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Entlarvte politische Schachzüge in ihrer Scheinheiligkeit: die Kabarettistin und diplomierte Volkswirtin Anny Hartmann bei ihrem Auftritt in der Kochler Heimatbühne.

„No Lobby is perfect“

Kein Abend zum Zurücklehnen, aber dafür Kabarett vom Feinsten

Es war der erste Auftritt von Kabarettistin Anny Hartmann im Oberland – „und wir haben sie hergeholt“, sagte Stefan Girgnhuber vom Kinoverein Kochel nicht ohne Stolz, als er die Künstlerin begrüßte. Viele Besucher dürften hoffen, dass es nicht Hartmanns letzter Besuch war. Denn die Künstlerin zeigte politisches Kabarett vom Feinsten. Der Titel des Programms lautete: „No Lobby is perfect“.

Kochel am See – Es war kein Abend zum Zurücklehnen. Hartmann spricht schnell. Und was sie zu sagen hat, macht betroffen. Weil sie weiß, wovon sie spricht. Sie selbst studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitete bei einer Bank. „Dann hab ich den Absprung doch noch geschafft“, witzelte die 46-Jährige. Sie kennt also das System und erklärte es überspitzt, aber immer mit einem Funken Wahrheit, ihrem Publikum.

Zum Beispiel in einem fiktiven Telefonat mit einem Journalisten, bei dem sie eine Lobbyistin mimte. Mit den Füßen auf dem Tisch, zog sie Politiker und Bürger durch den Kakao. „Lobbyisten sind Leihbeamte, die helfen, Gesetze auszuarbeiten – auf Kosten der Steuerzahler“, resümierte die gebürtige Kölnerin. Andere Länder hätten ein Lobbyregister, Deutschland nicht.

Hartmann ging mit den Besuchern etliche komplizierte Themen durch und präsentierte auch gleich eine Lösung. Zum Beispiel ein Mittel gegen Steueroasen wie die Schweiz: „Wir erheben so lange Strafzölle auf Schokolade und Käse, bis ihr das Bankgeheimnis lüftet“, lautete ihr Vorschlag. Bei der Behauptung, technischer Fortschritt bedeute Kaufzwang neuer Produkte, weil ältere Programme oft nicht mehr kompatibel seien, schüttelte ein junger Besucher den Kopf: „Das stimmt nicht“, murmelte er.

Sicher sind nicht alle Behauptungen Hartmanns haltbar. Aber jeder Politiker und Lobbyist muss die Diskussion mit ihr fürchten. Hartmann hat eine ähnliche Wirkung wie ihr Kabarett-Kollege HG. Butzko: Nach einem Abend mit ihr bedauert man, sie nicht vor der Wahl erlebt zu haben. So legte die Künstlerin Flyer aus, auf denen Internet-Adressen aufgelistet sind. Sie sollen helfen, das politische und wirtschaftliche System zu durchschauen.

Hartmann brachte zudem Postkarten mit: „Das Porto übernehme ich, schreiben Sie bitte an, wen Sie möchten!“ In der Pause und am Ende füllten immer wieder Besucher eine Karte aus und warfen sie in den dafür vorgesehenen Behälter. 

Birgit Botzenhart

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