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Auf der zugeparkten Staatsstraße 2072 in der Jachenau gab es stellenweise kaum noch ein Durchkommen.

Stau und zugeparkte Straßen

Ansturm der Ausflügler sorgt für Verkehrskollaps: War das erst der Anfang?

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Für den Isarwinkel und die Walchensee-Region ist ein Massenansturm nichts Neues. Doch was sich dort am Sonntag abspielte, überstieg die bekannten Dimensionen. 

Kochel am See/Jachenau/Lenggries– Die Beschreibungen reichen von „irre“ über „Katastrophe“ bis hin zu „Es war die Hölle“. Eine Verkehrssituation wie am Sonntag hätten sie „noch nie erlebt“, sagen übereinstimmend die Bürgermeister von Kochel am See und der Jachenau.

Die Wanderparkplätze, zum Beispiel am „Schützenhaus“, seien bereits um 9 Uhr voll gewesen, sagt der Jachenauer Rathauschef Klaus Rauchenberger. Viele Ausflügler stellten ihre Autos daraufhin einfach an der Staatsstraße ab – „das ging durchgehend vom Ortsteil Dorf bis einschließlich Mühle. Es war erschreckend.“ Dasselbe schildert Hans Schandl, Anwohner im Ortsteil Laich. „Auf einer Länge von zirka 1000 Metern parkten die Autos, sodass die Straße an vielen Stellen nur noch einspurig befahrbar war“, schreibt er per E-Mail. „Ein Durchkommen für den Rettungsdienst wäre nur mit erheblicher Zeitverzögerung möglich gewesen, was im Ernstfall zu schlimmen Folgen führen kann.“

Straße zugeparkt: In der Jachenau können die Bauern nicht mehr zum Mähen auf die Wiese

Etliche Bauern hätten nicht mehr zum Mähen auf ihre Wiesen fahren können, ergänzt Rauchenberger. Und nicht nur, dass die Menschen wild parkten – sie seien auch noch scharenweise querfeldein über die Wiesen gelaufen, hätten das zur Mahd bereite Gras niedergetrampelt und unterwegs so einiges „verloren“, vom Taschentuch über die Getränkedose bis hin zu Schuhen. Rauchenberger, selbst Landwirt, erinnert daran, dass auf den Wiesen ab 23. April ein Betretungsverbot gelte. Die Mahd diene ja der Futtergewinnung.

Auf einer Strecke von vielen hundert Metern parkten in der Jachenau die Autos auf der Staatsstraße.

Auch Kochels Bürgermeister Thomas Holz schildert desaströse Verkehrsverhältnisse. Am Kesselberg sei alles zugeparkt gewesen, zudem habe „den Berg rauf und Berg runter“ Stau geherrscht. Der Weg von Urfeld nach Kochel habe im Rückreiseverkehr über eine Stunde gedauert.

Zwischen Tölz und Lenggries zählt die Polizei in zwölf Minuten 90 Motorradfahrer

Von „brutalem Ausflugsverkehr“ spricht der Tölzer Polizeichef Johannes Kufner. Eine Streife habe auf der B 13 von Lenggries nach Tölz eine „kleine Verkehrszählung“ gemacht. In zwölf Minuten seien den Beamten allein knapp 90 Motorräder entgegengekommen. Im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen habe es noch relativ wenige Unfälle gegeben. Dennoch hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. „Wenn wir so viele Einsätze abzuarbeiten haben, ist es sehr schwer, auch noch Verkehrsüberwachung zu betreiben“, sagt Kufner.

Holz ist überzeugt, dass der Sonntag „erst ein Vorgeschmack auf das ist, was uns diesen Sommer erwartet“. Denn die Überlastung habe sich ja schon eingestellt, „obwohl noch gar keine Badegäste da waren und die Herzogstandbahn noch nicht in Betrieb ist“. Wegen der Corona-Krise seien die Menschen ja aufgerufen, ihren Sommer-Urlaub heuer im eigenen Land zu verbringen. Übernachtungsgäste und auch Tagesausflügler seien natürlich willkommen. „Aber es geht einfach nicht, dass man sich nicht an die Regeln hält.“

Bürgermeister von Kochel bittet Innenministerium um Hilfe

Der Kochler Bürgermeister hat deswegen am Montag umgehend ein Schreiben ans Innenministerium verfasst. Darin forderte er, die personelle Ausstattung der Polizeistation Kochel zu verbessern oder Verstärkung durch die Bereitschaftspolizei zu entsenden. „Mit einer Streife allein ist das nicht abzudecken“, sagt er. Zusätzlich will Holz mehr Überwachungsstunden beim Zweckverband in Auftrag geben. Und er fordert ein verändertes Konzept bei der Ausweisung von Halte- und Parkverboten, „damit Verstöße leichter und konsequenter zu ahnden sind“.

Ein Facebook-Video zeigt, wie wild die Ausflügler an und auf der Bundesstraße über den Kesselberg parkten.

Sein Jachenauer Kollege Rauchenberger hofft, dass eine Öffnung der Grenzen nach Österreich zumindest etwas Erleichterung bringen könnte. „Alle, die zurzeit nicht nach Tirol oder zu Zielen im Karwendel fahren können, haben wir jetzt bei uns gehabt“, sagt er. Dringend gebraucht würden auch die geplanten Ausweichparkplätze, die der Tölzer Forstbetrieb – allerdings erst kommendes Jahr – an den Mautstationen am Walchensee bauen möchte. Am Sonntag jedoch seien merkwürdigerweise die Parkplätze am Südufer „nur zu einem Drittel“ belegt gewesen, so Rauchenberger.

Große Sorgen: Wird es am Vatertag wieder so?

Die Polizei wappnet sich derweil für den nächsten erwarteten Ansturm am Feiertag Christi Himmelfahrt. Inspektionsleiter Kufner ist zu Ohren gekommen, dass nicht nur die heimische Bevölkerung „extrem beunruhigt“ sei, sondern dass sich auch etliche Gastronomen Sorgen machen. Bei aller Freude, dass sie ihre Biergärten wieder öffnen dürfen, wüssten manche nicht, wie sie am Vatertag dem Andrang unter Einhaltung aller Abstandsregeln Herr werden.

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