+

„Leib und Leben in Gefahr“

Urlaubermassen überrollen Kochel- und Walchensee - der „Kollaps“ droht

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
    schließen

Der Besucheransturm auf die Region hat am Freitag neue Dimensionen erreicht. Ein normaler Tagesablauf für die Einheimischen ist aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens kaum noch möglich.

  • Am Brückentag nach Fronleichnam ist der Süden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen einmal mehr von Urlaubermassen überrollt worden.
  • Vor allem rund um Kochel- und Walchensee ging es wild zu - „so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Kochels Bürgermeister.
  • Er sieht „Leib und Leben in Gefahr“. Sogar die Bereitschaftspolizei stand im Stau.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Es geht tatsächlich noch schlimmer: Die Blechlawine, die sich am Freitag in die Kochel- und Walchenseeregion und wieder zurück wälzte, stellte nach Ansicht einiger alles bisher Dagewesene in den Schatten. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Kochels Bürgermeister Thomas Holz (CSU) mit Blick auf den Besucheransturm und das daraus resultierende Verkehrschaos. „Alle Dämme sind gebrochen.“

Was rund um Bad Tölz begann, wurde in Richtung Kochel- und Walchensee nicht besser. Von morgens bis in den frühen Nachmittag hinein staute sich der Verkehr etwa nach Kochel am See – von Norden kommend zum Teil schon ab dem Gewerbegebiet Pessenbach, von Westen kommend erneut bis über Schlehdorf hinaus

Diese Staus versuchten zahlreiche Autofahrer, über Feldwege und Seitenstraßen in Wohngebieten zu umgehen. Die Polizei hat dieses Verhalten laut Holz aber zumindest teilweise unterbinden können. „Da weder Kinder noch ältere Anwohner mit Durchgangsverkehr rechneten, war es bisweilen richtig gefährlich.“

Corona und Brückentag rund um Kochel: „Jedes Fleckerl zugeparkt“

Die Parkplatzsituation gestaltete sich dem Ansturm entsprechend chaotisch. „Jedes freies Fleckerl wurde zugeparkt – ohne Rücksicht auf Verluste“, sagte Holz. Die Ötzgasse im Ortsteil Ort zum Beispiel, wo ganz in der Nähe ein Wanderweg auf den Rabenkopf beginnt, sei völlig zugestellt gewesen. Anwohner hätten Mülltonnen und Blumentöpfe nach draußen gestellt, damit zumindest die Zufahrten zu ihren Häusern frei blieben. Nach Holz’ Auffassung nehmen viele einen Strafzettel in Kauf: „Wenn man schon so lang im Stau steht, dann sind die paar Euro wohl auch schon wurscht.“

Abstand halten unmöglich: Am Ufer des Walchensees tummelten sich am Freitag zahlreiche Erholungssuchende.

Am Walchensee fiel der Ansturm ebenfalls „brutal“ aus, sagte Alois Grünwald von der Wasserwacht. „Die Fahrzeuge standen an allen Ecken und Enden, und es waren Menschenmassen unterwegs.“ Viel zu tun gab es für die Wasserwacht glücklicherweise dennoch nicht. Wie Holz betont auch Grünwald, dass Tagestouristen herzlich willkommen seien. Es könne aber nicht sein, dass sich die Erholungssuchenden im rechtsfreien Raum wähnten und parkten, wo sie wollen. „Jeder sollte sich an die Regeln halten“, sagen Holz und Grünwald unisono.

Verkehrschaos, Müllberge und Lärmbelästigung: Am Samstag gingen mehrere hundert Bürger der Gemeinde Kochel am See auf die Straße, um im Rahmen der „Ausbremst is!“-Demo-Tour gegen den immensen Ausflugsverkehr in ihrer Heimat zu demonstrieren.

