Leonard und Cordula Burtscher mit den Kindern Tabea und Lauris auf dem Jochberg
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Den Urlaub im Tölzer Land genießt Leonard Burtscher mit seiner Frau Cordula und den Kindern Tabea und Lauris auf umweltfreundliche Weise. Auch zur Jochberg-Wanderung reiste die Familie mit dem ÖPNV an

„Nicht nur in Corona-Zeiten unverantwortlich“

Urlaub ohne Auto: Familie reist umweltfreundlich nach Oberbayern - schon beim ersten Ausflug wird's kompliziert

  • Andreas Steppan
    VonAndreas Steppan
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Eine Familie wollte ihren Urlaub im Tölzer Land ganz vorbildlich auf umweltfreundliche Art genießen. Ihr Erfahrungsbericht zeigt allerdings: Das ist sehr schwer.

  • Aus Umweltschutzgründen ist Familie Burtscher zum Urlaub im Tölzer Land mit dem Zug angereist und bewegt sich hier vorzugsweise mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV fort - im Bedarfsfall mit einem Carsharing-Wagen.
  • Doch dabei stellt die Familie fest, dass in vielen Bereichen noch Luft nach oben ist.
  • Hier berichten sie von Radwegen, die plötzlich im Nichts enden, und mangelhaften Busverbindungen.

Kochel am See/Benediktbeuern - Der Astronom Leonard Burtscher stammt aus Penzberg. Vor drei Jahren zog er aus beruflichen Gründen mit seiner Familie nach Holland. Im Sommer kehren er, seine Frau und die drei Kinder (10, 8 und 4) gerne in die Heimat zurück und machen in Benediktbeuern „Urlaub auf dem Bauernhof“. „In Holland besitzen wir kein Auto mehr“, sagt der 38-Jährige. „Dank gutem ÖPNV, sehr guten Fahrradwegen und funktionierendem Carsharing brauchen wir es dort nicht mehr.“ Um die Umwelt zu schützen, nutzt die Familie auch für die Urlaubsanfahrt Bus und Bahn – und habe es so auch problemlos nach Benediktbeuern geschafft.

Urlaub ohne Auto im Tölzer Land: Bus zum Walchensee völlig überfüllt

Vor Ort aber stoßen die Fünf regelmäßig auf Hindernisse – zuletzt bei einem Wanderausflug zum Kesselberg. Die Familie fuhr mit der Bahn nach Kochel – und stellte beim Aussteigen fest, dass „gefühlt der halbe Zug in den Bus Richtung Walchensee rein wollte“. Der Bus der Linie 9608 sei völlig überfüllt gewesen – und Leonard Burtscher wunderte sich. „Das ist nicht nur in Corona-Zeiten unverantwortlich, sondern auch aus verkehrspolitischer Sicht unsinnig“, meint er.

Der Bus vom Bahnhof Kochel zum Walchensee sei völlig überfüllt gewesen, berichtet Leonard Burtscher.

Wo sich täglich eine wahre Blechlawine über den Kesselberg quäle, sollte seiner Ansicht nach doch ein „vernünftiger Busverkehr“ mit Halb- oder gar Viertelstundentakt möglich sein. Den, so Burtschers Vorschlag, könne man über eine bessere Parkraumbewirtschaftung am Walchensee – etwa mit einem Parkticketpreis von 15 Euro am Tag – „locker finanzieren“.

Urlauber reist ohne Auto - und wünscht sich autofreien Walchensee

Eine weitere Vision des Astronomen: dass das Walchensee-Ufer in Zukunft ganz für den motorisierten Individualverkehr gesperrt wird. Eine Sperrung an einzelnen Tagen könne dabei als „Einstiegsdroge“ wirken, meint er. „Damit könnte man den Menschen zeigen, was möglich ist, und wie man den schönen See einmal ohne Lärm und Gestank genießen kann.“

Urlaub im Tölzer Land: Abends essen gehen ohne Auto? Schwierig

Auch die Busverbindungen zu anderen Zielen sind, so die Urlaubererfahrung, lückenhaft. „So fährt von Benediktbeuern zum Blomberg um 9.20 Uhr ein Bus und auch um 11.18 Uhr, aber um 10 Uhr fährt nichts – dabei ist diese Zeit gerade für Familien sehr beliebt“, stellt Burtscher fest. Und wer eine Wandertour in der Jachenau bis 18 Uhr nicht beendet habe, dem bleibe nichts anders übrig als für die Heimfahrt ein Taxi zu nehmen. Abends auswärts essen zu gehen, sei ebenfalls nicht möglich, wenn man mit den Öffentlichen hin und zurück will.

