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Lärm von dröhnenden Motorrädern: Kesselberg-Anwohnern platzt der Kragen - Offener Brief verfasst

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Von: Christiane Mühlbauer

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Motorradlärmgeplagte Anwohner am Kesselberg: Wanja Pernath und Stephanie Erenoglu.
Motorradlärmgeplagte Anwohner am Kesselberg: Wanja Pernath und Stephanie Erenoglu. © Arndt Pröhl

Rasende Motorradfahrer und dröhnender Lärm: Anwohner der Kesselbergstraße in Kochel machen jetzt ihrem Ärger in einem offenen Brief an Politiker, Behörden und Polizei Luft. Sie fordern mehr Kontrollen und schärfere Gesetze.

Kochel am See – Das Haus, in dem sie leben, sei „landschaftlich ein Paradies“, schreiben Stephanie Erenoglu, Robert Gratzl und Wanja Pernath, die an der Kesselbergstraße in Kochel leben. Doch der Lärm der vielen Motorradfahrer, die über den Kesselberg brausen, sei „infernalisch“. „Es fängt zum Teil morgens um 7 Uhr an und geht bis nach Einbruch der Dunkelheit“, berichtet das Trio. „Meist ist es ab dem Nachmittag an einem schönen Tag so schlimm, dass wir oder auch andere Anwohner die Polizei rufen müssen.“

Kochel am See: Lärm von rücksichtslosen Motorradfahrern - Anwohner ärgern sich über Abfall und Wildbiesler

Diese sei jedoch tagsüber in Kochel und abends in Tölz „hoffnungslos unterbesetzt“: „Häufig hören wir den Satz: ,Wir kommen, wenn wir jemanden entbehren können.‘“ Zudem werde ihnen immer wieder gesagt, dass die Polizei nichts tun könne, denn die Lautstärke sei selten über dem erlaubten Geräuschpegel. Rücksichtlose Motorradfahrer, so die Ansicht der Kochler, würden vom Gesetz mehr geschützt als betroffene Anwohner.

Immer wieder hätten sie Rennen und waghalsige, rücksichtslose Überholmanöver sowie ständiges Hinauf- und Hinab-Fahren wochentags beobachtet. Biker, die sich vernünftig verhielten, seien „eine absolute Minderheit“.

Kesselberg: Lärm durch Motorradfahrer - Anwohner wütend und zermürbt

Das Trio ärgert sich zudem über Abfall in einer Parkbucht nahe am Haus. Und: „Oft urinieren die Motorradfahrer knapp neben der Einfahrt auf den Grünstreifen, das ist von unserem Haus sehr gut sichtbar.“ Die Polizei habe ihnen einige Male geraten, das schnelle Losfahren in der Parkbucht zu filmen. Das hätten sie auch versucht, bis ihnen Motorradfahrer Prügel androhten. Die Polizei habe geantwortet, dass dies allein noch keine Straftat sei, berichtet das Trio.

Stephanie Erenoglu, Robert Gratzl und Wanja Pernath sind wütend und zermürbt. „Wir wohnen am schönsten Fleck der Welt und können bei schönem Wetter nicht im Garten sitzen, weil man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.“ Sie fordern, dass Politiker und Behörden „endlich was tun“: Schärfere Gesetze, mehr Radarfallen, mehr Polizei und eine generelle Sperrung für Motorradfahrer.

Motorradfahrer am Kesselberg: Anwohner schreiben offenen Brief - Polizei äußert sich

Man könne die Beschwerden „sehr gut nachvollziehen“, sagt Martin Emig, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd. Der Kesselberg sei die am stärksten kontrollierte und bemessene Motorradstrecke im Einzugsgebiet. 2020 wurden durch die Kontrollgruppe Motorrad 60 Aktionen durchgeführt, und auch heuer wolle man „eine hohe Kontrolldichte gewährleisten“.

