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Hias Hammerl ist ja eigentlich so etwas wie ein FC Bayern-Botschafter - hier mit Bastian Schweinsteiger.

Unser Mann in Marseille

So erlebt Oberbayerns bekanntester Fan Hias Hammerl die EM

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Evian-les-Bains – Hias Hammerl, Oberbayerns bekanntester Fußballfan, ist in Marseille, wenn Deutschland gegen den Gastgeber Frankreich antritt. Ohne Eintrittskarte fürs Stadion - dafür mit Kuhglocke. 

Hier posiert da Hias mit Polen.

Spannend war’s zwischen Deutschland und Italien am Samstagabend. Erst recht bei Matthäus „Hias“ Hammerl in Kochel am See. Vorm Fernseher sekündlich eine neue Lage: Fährt er nach Frankreich oder bleibt er zuhause? Als Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger – zwei von ihnen auch noch gestandene und überzeugte Oberbayern wie er – Elfmeterfehlschüsse leisteten, war die Europameisterschaft für Hias Hammerl vorbei, ehe sie begonnen hatte. Als dann aber Jonas Hector traf, war alles gut und beschlossen: Der Hias fährt zum Halbfinale am Donnerstag nach Marseille.

Den Flug hat er gebucht. Eine Eintrittskarte hat er nicht. „Aber wenn jetzt in der Zeitung steht, dass ich eine brauche. Wenn jemand also eine hat...“ Ach was, da macht er sich keinen Kopf. Er kommt schon rein ins Stadion. Er hat es immer geschafft.

Viele Fans aus Deutschland sind in Frankreich oder sie kommen noch – rechtzeitig zum Halbfinale heute Abend. Es gibt die lustigen Jungs aus Siegen, die einen alten VW-Bus schwarz-rot-gold lackiert und „Das Wunder von Bern“ draufgeschrieben haben. Im amtlichen Kennzeichen kommt natürlich die Zahl 1954 vor. Der Code für den Beginn deutscher Fußballerfolgsgeschichte. Dann war da in Lille die Dame im selbstgenähten Deutschland-Kleid, passend dazu die Kappe. Manche setzen sich Perücken auf oder Sombreros – doch unter allen sticht Matthäus Hammerl aus Kochel am See immer hervor.

Ein Baum von einem Mannsbild. Lederhose, Gamsbart, Kuhglocke. „Loisachtaler Tracht – alles an mir ist original“, sagt er.

Den Superfan Hias Hammerl kennt man ja schon vom FC Bayern

 Hias Hammerl und seine Kuhglocke.

Man kennt ihn vom FC Bayern, mit dem reist er seit 1976 fast überall hin, er hat also jetzt sein Vierzigjähriges als Vorzeigefan. Im Jahr 2002 hat Hias Hammerl dann begonnen, sich zu internationalisieren. Damals hat niemand einen Pfifferling auf die deutsche Nationalmannschaft gesetzt, sie hatte sich erst in einer Relegationsrunde gegen die Ukraine überhaupt qualifiziert für das WM-Turnier in Japan und Südkorea. Doch in einer leichten Gruppe (Saudi-Arabien, Irland, Kamerun) und mit günstigen Losen ab dem Achtelfinale (Paraguay, USA, Südkorea – immer sparsam 1:0 gewonnen) ist die Mannschaft von Rudi Völler bis ins Finale gerauscht. Hias Hammerl hat gesagt: Da muss ich dabei sein.

Er erinnert sich noch, dass er am Abend vor seinem Abflug auf einem Gartenfest war. Als er für seine Verhältnisse ungewöhnlich früh und trocken ging, haben ihn alle staunend gefragt, wo er denn noch hinmüsse und hinwolle. „Nach Japan“, hat er gesagt, „nach Tokio.“ Ha ha, der Hias, was für ein Geschichtenerzähler. „Und dann haben sie plötzlich im Fernsehen meinen Gamsbart im Stadion von Yokohama leuchten sehen.“ Er hatte es getan, der Hias Hammerl. Er war hingeflogen. Urbayerisch, wie er ist. Zu den Japanern. Was haben die geschaut!

Hias Hammerl fliegt in die Welt – schon das ist ein Ereignis. Es ist nämlich nicht so, dass er ein Fluggast in Zivil ist, der sich erst am Zielort in sein Fußballfangewand wirft. Nein. Hammerl legt die Tracht zuhause an. Er nimmt nicht viel mit, denn er verreist immer nur kurz. Aber tatsächlich kommt er mit seiner Kuhglocke zum Check-in. Und zur Sicherheitskontrolle. „Kein Problem“, sagt er, „bei Lufthansa, Condor, Air Berlin, da kennen’s mich alle schon.“ Kuhglocke ist Handgepäck und kommt ins Kabinenfach.

Dumm nur, dass man nicht überall auf der Welt weiß, wie wenig Gefahr von solch einer Kuhglocke ausgeht. In Japan hat man Matthäus Hammerl eine Stunde lang nicht aus dem Flugzeug aussteigen lassen. „Die dachten, meine Glocke sei eine Bombe.“ Er kriegt sie auch nicht in jedes Stadion rein, muss sie manchmal abgeben, verwahren lassen und nach dem Spiel wieder abholen. Die Stadionordnungen sind bisweilen restriktiv. Nicht, dass Hias Hammerl seine Glocke auf einen Spieler wirft.

