Bild von oben von einem großen Haus
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Aus der früheren Tölzer Knabenschule (u.) machte die Integrierte Gemeinde ihr Verlagshaus. 2009 wurde der Betrieb aufgelöst und das Gebäude verkauft

Benedikt XVI. distanziert sich von katholischer Reformbewegung

Erinnerungen an die Integrierte Gemeinde in Tölz und Urfeld

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war einst der große Schirmherr und Förderer der Integrierten Gemeinde. Nun hat er sich von ihr distanziert. Die Reformbewegung besaß in Urfeld und Bad Tölz diverse Einrichtungen.

  • Papst distanziert sich von Integrierter Gemeinde, die einst in Bad Tölz und in Urfeld am Walchensee mehrere Einrichtungen betrieb.
  • Kirchlicher Visitationsbericht legt den Verdacht einer Sekte nahe.
  • Tölzer Verlagshaus ist schon vor Jahren verkauft worden. Der Besitzer des Urfelder Hotels „Fischer am See“ ist unklar.

Bad Tölz/Urfeld – „Die Integrierte Gemeinde ist keine Utopie, sondern eine real anschaubare Größe“ und „Teil der katholischen Kirche“, schrieb die Gründerin der „Reformbewegung“ Traudl Wallbrecher an den Autor dieses Berichtes vor 23 Jahren. Damals hatte der Tölzer Kurier gerade einen eineinhalbseitigen Gastbeitrag des israelischen Journalisten Ruvik Rosenthal über die Katholische Integrierte Gemeinde (KIG) veröffentlicht. Hintergrund: Die KIG betrieb zu der Zeit in Urfeld eine Grundschule, einen Kindergarten und das Seminarhotel Fischer am See. Am Walchensee wurde in den 1980er-Jahren auch der „Urfelder Kreis“ gegründet, ein einflussreicher Zusammenschluss von KIG-Mitgliedern und Angehörigen israelischer Kibbuzim, der sich forthin regelmäßig traf. Die KIG bezeichnete sich selbst als Reformbewegung in einer „der Kirche entfremdeten Welt“.

Im benachbarten Bad Tölz hatte die KIG die ehemalige Knabenschule erworben und mit enormen finanziellen Aufwand zu einem eleganten Verlagshaus umgebaut, wo auch die Kirchenleitung residierte. Zudem besaß die KIG mindestens ein Privathaus in Tölz. Einblick in das Tun und Treiben der Gemeinde gab es indes so gut wie keinen. Die außergewöhnliche Hintergrundreportage Rosenthals leuchtete unbekannte Hintergründe aus. Wallbrecher kritisierte allerdings, dass der Text keine positive Gesamtperspektive aufzeige und die KIG in die Nähe einer Sekte rückte.

Diese lange Vorrede ist nötig. Denn 23 Jahre später hat sich nun der langjährige und prominenteste Schirmherr der Reformbewegung, der emeritierte Papst Benedikt XVI., von der Integrierten Gemeinde losgesagt. Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) zitiert den früheren Oberhirten der Katholischen Kirche mit einem Beitrag aus der „Herder Korrespondenz“. Er, Ratzinger, sei offensichtlich über manches im Innenleben der Gemeinde „nicht informiert oder gar getäuscht“ worden. Der frühere Papst darf sich dabei auf Ergebnisse eine innerkirchliche Visitation, also eine Überprüfung, stützen, die vor einem Jahr laut KNA ergab, dass ein „System psychischer und finanzieller Abhängigkeit“ rund um das Gründer-Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher entstanden sei. Ehen wurden zum Beispiel gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung förderlich erschien. Dieses Gremium entschied auch, ob Ehepaare Kinder bekommen durften oder nicht. Widerspruch wurde als Sünde gegen den Heiligen Geist dargestellt, Sanktionen auch auf Familienangehörige ausgedehnt – alles Merkmale mit Sektencharakter.

Papst Benedikt XVI. hat die Integrierte Gemeinde, die sich selbst als „apostolische Gemeinschaft von Laien und Priestern in der katholischen Kirche“ bezeichnete, schon 1978 anerkannt. Damals war er Erzbischof von München und Freising. Die Bindung an die Gemeinschaft war eng. Kardinal Joseph Ratzinger publizierte im Verlag Urfeld. Seit 1995 besaß die Gemeinschaft bei Rom die Villa Cavaletti und unterhielt dort eine Lehrakademie. Seit März 2009 hatte die Integrierte Gemeinde einen Lehrstuhl an der päpstlichen Lateran-Universität inne.

Die Kontakte zum Kirchenoberhaupt der katholischen Kirche gingen weit ins Private hinein. Im April 2007 war in der Bild-Zeitung ein halbseitiges Foto zu sehen, auf dem der Papst den Enkel von KIG-Gründerin Traudl Wallbrecher tauft. Im Bericht ist von einer bevorstehenden Anerkennung als weltlicher Orden die Rede.

Die Zeiten sind vorbei. Ihm sei nicht bewusst gewesen, zitiert KNA den früheren Papst, dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, „auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren“.

2016 starb Traudl Wallbrecher nach schwerer Krankheit. Als 2019 die kirchliche Visitation anstand, traten alle Mitglieder der KIG im Erzbistum aus, teilt ein Ordinariatssprecher mit. Damit habe sich das Gegenüber der Visitation entzogen.

Gibt es die Integrierte Gemeinde also nicht mehr? Das ist nicht klar. Die KNA zitiert die „Herder Korrespondenz“, wonach Vertreter der Gemeinde beschlossen hätten, „die Aktivität als kirchliche Vereinigung ganz einzustellen“. Die Internetseite sei seit Monaten schon nicht mehr erreichbar.

Und was ist mit den Immobilien der KIG in Tölz und Urfeld. Im Juni 2009 wurde das sogenannte Hedvig-Fornander-Haus, der Tölzer Verlag, geräumt und die Immobilie angeblich für zwei Millionen Euro angeboten und schließlich auch an einen Privatmann verkauft.

Das ehemalige Hotel Fischer am See: Früher war es ein Seminarhaus der Integrierten Gemeinde. Wer heute der Besitzer ist, ist unklar.

Und der „Fischer am See“ in Urfeld? Auf eine aktuelle Anfrage, ob die KIG noch Besitzer des ehemaligen Hotels ist, verwies Zweiter Bürgermeister Thomas Eberl für das abwesende Gemeindeoberhaupt an die Verwaltung. Geschäftsleiterin Nicole Lutterer gab aus Datenschutzgründen keine Auskunft. 2016 hatte Thomas Holz indes über die Problematik berichtet, dass die schön am Walchensee gelegene Immobilie touristisch leider kaum genutzt werde.

Laut Informationen der KIG gehörte der „Fischer am see“ damals einer Eigentümergemeinschaft, die die Räumlichkeiten der Integrierten Gemeinde zur Verfügung stelle. Zur Zukunft des Hauses wurden keine Angaben gemacht. 2018 trat Dr. Bernhard Anderl als Sprecher der „Bauwert Fischer am See KG“ öffentlich in Erscheinung. Anderl war für den Tölzer Kurer Ansprechpartner der Integrierten Gemeinde, als 2009 das Tölzer Verlagshaus aufgelöst wurde. Von Christoph Schnitzer

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