Diskutierten fast drei Stunden lang vor rund 60 Zuhörern in der Heimatbühne (v. li.): Friedl Krönauer (Bund Naturschutz), Prof. Alfred Bauer (Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus in Kempten), Bernd Ritschel (Bergfotograf), Dr. Georg Bayerle, (Moderator), Bürgermeister Thomas Holz und Philipp Holz (Tourismusmanager Zugspitz-Regio).
+
Diskutierten fast drei Stunden lang vor rund 60 Zuhörern in der Heimatbühne (v. li.): Friedl Krönauer (Bund Naturschutz), Prof. Alfred Bauer (Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus in Kempten), Bernd Ritschel (Bergfotograf), Dr. Georg Bayerle, (Moderator), Bürgermeister Thomas Holz und Philipp Holz (Tourismusmanager Zugspitz-Regio).

Podiumsdiskussion

Ausflügler in Bayerns Alpen: Experte sieht bedenklichen Trend - „die Münchner“ rücken in den Fokus

  • Patrick Staar
    VonPatrick Staar
    schließen

Die Einheimischen sind für einen Großteil des Ausflugsverkehr im überfüllten Alpenvorland zuständig. Tourismus-Experte Prof. Alfred Bauer empfahl daher bei einer Podiumsdiskussion im Kochler Alpenfestsaal: „Wir dürfen die Einheimischen nicht außen vor lassen.“

Kochel am See – Im Voralpenland sind mehr Menschen unterwegs als es den Dörfern und der Natur guttut. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Tourismus in den bayerischen Alpen“ in der Kochler Heimatbühne einig. Wie man den Problemen begegnen soll, darüber gingen die Meinungen auseinander – vor allem bei Seilbahnen. Während Friedl Krönauer vom Bund Naturschutz die Steigerung der Kapazitäten für „bedenklich“ hält, sehen andere Teilnehmer Bergbahnen als gutes Instrument, um die Besucherströme zu kanalisieren.

E-Bikes und digitale Routenplaner: Für Natur „nicht nur positiv“

In seinem gut 45-minütigen Referat umriss Krönauer die Probleme. So sei die Zahl der Gästeankünfte in Bayern seit 2010 um 37 Prozent gestiegen. Der Straßen- und Wegebau führe dazu, dass vormals unberührte Räume nun gut erreichbar sind. Hinzu kämen die Neuerungen, die diesen Druck verstärken. So könne man mit E-Bikes nun ohne Plagerei große Höhen erreichen. Die digitalen Routenplaner wie Komoot mit 13 Millionen Nutzern würden dieser Entwicklung „die Krone aufsetzen“. Man müsse nun nicht mehr Wanderkarten lesen können, um in den Bergen vorwärtszukommen. Hinzu kämen die sozialen Medien, die dafür sorgen, dass vormalige Geheimtipps zu Hotspots werden. Für die Natur sei diese Entwicklung „nicht positiv“. Seilbahnen würden die Menschen zusätzlich anziehen. Deren Kapazitätssteigerungen hält er für „bedenklich“. Der Bund Naturschutz habe eine Liste an Forderungen aufgestellt, unter anderem ein Ende der Tourismuswerbung, ein Ende des Straßenausbaus und einen Stopp der weiteren Erschließung des bayerischen Alpenraums durch Wege und Steige.

„Wenn 800 Skitourengeher im Gänsemarsch aufs Brauneck marschieren – lassen wir sie doch“

Der Bergfotograf Bernd Ritschel hat dagegen nichts einzuwenden, wenn sich der Tourismus an Bergen mit Seilbahnen konzentriert: „Wenn 800 Skitourengeher im Gänsemarsch aufs Brauneck marschieren – lassen wir sie doch.“ Er machte sich dafür stark, Skitourengeher mit dem Angebot bewirtschafteter Hütten „ökologisch einigermaßen sinnvoll zu lenken.“ Wichtiger sei, dass abgelegene Berge geschützt werden. Bergjournalist und Moderator Georg Bayerle merkte an, dass die Situation in den 90er-Jahren noch eine andere gewesen sei: „Damals haben die Alpen-Touristiker alle aufgeheult, als die Pauschalangebote am Mittelmeer aufgekommen sind.“

Das Hauptproblem: München wächst immer weiter

Das Hauptproblem sei, dass München immer weiter wächst, befand Thomas Holz. Der Kochler Bürgermeister warnte aber davor, „München-Bashing“ zu betreiben: „Es ist nachvollziehbar, dass die Münchner Zeit in der Natur verbringen wollen. Man muss sie nur dafür sensibilisieren, dass es auch im Norden und Westen wunderschöne Gegenden gibt.“ Abgesehen davon lassen Tagesausflügler und Übernachtungsgäste 335 Millionen in den Landkreis. 4700 Vollzeit-Arbeitsplätze hingen dran.

Die große Frage: Lassen sich Menschen lenken?

In die gleiche Kerbe schlug Prof. Dr. Alfred Bauer, Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus in Kempten. Er erkennt ein gesellschaftliches Problem. So habe eine Untersuchung im Allgäu ergeben, dass der größte Teil des Verkehrs innerhalb der Region stattfindet. Seine Schlussfolgerung: „Wir dürfen die Einheimischen nicht außen vor lassen.“ Die große Frage sei, ob sich Menschen überhaupt leiten lassen. Die Antwort laute: „Die Fremden schon.“ Verhaltensänderungen seien nur auf lange Sicht möglich, „denn der Mensch will alles – nur keine Veränderungen“.

Beherbergungsbetriebe „nur interessiert an vollen Häusern“

Eine Zuhörerin kritisierte, dass die Touristiker und Beherbergungsbetriebe nur daran interessiert seien, „dass ihre Häuser voll sind“. Änderungen seien nur zu erwarten, wenn die Kundschaft ausbleibt und Leidensdruck entsteht. „Das sind Wirtschaftsbetriebe“, entgegnete Andreas Wüstefeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus: „Die müssen ihren Lebensunterhalt verdienen und die Kosten decken. Die machen das nicht aus Jux und Tollerei.“ Abgesehen davon kenne er keinen Kollegen, der nicht auf qualitativ hochwertigen Tourismus setze.

Keine Werbung für Kochel- und Walchensee – trotzdem steigen die Zahlen

Dies bestätigte der Kochler Tourismusleiter Daniel Weickel: „Wir haben seit drei Jahren keine Werbung für den Kochel- und Walchensee gemacht – trotzdem steigen die Zahlen.“ Abgesehen davon ändere sich die Generation der Touristiker: „Wir werden an der Fachholschule von Prof. Bauer ausgebildet, es gibt ein neues Denken.“ In einer Gemeinde mit 4000 Einwohnern seien die Mittel begrenzt, die Aufgaben mit zwei Seen und 250 Kilometern Wanderwegen gewaltig. Blaulicht-Organisationen und Ministerien hätten sich schon die Köpfe heißgeredet, Lösungen seien schwer zu finden. So sei ein Bus von Lenggries nach Kochel eine „schöne Vision, aber die Straßen sind dafür zu schmal“.

Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Bad Tölz - hier geht es zur Anmeldung.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare