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Im Münchner Museum "Mensch und Natur" ist die Szene verewigt, wie Bruno sich einst in Kochel über einen Bienstock hermachte.

Vor zehn Jahren

Erinnerungen an Brunos bärigen Besuch

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Lenggries/Kochel am See - Kein anderes Wildtier ließ die Emotionen so hochkochen wie einst Braunbär Bruno. Vor zehn Jahren streifte er auch durch den Landkreis, setzte sich in aller Seelenruhe vor der Kochler Polizeistation nieder und riss Schafe am Brauneck. Ein tierischer Rückblick.

Heute ist er in voller Pracht in einem Ausstellungsraum zu bewundern. Das Museum „Mensch und Natur“ zeigt Bär Bruno – oder besser seinen präparierten Körper – auf den Hinterpfoten stehend neben Bienenkästen, die er offenbar gerade geplündert hat. Zehn Jahre ist es her, dass sich diese Szene ganz wirklich und lebendig in Kochel am See abgespielt hat, wo sich der „Problembär“ den Honig eines Imkers schmecken ließ. Davor und danach war Bruno am Brauneck unterwegs, bevor er weiterzog und schließlich am 26. Juni 2006 See im Spitzingseegebiet abgeschossen wurde. In Isarwinkel und Loisachtal werden Erinnerungen wach.

Ein Bild der Verwüstung

Schafe gerissen: Auf einer Weide von August Maerz beim Hohenburger Weiher tötete Bruno mindestens zwei Tiere.

Marianne Seybold hat genau im Gedächtnis, wie Bruno das Leben auf ihrem Hof in Ort durcheinanderwirbelte. „Der Opa hat morgens vor der Stalltür unseren toten Hasen gefunden“, berichtet sie. Da habe sich ihr Schwiegervater aber noch nichts gedacht und wollte eigentlich nur den Tierkörper beseitigen, bevor ihn die Kinder sehen. Doch dann stellte er fest, dass am Stall das Gitter ausgerissen war. Im Stall lag ein totes Meerschweinchen. Ein Artgenosse hatte sich in sein Häuschen gerettet.
Schnell war klar: Dieses Bild der Verwüstung konnte nur Bär Bruno angerichtet haben. Zu jenem Zeitpunkt war schon bekannt, dass das Wildtier durch die Region streifte – der erste Braunbär seit über 170 Jahren, der sich in Deutschland auf freier Wildbahn bewegte. Auch Familie Seybold hatte davon in der Zeitung gelesen. „Aber dass er direkt zu uns kommt, hätten wir nicht gedacht.“

Ein „komisches Gefühl“ sei das schon gewesen. In der Nacht, so gegen 3 Uhr, da habe sie noch bemerkt, wie die Kühe im Stall plötzlich ganz still geworden seien, sagt Seybold. „Da war absolute Ruhe, wo sonst immer Geräusche zu hören sind.“ Im Nachhinein erkannte Marianne Seybold, dass es die Anwesenheit des Bären war, der die Tiere auf dem Hof erstarren ließ.

Bruno sitzt unter dem Schild der Kochler Polizeistation

Unfall am Sylvensteinsee: Bruno rannte gegen das Auto von Oswald Pockenstaller.

Auf den Braunbären folgten viele Besucher anderer Art. Am Mittag war der Hof voller schwarzer BMWs und Mercedes. „Die Reporter haben vor dem Hasenstall um den besten Platz gestritten.“ Besonders die drei Kinder – damals 13, 9 und 2 Jahre alt und traurig über den Tod von Hase und Meerschweinchen – waren als herzergreifende Fotomotive und Interviewpartner begehrt.
Am Abend zuvor, dem 16. Juni 2006, war Bruno bereits in Kochel gesichtet worden. Hundebesitzer Dietmar Zeindl hatte den Braunbären beim Gassigehen in der Straße Am Lainbach unter einer Laterne erspäht. Etwa eineinhalb Stunden später bekam ein Urlaubsgast auf dem Hof zum Giggerer einen gehörigen Schrecken, während er auf dem Balkon eine Zigarette rauchte. Da sah er, dass Bruno minutenlang in aller Ruhe unter dem Schild der zu diesem Zeitpunkt unbesetzten Kochler Polizeistation saß. „Giggerer“-Wirt Klaus Schuldlos blickt heute gelassen auf die Ereignisse zurück. „Das war damals eine heitere Episode, interessant und einfach nett“, sagt er.

