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Janna Ji Wonders sitzt im Garten des Familienanwesens am Walchensee. Hier hat schon ihre Urgroßmutter gelebt.

Interview mit Regisseurin Janna Ji Wonders 

Walchensee Forever: „Den Film habe ich schon als Kind begonnen“

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Eine bayerische Familiengeschichte avancierte 2020 zum bundesweiten Dokumentarfilm-Erfolg. In „Walchensee Forever“ erzählt Regisseurin Janna Ji Wonders von den Frauen ihrer Familie, der Suche nach Freiheit und dem Bezug zum Walchensee, als Ort der Zuflucht. 

Kochel am See– Seestraße 1 am Walchensee. Ein altes Haus mit dem Café Bucherer, direkt am Wasser. Von außen wirkt alles idyllisch, fast wie gemalt. Die Geschichte der Familie, die seit fünf Generationen in dem Haus lebt, ist von Janna Ji Wonders, Tochter der vierten Generation verfilmt worden. Ihre Dokumentation „Walchensee Forever“ wurde bereits mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie Bester Dokumentarfilm aufgezeichnet. Auf der Berlinale 2020 feierte er seine Weltpremiere in der "Perspektive Deutsches Kino" und gewann dort den Kompass-Perspektive-Preis.

Bis zum 24. Mai war das Werk der Regisseurin noch auf dem – wegen Corona digital stattfindenden – DOK.Fest zu sehen. Im Interview mit dem Tölzer Kurier erzählt Wonders, von dem außergewöhnlichen Leben der Frauen ihrer Familie, das sie auf kunstvolle Art und Weise zu einem Film-Erfolg modelliert hat.

Frau Wonders, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Erfolg. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Leben ihrer Familie in einem Film darzustellen?

Eigentlich habe ich den Film schon angefangen, als ich ein Kind war. Nur wusste ich das damals noch nicht. Meine Mutter hatte eine Kamera und hat mich damit oft gefilmt. Ich habe das als Spiel gesehen, habe mir die Kamera geschnappt und meine Mutter und Oma interviewt.

Film gewann bereits mehrere Preise 

Das ist nun schon einige Jahre her. Wie ging es dann weiter?

Ich habe an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Mein erster Film „Warten auf den Sommer“ war ein kurzes Porträt über meine Oma. Ich habe ihr Leben am Walchensee in meditativen Schwarz-weiß Bildern eingefangen.

Und aus diesem „Studentenfilm“ ist dann „Walchensee Forever“ entstanden?

Ich war erst nach meinem Abschluss bereit, den ganzen Film wirklich zu machen. Die Initialzündung war, dass ich auf der Berlinale 2016 einen Preis für das Treatment gewonnen habe. Dann wollte ich den Film endlich weiterentwickeln. Meine Oma war damals schon 104 Jahre alt. Ich wusste: „Wenn ich es nicht jetzt mache, dann nie.“ Die Zeit der Dreharbeiten war auch ihr letzter Sommer. Sie ist zwei Tage vor ihrem 105. Geburtstag gestorben.

Was hat Sie an Ihrem Familienleben derart inspiriert?

Die Filmhandlung beginnt schon vor 100 Jahren. Dazu war sehr viel Archivmaterial der Frauen meiner Familie da. Die Verbundenheit von Müttern und Töchtern hat mich in meinem Leben sehr geprägt. Wir haben diese Bindung, obwohl alle verschiedene Wege gegangen sind. Der Walchensee war und ist für uns immer ein Zufluchtsort, der den Frauen meiner Familie Schutzraum und Gefängnis zugleich ist, der sie immer wieder davon treibt und magnetisch zurückzieht.

Wie meinen Sie das genau?

Meine Urgroßmutter war diejenige, die den Walchensee für sich entdeckt hat. Es war der einzige Platz wo sie Trost gefunden hat, nachdem ihre kleine Tochter 1918 an der Spanischen Grippe gestorben ist. Meine Oma, die verbliebene Tochter, hat ihr ganzes Leben am See verbracht. Ihre Verwurzelung war der Gegenpol zur Rastlosigkeit meiner Mutter, die die weite Welt als Musikerin entdecken wollte. Durch die Pflege meiner Oma war sie dann wieder zur Sesshaftigkeit gezwungen.

Walchensee als Schutzraum und Gefängnis zugleich 

Sie sprechen nur von Frauen Ihrer Familie. Haben die Männer keine Rolle gespielt?

Doch. Aber im Mittelpunkt dieses Films stehen die Frauen, die das Café in bald 100 Jahren zu einem kleinen Matriarchat werden ließen. Ich konzentriere mich dabei vor allem auf die Sicht der Frauen, von denen jede auf ihre Weise den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit trotzt.

Im Film wird die Kontroverse zwischen Dorfleben und Ausbruch gezeigt....

Meine Mutter ist auf ihrer Suche viel in der Welt herumgereist, immer mit mir im Schlepptau. Ich bin in Kalifornien geboren, mein Vater ist ein amerikanischer Hippie. Als wir zurück nach Bayern kamen, lebten wir erst mal in München. Meine Mutter war eine der Frauen um Rainer Langhans.

Sie sind also teilweise in der Hippie-Szene aufgewachsen. Inwiefern hat sie das geprägt?

Ich habe positive Erinnerungen an meine Kindheit. Mir wurde viel Freiheit gelassen, konnte viel ausprobieren, habe immer Verständnis gefunden und wurde in meiner Kreativität unterstützt. Es hat mich auch insofern geprägt, dass die Erwachsenen Vorbilder für mich waren für einen bewussteren Lebensstil.

Welche Freiheiten denn zum Beispiel?

Ich bin mit 17 Jahren als Punkerin in ein besetztes Haus in Berlin gezogen. Dort habe ich auch mein Abitur gemacht.

Janna Ji Wonders Mutter Anna Werner war eine der Frauen um Rainer Langhans 

Sie zeigen in dem Film viele private Szenen. Wie haben Sie den Spagat zwischen Kunst und Privatsphäre bewältigt?

Wir waren immer kreativ. Sei es Fotografieren, Filmen, Schreiben, Musik. Und da war nie eine Trennung zwischen Kunst und Privatem. Bei all meiner persönlichen Involviertheit war es eine große Herausforderung die Geschichte so zu erzählen, dass sie eine überpersönliche Bedeutung erhält.

Welche Botschaft wollen sie mit „Walchensee Forever“ übermitteln?

Ich habe versucht, eine universelle Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, dass Menschen sich selbst darin wiederfinden können. Es dreht sich viel um die Suche nach Heimat. Meine Mutter sagt im Film: „Die Heimat ist im Herzen. Wenn man mit dem Herzensblick auf die Welt schaut, dann ist auch die Welt die Heimat.“

Wie geht es jetzt weiter?

„Walchensee Forever“ wird deutschlandweit in die Kinos kommen. Wann genau, steht wegen Corona noch nicht fest. Ich selbst möchte mich neuen Projekten zuwenden. Diesmal soll es ein Spielfilm werden. 

Lesen Sie auch: 

Film „Walchensee Forever bei Berlinale“

Janna Ji Wonders Großmutter Norma Werne feierte ihren 100. Geburtstag am Walchensee 

Ottfried Fischer zum 25. Jubiläum von „Bulle von Tölz“ 

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