Kesselberg/Bad Tölz: Canyoning-Gruppe sitzt in Klamm fest - Rettungsaktion wird zum Risiko
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Von der oberen Klammbrücke aus fuhr die Feuerwehr ihre Drehleiter in der Horizontalen aus, damit sich ein Retter von dort zum Heckenbach abseilen konnte. Dort saß eine fünfköpfige Canyoning-Gruppe fest.

Aufwendiger Einsatz am Kesselberg

Canyoning-Gruppe vom Heckenbach: Für Gerettete könnte es teuer werden

  • Andreas Steppan
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Unter schwierigen Bedingungen retteten Ehrenamtliche am Mittwoch am Kesselberg eine in Not geratene Canyoning-Gruppe. Nun könnten die Freizeitsportler Ärger bekommen.

  • Fünf Sportler waren trotz schlechter Wetterprognosen am Kesselberg zum Canyoning aufgebrochen.
  • Die Gruppe hing schließlich im Heckenbach zwischen Walchensee und Kochelsee fest.
  • Die Rettungsaktion wurde auch für die Einsatzkräfte zum Risiko.

+++UPDATE VOM 13. JUNI +++

Die aufwendige Rettung von fünf Freizeitsportlern aus der Heckenbachklamm könnte ein rechtliches Nachspiel haben. Denn das Canyoning, bei dem die drei Männer und zwei Frauen aus Nürnberg am Mittwoch in Not geraten waren, ist im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen generell verboten. Das Landratsamt wird nun ein Ordnungswidrigkeitenverfahren prüfen. 

Die Tölzer Polizei wird nach dem Vorfall vom Mittwoch dem Landratsamt eine Anzeige „zur Überprüfung des Sachverhalts nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz und dem Bayerischen Wassergesetz“ zustellen, kündigt der stellvertretende Inspektionsleiter Andreas Rohrhofer an. 

Canyoning ist im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen grundsätzlich verboten

Wie Behörden-Sprecherin Sabine Schmid auf Anfrage des Tölzer Kurier erklärt, ist Canyoning im gesamten Landkreis untersagt. Das gelte nicht nur für geführte kommerzielle Touren, sondern auch für einzelne Privatpersonen, wie es die fünf Nürnberger waren. „Nach dem Bayerischen Wassergesetz gehört Canyoning nicht zum Gemeingebrauch der Natur“, stellt Sabine Schmid klar. Theoretisch gäbe es die Möglichkeit, bestimmte Gewässer fürs Canyoning zu widmen. Das ist im Landkreis jedoch nicht der Fall – „aus Naturschutzgründen“, wie Schmid erklärt. 

Unter Canyoning versteht man – so definiert es die Polizei in ihrem Bericht zu dem Vorfall – „das Begehen von Flüssen, Bächen und Schluchten mit Neoprenanzügen, Seilen und Sicherung“. „Schluchteln“ wird es in Sportlerkreisen auch öfters genannt. 

2008 wies das Verwaltungsgericht eine Klage des Canyoning-Verbands zurück

Um diese Art des Kletterns ist vor etlichen Jahren im Landkreis ein Rechtsstreit entstanden – der letztlich die juristische Lage bis heute klärte. Im Jahr 2003 hatte der Deutsche Canyoning-Verband (DCV) beim Landratsamt beantragt, sechs Bäche als Canyoning-Gewässer auszuweisen: den Gerstfrieder Graben und den Schronbach (Gemeinde Lenggries), den Staffelgraben und den Glasbach (Gemeinde Jachenau) sowie den Laingraben und den Heckenbach (Gemeinde Kochel am See). 

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Als die Kreisbehörde dies verweigerte, reichte der DCV, der gerne fünfmal im Jahr nicht-gewerbliche Touren mit je sieben Teilnehmern anbieten wollte, 2005 Klage ein. Bis zur Entscheidung dauerte es bis 2008. 

Das Verwaltungsgericht bestätigte die Auffassung des Landratsamts: Canyoning blieb verboten. Der DCV ging zwar in Berufung, zog aber schließlich 2010 alle Anträge auf Nutzung der Gewässer zurück. Seither sind Verstöße gegen das Canyoning-Verbot nach Angaben von Sabine Schmid nur „sehr selten“ aktenkundig geworden. Zur möglichen Höhe eines Bußgeldes wollte sie sich am Freitag nicht äußern. Das müsse erst noch geprüft werden. In einem Kurier-Artikel von 2009 heißt es, dass Verstöße mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden könnten.

