem breit aufgestellten Kader in die Saisons – meist in der Kreisklasse, vor einigen Jahren auch mit dem kurzen Zwischenspiel in der Kreisliga. Die Gründungsväter wären wohl zufrieden gewesen.

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