Doch bei allen Sympathien, die Bruno seinerzeit genoss: Sein Auftritt in Kochel zeigte auch, dass sich das Wildtier nicht scheute, in besiedeltes Gebiet vorzudringen und dort Schaden anzurichten. Auf dem Anwesen von Matthias Klughammer hatte Bruno in seiner Kochler Nacht einen Bienenstock aufgerissen und sich den Bauch mit etwa zehn Kilo Honig vollgeschlagen. Drei Tage später riss Bruno auf der Weide von August Maerz in der Nähe des Hohenburger Weihers zwei Schafe, ein drittes blieb verschwunden.

Bürgermeister verfolgt Spiel der Fußball-WM als der Katastrophenschutz anruft

Eine Station auf Brunos Weg: Der Bär bediente sich in Kochel am Bienenstock von Matthias Klughammer. 

Erstmals im Isarwinkel war der Bär am Abend des 14. Juni 2006 in der Nähe des Sylvensteindamms gesichtet worden. Hobbyjäger Oswald Pockenstaller, Angesteller der Österreichischen Bundesbahn, fuhr gerade von Hinterriß heim in Richtung Achenkirch, als in der Nähe des Wasserschlosses der Braunbär über die kniehohe Mauer neben der Straße kletterte und gegen den VW des Österreichers prallte. Anschließend lief Bruno in Richtung See davon. An Pockenstallers Golf war nur der Außenspiegel eingeklappt.
Danach führte Brunos Weg aufs Brauneck. Am Abend des 15. Juni saß er auf der Terrasse der Fintermünzalm, wie damals Skiliftbetreiberin Ursula Singhammer berichtete. „Ich habe gebellt wie ein großer Hund, um ihn zu vertreiben.“
Bürgermeister Werner Weindl erinnert sich an jenen Abend, als er zu Hause im Fernsehen ein Spiel der Fußball-WM verfolgte, die in jenem Sommer in Deutschland stattfand. „Um 9 oder halb 10 hat mich ein Mitarbeiter vom Katastrophenschutz des Landratsamts angerufen“, berichtet er. „Er sagte: ,Ich muss Ihnen mitteilen, dass Bruno am Brauneck gesehen wurde.‘“ Was er mit dieser Information anfangen sollte, das blieb nun ihm überlassen. „Ich habe dann den damaligen BBV-Kreisobmann Isidor Fischhaber angerufen und gefragt, ob ich jetzt die Bauern am Brauneck informieren soll.“

Einen der Milchviehhalter habe er danach auch verständigt, erinnert sich der Bürgermeister. „Der hat sich gleich mit den Worten gemeldet: ,Ja, ich weiß schon, der Bär ist los.‘“ Der Bauer sei aber ruhig geblieben und habe keine Notwendigkeit gesehen, im Dunkeln das Vieh von der Alm zu holen.

Einbrüche bei den Übernachtungszahlen?

Ein eigens aus Finnland eingeflogener Jagdtrupp mit spezialisierten Elchhunden kam Bruno – oder JJ1, so der offizielle Name – an jenem Abend so nah wie nie zuvor. Hund Peni nahm die Fährte auf und stellte den Braunbären am Latschenkopf. Doch für einen Betäubungsschuss war es zu dunkel.

Große Aufregung herrschte tags darauf in der Medienbranche. „Ich war noch nicht im Rathaus, da hatten schon alle möglichen Zeitungen bis aus Düsseldorf und Wien angerufen“, sagt Bürgermeister Weindl. Noch heute muss er über die Frage eines nordrhein-westfälischen Reporters gleich am Morgen schmunzeln: „Er wollte wissen, ob wir schon Einbrüche bei den Übernachtungszahlen haben.“

Bis heute erinnert Weindl ein Souvenir an jene bewegten Tage: eine kleine Braunbären-Figur, die ihm ein Freund schenkte. „Der schaut mich jedem Tag von meinem Schreibtisch aus an.“

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