Urlauber-Ansturm: Bereitschaftspolizei hilft Tölzer und Kochler Kollegen aus - und steht im Stau

Lediglich in der Jachenau blieb das große Chaos aus. Zu verdanken ist das laut Vize-Bürgermeister Josef Danner aber allein dem Umstand, dass Österreich und das Engtal wieder offen seien. „Dadurch fallen bestimmt 2000 Autos weg“, so Danner. Aber auch ohne sie war das Sonnental Danner zufolge sehr voll: Der provisorische Parkplatz in Laich war mit 300 Autos erneut restlos belegt. Die Wiese stellt wie berichtet ein Landwirt zumindest für diesen Sommer zur Verfügung.

Die Tölzer und die Kochler Polizei bekam am Freitag wieder Unterstützung durch die Bereitschaftspolizei. „Die stand aber selbst erst einmal im Stau“, sagt Andreas Rohrhofer, stellvertretender Polizeichef von Bad Tölz. Seine Beamten, die am Freitag in der Kochel- und Walchenseeregion unterwegs waren, sprachen Rohrhofer zufolge ebenfalls von noch nie dagewesenen Dimensionen. Zu größeren Zwischenfällen kam es aus Sicht der Polizei aber nicht. Dafür zählte Rohrhofer am Freitagabend 88 Parkverstöße im Kochel- und Walchenseegebiet sowie in der Jachenau und Lenggries. 

Angesichts von Fakten wie diesen steht für Holz fest: „Unsere Kapazitätsgrenzen sind überschritten. Wir stehen kurz vor dem Kollaps.“ Man könne nur von Glück sprechen, dass nichts Größeres passiert sei. Im Notfall wären die Rettungskräfte wegen der zugeparkten Rettungswege kaum durchgekommen. „Hier ist eindeutig Leib und Leben in Gefahr.“

Kochel im Urlauber-Chaos - Bürgermeister Holz: „Werden entschlossen handeln“

Davon abgesehen sei die Situation für die Anwohner unerträglich, ein normaler Tagesablauf nicht mehr möglich. „Wer am Freitag in Kochel einkaufen wollte, war auf verlorenem Posten.“ Dabei habe die Badesaison noch nicht einmal begonnen. „Wenn es so weitergeht, werden wir im Sommer im Verkehr ersticken“, sagte Holz und versprach: „Da die öffentlichen Appelle leider nicht den gewünschten Erfolg erbracht haben, werden wir nicht länger zuschauen, sondern entschlossen handeln.“ Welche Maßnahmen er genau meint, verriet der Politiker noch nicht. Er wolle sich erst mit den zuständigen Gremien besprechen.

Ähnliches erlebten zuletzt auch andere touristisch attraktive Orte - etwa das Dorf Eschenlohe am Fuße der Alpen.

Die durch Ausflügler-Anstürme verursachten Zustände rund um den Walchensee sind mitunter katastrophal. In zunehmendem Maße gilt das auch für den Sylvensteinsee und Fall. Ein Isar-Ranger spricht wegen Müll, Feuern und Fäkalien von einer „Katastophe“.

Lesen Sie auch:

Verkehrskollaps am Walchensee verhindern: Schilder, Kontrollen und mehr Parkplätze sollen helfen

Corona-Wahnsinn am Walchensee: Foto von Bahnhof Kochel zeigt brutale Folgen des Ansturms

Zustände wie am Mount Everest? Immer mehr Großstädter zieht es in die Natur. Im Soierngebiet im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nehmen Camper Überhand, die sich nicht an Verbote halten. Müll und Feuerstellen sorgen für Ärger. 

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lenggrieser leiden unter Lint-Lärm
Lenggrieser leiden unter Lint-Lärm
Grundsatzentscheidung im Stadtrat: 2021 keine Leonhardifahrt am Samstag
Grundsatzentscheidung im Stadtrat: 2021 keine Leonhardifahrt am Samstag
Reisewarnung für Tirol beutelt Hoteliers ohnehin schon - dann fällt auch noch Busverbindung aus
Reisewarnung für Tirol beutelt Hoteliers ohnehin schon - dann fällt auch noch Busverbindung aus
Tölz live: Das wird wichtig am Donnerstag
Tölz live: Das wird wichtig am Donnerstag

Kommentare