Ursprünglicher Bericht vom 11. Juni:

Kochel am See – Ein Großaufgebot an Rettungskräften rückte am Mittwochabend (10. Juni) am Kesselberg an: Eine fünfköpfige Canyoning-Gruppe hing im Heckenbach zwischen Walchensee und Kochelsee fest. Laut Alarmierung bestand die Gefahr, dass die Menschen bei Starkregen und stark steigenden Wasserpegeln ertrinken. Sie aus ihrer Notlage zu befreien, bedeutete für die Helfer von Bergwacht, Feuerwehr und Wasserwacht einen aufwendigen Einsatz, der auch für sie selbst mit einem beträchtlichen Risiko verbunden war. Nach gut zweieinhalb Stunden, gegen 22.30 Uhr, gab es ein glückliches Ende zu vermelden.

Laut Polizei waren es drei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 30 und 42 Jahren, alle aus Nürnberg, die sich am Mittwochnachmittag zum Canyoning, also zum Durchklettern der Heckenbach-Schlucht mit ihren Wasserfällen, aufgemacht hatte. Die schlechten Wetterprognosen hatte die Ausflügler offenbar nicht abgeschreckt. Gegen 19.50 Uhr setzte die Gruppe, die bis dahin offenbar schon eine Weile in der Schlucht festsaß, einen Notruf ab. Mittlerweile hatte Starkregen eingesetzt.

Feuerwehr versucht, Canyoning-Gruppe am Kesselberg über Drehleiter zu erreichen

Die Bergwacht Kochel, die Feuerwehr Kochel, die Bergwacht-Spezialeinsatzgruppe Canyoning mit Kräften aus Lenggries, Grainau, Ohlstadt, Oberau, Bad Tölz, Krün und Wallgau sowie BRK und Polizei rückten aus. Allein von Bergwacht und Feuerwehr waren rund 55 Einsatzkräfte vor Ort.

Weil der Standort der Canyonisten im steilen, unwegsamen Gelände – zumal bei Nässe und einsetzender Dämmerung – äußerst schwer zugänglich war, verfolgten die Retter zusätzlich einen anderen Ansatz, um sie zu erreichen.

Von der oberen Klammbrücke an der Kesselbergstraße aus fuhr die Feuerwehr Kochel ihre Drehleiter in der Horizontalen aus. Von dort, so der Plan, sollte sich ein Helfer 30 Meter zu den Festsitzenden abseilen. „Leider hat sich herausgestellt, dass unsere Leiter zwei Meter zu kurz war“, berichtet Feuerwehr-Kommandant Hubert Resenberger. Daher wurde Verstärkung von der Feuerwehr Murnau angefordert, deren etwas längere Drehleiter dann weit genug über den Abgrund reichte. Zudem fragte man den Autokran der Kameraden aus Garmisch-Partenkirchen an, der aber letztlich nicht mehr benötigt wurde.

Bad Tölz: Beim Canyoning in Not geraten: Starkregen lässt Heckenbach anschwellen

Parallel dazu machten sich Helfer der Bergwacht auf, um sich trotz widriger Bedingungen doch noch über den steil abfallenden, felsigen Hang abzuseilen. „Es hat geschüttet wie aus Eimern, und man hat beobachten können, wie das Wasser im Heckenbach stetig ansteigt“, schildert der Kochler Bürgermeister Thomas Holz, der als Bergwacht-Mitglied mit vor Ort war.

Am Ende wurde eine Person aus der Nürnberger Gruppe über die Drehleiter nach oben gezogen, die anderen vier seilte die Bergwacht durch das Gelände zu einem sicheren Standpunkt auf und geleitete sie von dort zur unteren Klammbrücke. Alle fünf Personen konnten ohne erkennbare Verletzungen dem Notarzt übergeben werden.

Sie wurden ambulant versorgt. Inklusive Abschluss-Besprechung und Versorgung der Einsatzkräfte in der Rettungswache der Bergwacht Kochel dauerte der Einsatz nach Geigers Angaben bis Mitternacht.

In der Klamm am Kesselberg gab es einst den ersten tödlichen Canyoning-Unfall in Deutschland

„Höchsten Respekt“ zollt Thomas Holz allen beteiligten Helfern. Es sei „eine Schau“, wie professionell die Ehrenamtlichen den brisanten Einsatz bewältigt und wie reibungslos alle Rettungsorganisationen „Hand in Hand“ zusammengearbeitet hätten. Erst vor zwei Jahren sei eine Rettung an genau dieser Stelle geübt worden – wie sich nun herausstellte, in weiser Voraussicht.

Die B 11 über den Kesselberg war während des Einsatzes gut zwei Stunden gesperrt. Der Verkehr staute sich weit zurück.

Die Heckenbachklamm war nicht zum ersten Mal Schauplatz von Notlagen von Canyonisten. Im Juli 1997 gab es dort den ersten Canyoning-Toten Deutschlands. Im August 2003 befreite ein Großaufgebot an Rettern an derselben Stelle zwölf Freizeitsportler.

Das Hochwasser der Loisach ist einem Murnauer (37) zu einem tödlichen Verhängnis geworden. Der Mann stürzte mit seiner Crossmaschine und ertrank.

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