Radwege im Tölzer Land sind wunderschön, „aber nicht als Netz gedacht“

Weil es eben Situationen gibt, in denen Familien im Urlaub doch ein Auto benötigen – auch weil sich an manchen Stellen ein ÖPNV nicht lohne, wie Burtscher einräumt –, sei Carsharing eine gute Lösung. Doch leider habe der Verein „Ökomobil Pfaffenwinkel“ seine Autos aus Benediktbeuern abgezogen. Burtscher und seine Familie, die dem Verein eigens beigetreten sind, konnten sich zwar in Penzberg ein Auto leihen. Dieses stehe nun aber meist ungenutzt bei ihnen auf dem Bauernhof – was nicht gerade dem Gedanken des Carsharings entspreche. Burtscher fragt, ob das Carsharing-Angebot in Benediktbeuern ausreichend beworben wurde oder ob eine Kooperation zum Beispiel mit „Tölzer Land Tourismus“ möglich wäre.

Es ist viel von sanftem Tourismus die Rede. Aber den Worten folgen wenig Taten.

Leonard Burtscher

Schließlich sieht der 38-Jährige auch bei der Infrastruktur für Radfahrer Luft nach oben. „Die Radwege im Tölzer Land sind wunderschön: durchs Kochler Moor, an der Loisach oder der Isar entlang“, schwärmt er – nur seien diese Wege eben „nicht als Netz gedacht“.

Radfahren im Tölzer Land: Radweg in Kochel endet plötzlich

Das erlebte die Familie auf einer Tour von Schlehdorf nach Kochel. Nahe Kochel wechsle der Radweg schon einmal aus nicht ersichtlichen Gründen von der rechten auf die linke Seite der Staatsstraße – diese mitsamt drei Kindern zu überqueren, empfand der Wissenschaftler als durchaus riskant. Kurz vor der Ortseinfahrt Kochel löse sich der Radweg dann unversehens ganz in Luft auf. „Ja, was soll ich denn dann als Radlfahrer machen? Mich in Luft auflösen? Oder auf der linken Straßenseite weiterradeln, wo die Autos teilweise noch mit 100 angeprescht kommen?“ Gerade 200 Meter weiter beginne dann der Radlweg im Ort, am Döllerfeldweg. „Hätte man für diese 200 Meter nicht eine bessere Lösung finden können?“, fragt sich der Heimaturlauber.

Sanfter Tourismus im Tölzer Land ist bisher vor allem Theorie

Ganz praktisch ist Leonard Burtscher klar, dass es zur Lösung der genannten Probleme viele verschiedene Akteure bräuchte. Genau von denen würde er sich aber mehr Engagement, mehr Zusammenarbeit und Flexibilität wünschen. Seit seiner Schulzeit seien in der Region zwar viele zusätzliche Parkplätze entstanden – an den dünnen Busverbindungen aber habe sich kaum etwas geändert. Es sei viel von „sanftem Tourismus“ und „sanfter Mobilität“ die Rede. „Aber den Worten folgen wenig Taten.“

Das Thema umweltfreundliches Reisen ist hochaktuell. Klar ist: Wer von München aus zum Beispiel typische Ausflugsziele im Tölzer Land mit dem ÖPNV ansteuert, muss viel Zeit einplanen.

Eine bessere Anbindung des Walchensees mit öffentlichen Verkehrsmitteln war auch eine der Forderungen der „Ausbremst is“-Demonstration in Kochel. Fortschritte gibt es jedoch bei der Planung der nächsten Bauabschnitte des Radwegs Lenggries-Jachenau.

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