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Man könne diese Dichte aber nur durch Anhaltekontrollen, sprich mit hohem Personaleinsatz vor Ort, leisten, denn: „Die Messung mit einfacher Radartechnik ist bei Motorrädern problematisch, weil in der Regel Frontbilder gemacht werden.“ Dabei sehe man nicht das Kennzeichen, und der Fahrer sei durch den Helm weniger erkennbar. „Eine lückenlose Überwachung von Verkehrsteilnehmern ist weder möglich noch gewünscht“, so Emig. Vorrangiges Ziel der Arbeit sei es, Unfälle zu verhindern.

Die Verfügbarkeit der Polizei orientiere sich an strategischen Gesichtspunkten, so Emig weiter. Die Station in Kochel sei von 7 bis 18.30 Uhr, die Inspektion Tölz rund um die Uhr besetzt. In Tölz sei man darauf ausgelegt, dass je nach Tageszeit auch mehrere Streifenbesatzungen kurzfristig entsendet werden können. Je nach Lage könne man Kräfte aus Penzberg und Murnau hinzuziehen. Emig rät davon ab, die Motorradfahrer zu filmen oder zu fotografieren. Ein Fehlverhalten könne dadurch „nicht beweiskräftig dargelegt werden“, etwa in punkto Geschwindigkeit und Lärm.

Kesselberg-Komplettsperrung für Motorradfahrer: Innenministerium gibt Auskunft

Dass Kochler Bürger eine komplette Sperrung des Kesselbergs für Motorradfahrer fordern, ist nicht neu. Aktuell gibt das Innenministerium dazu folgende Auskunft: „Eine Komplettsperrung wäre aufgrund der geltenden Rechtsprechung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs nur als ultima ratio möglich, wenn alle anderen weniger einschneidenden Alternativen keinen Erfolg bringen“, teilt der stellvertretende Pressesprecher Michael Siefener mit.

Vor diesem Hintergrund, so Siefener weiter, wurde vom VGH die komplette Sperrung der Sudelfeldstrecke für Motorradfahrer 1986 gekippt. Eine Entscheidung obliege der Straßenverkehrsbehörde im Tölzer Landratsamt. Die Beschwerden von Anwohnern an beliebten Motorradstrecken könne man gut nachvollziehen, so das Ministerium weiter, und verweist auf die Kontrollen durch die Polizei, die bis zur Beschlagnahmung von Maschinen reichen würden.

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Verständnis für die Anwohner hat auch der Kochler Polizeichef Steffen Wiedemann, aber auch er sagt: „Wir können nicht 24 Stunden lang laute Motorräder kontrollieren.“ Er kritisiert, dass in Sachen Lärmschutz seit 2017 eine EU-einheitliche Vorschrift gelte, denn diese sei nicht so streng wie die vormals nationale bei Standgeräuschen von Motorrädern.

Motorradfahrer am Kesselberg: Kochler SPD schlägt Runden Tisch vor - „Darf nicht alle über einen Kamm scheren“

Wiedemann bricht aber auch eine Lanze für Biker, die sich an Regeln halten: „Man darf nicht alle über einen Kamm scheren.“ Einer Komplettsperrung des Kesselbergs für Motorradfahrer räumt er juristisch keine Chance ein: „Man kann nicht eine Verkehrsart dauerhaft von einer Bundesstraße ausschließen.“

Die Kochler SPD hat den Anwohnern nach Auskunft des Ortschefs Sebastian Salvamoser bereits „ein Gesprächsangebot über ein zukünftiges gemeinsames Vorgehen gemacht“. Der Lärm, die Abgase und der Müll seien Probleme, „die schnellstmöglich angegangen werden müssen“. Ein Fahrverbot sei jedoch auch eine Abwägung von Grundrechten, gibt Salvamoser zu Bedenken. Um die Verkehrsprobleme zu lösen, sei ein gemeinsamer Runder Tisch, auch mit Vertretern der Motorradfahrer, sinnvoll.

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