Nun haben schon etliche Völker den Hias Hammerl rund um den Fußball erleben dürfen. Er war also 2002 beim Endspiel in Yokohama, 2008 in Österreich sowieso, 2010 dann in Südafrika. Da hat er sich in Johannesburg nachts in ein wirklich gefährliches Viertel verlaufen. Mit Lederhose, Gamsbart und der Kuhglocke. Aber sie haben ihn nicht ausgeraubt, sondern einfach nur angestaunt. Solch eine Gestalt hatten sie noch nie gesehen.

Es kam schon vor, dass Leute Hammerls Utensilien als Trophäen erbeuten wollten

2014 war er beim legendären deutschen 7:1 gegen Brasilien in Belo Horizonte und ein paar Tage später der Blickfang vor dem Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. Das Finale mit dem WM-Gewinn war „das größte Erlebnis“. Es muss unzählige Bilder geben von verschiedensten Menschen mit ihm, dem Gamsbart und der Kuhglocke. „Ich bin aus dem Fotografiertwerden und Selfiemachen nicht mehr rausgekommen.“ Es war schon fast Stress.

Freunde auf der ganzen Welt: Hier wollen deutsche Fans bei der WM in Brasilien ein Foto mit ihm.

Es ist allerdings auch schon vorgekommen, dass Leute versucht haben, etwas von Hammerls Utensilien als Trophäe zu erbeuten. So ein Gamsbart ist ja quasi ein Skalp. Aber da geraten sie an den Falschen. Matthäus Hammerl ist zwar nicht mehr der Jüngste („Neulich habe ich über mich mal gelesen: 62 – aber ich muss sagen: Es sind schon 72“), doch „nahkampfausgebildet“. Kein Witz: Er hat Taekwondo gemacht und Judo. „Und gut beinand bin ich sowieso.“

Aber er ist keiner, der Händel sucht. Im Gegenteil: Hias Hammerl ist einer, der den Dampf rausnimmt. Das ist schon beim FC Bayern zu seiner Rolle geworden. Dort tritt er bei jeder Jahreshauptversammlung ans Rednerpult.

Es gibt Jahre, die nicht glatt gelaufen sind, in denen nicht alle erwünschten Trophäen vorne auf der Bühne stehen, in denen sich Unmut aufgeschaukelt hat. Drei Leute aus dem gemeinen Volk schaffen es aber, beim Tagesordnungspunkt „Aussprache“ eine aufbrausende Mitglieder-Menge zu besänftigen. Alois Podolsky, der Gereimtes aus eigener Dichtung vorträgt. Hansi Gehrlein vom Fanclub „Die 13 Höslwanger“, der Wirt ist und Freibier als versöhnliche Lösung propagiert. Und Matthäus Hammerl. Er hat genügend Vereinserfahrung: Gebirgsschützen, Trachtler. Er kann Gemüter runterkühlen: „Nicht dass noch welche zu raufen anfangen.“ Er spricht, die Halle tobt, hinterher holt sich der Redner seinen Handschlag ab bei den Vereinsoberen Rummenigge und Hopfner. Oder bei Uli Hoeneß. Dem (Ex-)Präsidenten ist Hammerl in jeder Lebenslage beigestanden. Damals, bei der Steuerverurteilung, hat er sich auch vors Münchner Gericht gestellt und protestiert.

Ein Hotelzimmer? Das braucht der Hias Hammerl doch nicht in Marseille

Wenn man so will, ist der Hias Hammerl ein FC-Bayern-Botschafter. Und auch ein Botschafter bayerischen Wesens, wenn er jetzt wieder zu einer seiner Fußballreisen aufbricht. Das mit der Eintrittskarte für die Partie Deutschland gegen Frankreich wird er schon noch irgendwie gelöst bekommen. In Brasilien hat ihn ein Freund aus der Bayern-Südkurve versorgt, ein andermal musste er halt auf dem Schwarzmarkt löhnen: 900 Euro. Und er hat ja seine Kontakte – „zu anderen Verrückten. Da kennt man sich.“ Es wird sich was ergeben.

Auch bei der Übernachtung improvisiert Hammerl. Braucht er in Marseille ein Hotelzimmer, wo eh alles voll ist? Braucht er nicht. Er fliegt ja gleich am nächsten Morgen zurück. Er hat schon in Flughafenterminals geschlafen: „Ich verkrafte das schon.“ Er wird auch mit 72 seine Karriere noch nicht beenden.

Warum er nicht länger bleibt? Weil er daheim genug Arbeit hat. Matthäus Hammerl aus Kochel am See ist Taxiunternehmer.

Aber damit das klar ist: Wenn die Sache im Halbfinale gut ausgeht für die Deutschen, dann wird unser Mann in Marseille auch unser Mann in Paris sein. Dann ist er am Wochenende schon wieder unterwegs zum Endspiel. Ohne Angst vor irgendwas und schon gar nicht „vor Attentätern. Denn die wollen, dass wir Angst haben.“ Also hat er demonstrativ keine.

Der Hias Hammerl hat eine Mission, und von ihr lässt er sich nicht abhalten.

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