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Engagieren sich sehr für die Tafel: Das Leiter-Team um Thomas Schneider (li.) und Klemens Rehm. 

100 Tage Tafel Loisachtal

Armut zeigt man auf dem Land lieber nicht

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Seit 100 Tagen gibt es nun die Tafel im Loisachtal. Das Angebot ist groß, aber die Zahl der Kunden könnte höher sein. Die Tafel-Helfer aus Lenggries ermutigen die Loisachtaler: Es dauere einige Zeit, um Vertrauen aufzubauen.

Kochel am See– Am 2. Januar fand erstmals eine Tafel-Ausgabe im sogenannten „Monaco-Keller“ in der Kochler Heimatbühne statt. Hier gibt es Lebensmittel, die Supermärkte und Einzelhändler aus der Umgebung spenden, zum Beispiel Obst und Gemüse, Brot und Gebäck, Mehl, Müsli und Zucker, Hygieneartikel und auch Putzmittel. Zur Abholung berechtigt sind Menschen, denen es finanziell nicht gut geht, und dieüber eine Sozialcard verfügen.

„Nach dem durchaus etwas zaghaften Beginn hat sich die Zahl der Kunden inzwischen deutlich erhöht“, berichtet Thomas Schneider vom Helferkreis. „Immerhin werden derzeit direkt und indirekt, also über die Familie, rund 40 Menschen kostenlos mit Lebensmitteln versorgt.“ Allerdings, sagt Schneider, könnte man noch mindestens weitere 30 Kunden versorgen.

Die hilfsbedürftigen Menschen aus Kochel, Schlehdorf, Bichl und Benediktbeuern konnten bislang die Tafel in Penzberg nutzen. Weil dort die Zahl der Nutzer stieg, entschloss man sich, im südlichen Loisachtal eine eigene Tafel einzurichten. Das bekannte Problem vieler Tafeln auf dem Land ist allerdings, dass viele Menschen Scheu haben, das Angebot zu nutzen – weil man sich im Dorf eben kennt und nicht möchte, dass andere wissen, dass es einem finanziell nicht so gut geht. Während man im fast städtischen Penzberg die Lebensmittel mehr oder weniger anonym beziehen konnte, ist das mit der Ansiedelung einer Tafel in Kochel nun anders.

Auch in Lenggries hat man diesbezüglich Erfahrungen gesammelt. Leiterin Birgitta Opitz kennt Fälle, wo sich bezugsberechtigte Senioren bis zum Äußersten kasteien, um ja nicht zur Tafel zu gehen, oder wo Kinder in der Schule gehänselt wurden, weil ein anderes Kind einen Elternteil samstags von der Tafel kommen sah. „Das ist schlimm, aber da ist man machtlos“, sagt Opitz im Gespräch mit unserer Zeitung. Verdeckte Armut und damit einhergehende Scham seien auf dem Land ein wichtiges Thema, das aber kaum öffentlich diskutiert werde. Neu Zugezogene würden sich leichter tun, zur Tafel zu gehen. Opitz rät den Loisachtalern, sich nicht entmutigen zu lassen. „Es dauert sehr lange, bis man Vertrauen aufgebaut hat.“

Für die ehrenamtlichen Helfer in der Ausgabestelle gilt grundsätzlich oberste Verschwiegenheit. Das betont auch Thomas Schneider.

Schneider dankt zugleich allen Spendern, die sich für die Tafel engagieren – von Supermärkten über Einzelhändlern bis hin zu Privatleuten, die zum Beispiel die neue Pfandzettel-Spendenbox im Benediktbeurer Edeka-Markt nutzen. „Diese Idee kam sehr gut an“, freut sich Schneider. Von den jüngsten Spendengeldern kaufte er frische Eier, weil diese bei der Ausgabe nicht so häufig zu finden sind. Auch Wurst, Käse und Milch sind nicht oft im Tafel-Regal vorhanden.

Die Ausgabestelle in der Kochler Heimatbühne ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ob es bei der Ausgabezeit am Montag von 11.30 bis 12.30 Uhr bleibt, ist dagegen nicht in Stein gemeißelt. „Sollten wir vermehrt hören, dass eine Ausgabe am Abend sinnvoller wäre und uns mehr Kunden bringen würde, werden wir das diskutieren“, sagt Schneider. Wem das helfen würde, könne sich vertrauensvoll an die Organisatoren oder Nachbarschaftshilfevereine wenden.

Großes Ziel der Helfer ist die Anschaffung eines eigenen Autos. Derzeit nutzen sie das Auto des BRK Bad Tölz, das jedoch umständlich geholt werden muss.

Wegen des Osterfeiertags findet die nächste Ausgabe am Dienstag, 18. April, von 11.30 bis 12.30 Uhr in Kochel statt. Weitere Informationen, etwa zum Erwerb einer Sozialcard, bei Thomas Schneider, Telefon 0 88 57/12 95, oder Klemens Rehm, Telefon 0 88 57/ 69 88 97.

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