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Linienbusfahrer schildert lebensgefährliche Situation am Kesselberg: „Wenn ich nicht...“

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Von: Andreas Steppan

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Die Leitschwellen in einigen gefährlichen Kurven am Kesselberg haben sich aus Sicht der Polizei bewährt. © Arndt Pröhl

Nach der Lockerung der Corona-Beschränkungen kommt die Saison am Kesselberg umso heftiger in Fahrt. Ein Busfahrer schlägt jetzt in einem Brandbrief Alarm.

Kochel am See – Die Situation, die Gerhard P. vergangenen Freitag am Kesselberg erlebte, hat ihm einen Riesenschreck eingejagt. „Wenn ich nicht voll gebremst hätte, hätte ich einen Motorradfahrer mit meiner linken Frontseite voll erwischt“, schildert der Busfahrer, der sein Gefährt regelmäßig über die berüchtigte Serpentinenstrecke zwischen Kochel und Walchensee lenkt.

Er sei – langsam und vorsichtig, wie es mit einem Zwölf-Meter-Linienbus gar nicht anders möglich sei – auf eine scharfe Rechtskurve zugefahren, als ihm ein Raser auf seinem Motorrad entgegenkam. Der habe sich so flach in die Kurve gelegt, dass sich der Körper weit in der Gegenfahrbahn befand – ein Schockmoment für den Busfahrer.

„Ein Wunder, dass es am Kesselberg nicht täglich schwere Unfälle gibt“

Für Gerhard P. ist das eine typische Szene am Kesselberg. Was er dort regelmäßig erlebe, das sei „der pure Wahnsinn“, schreibt er nun in einem Brandbrief, den er an Polizei, Landratsamt, Gemeinde Kochel und die Presse versandt hat. Nicht nur er selbst fühle sich durch die Raserei vieler Verkehrsteilnehmer in seiner Gesundheit und seinem Leben bedroht. Auch seinen Fahrgästen rutsche immer wieder das Herz in die Hose. „Es ist ein Wunder, dass es nicht täglich schwere Unfälle und Tote gibt“, schreibt P.

Dass solche Zustände „geduldet“ würden, wie er meint, das komme der „Billigung der Gefährdung für Leib und Leben vieler Straßenverkehrsteilnehmer“ gleich.

Von Wegschauen und Duldung der Verhältnisse kann laut Steffen Wiedemann, Chef der Polizeistation Kochel am See, keine Rede sein. „Meine Kollegen und ich sind in jeder freien Minute am Kesselberg unterwegs“, sagt er. Zudem sei dort die überörtliche „Kontrollgruppe Motorrad“ geballt im Einsatz.

Polizeichef spricht von „schlimmsten Tagen, die ich am Kesselberg je erlebt habe“ - Wegen Corona-Lockerungen

Die Lagebeschreibung des Busfahrers sei etwas überspitzt formuliert. Freilich aber sei die Situation auf der kurvenreichen Strecke weiter „nicht befriedigend“. Und speziell der vergangene Donnerstag und Freitag „gehörten zu den schlimmsten Tagen, die ich dort je erlebt habe“, sagt Wiedemann. „Eine derartige Menge an Motorrädern und Cabrios habe ich selten gesehen.“ Offenbar habe sich nach der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen, während derer reine Spazierfahrten verboten waren, „ein größerer Nachholbedarf“ aufgestaut.

Aber auch das Fahrverhalten vieler Verkehrsteilnehmer sei auffällig gewesen. „Es gab viele leichte Fahrfehler und Unsicherheiten, wie sie für den Saisonbeginn typisch sind“, sagt der Polizist – und das „leider kombiniert mit erhöhter Aggressivität“. Er und seine Kollegen von der „Kontrollgruppe Motorrad“ hätten schon den ganzen Tag „das Gefühl gehabt, da passiert noch was“. Und tatsächlich kam es gegen Abend zu zwei Motorradunfällen innerhalb von 30 Minuten.

Leitschwellen am Kesselberg haben aus Sicht der Polizei positiven Effekt

Behördlicherseits gehen unterdessen die Gespräche und Planungen weiter, wie am Kesselberg heuer verfahren werden soll. Zuletzt wurde bei einem Treffen nach drei Jahren Bilanz gezogen, ob sich die Leitschwellen bewährt haben, die in einigen besonders brisanten Kurven in der Fahrbahnmitte der B 11 installiert wurden.

Aus Sicht der Polizei haben sie sich bewährt. Bei den Unfallzahlen sei ein leichter Rückgang zu verzeichnen – wobei laut Wiedemann hier viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, angefangen beim Wetter.

„Aber wir haben insgesamt schon das Gefühl, dass die Leitschwellen eine positive Wirkung haben.“ Die meisten Motorradfahrer würden die Begrenzungen „als Hinweis auf eine Gefahrenstelle wahrnehmen“ und ihr Fahrverhalten vor den Kurven anpassen. Natürlich gebe es weiterhin einzelne „Hardcore-Raser“ und „Unbelehrbare“. Wer zu schnell in die Kurve fahre, pralle auch schon mal gegen die Leitschwellen. „Aber immerhin bleiben diejenigen dann auf ihrer eigenen Fahrbahn und gefährden nicht den Gegenverkehr.“

„Warum richtet man am Kesselberg nicht Kameras und feste Blitzgeräte ein?“

Die Befürchtung, dass es riskant werde, wenn Autos in den abgegrenzten Bereichen Fahrradfahrer überholen, habe sich nicht bewahrheitet. „Es gibt keine Anzeigen wegen zu geringer Abstände beim Überholen oder wegen Gefährdungssituationen.“

Einziger Nachteil: Wenn Radfahrer nicht überholt werden können oder nach Unfällen komme es mitunter zu verstärktem Rückstau. „Natürlich tut man sich schwerer, den Verkehr an den Leitschwellen vorbeizuleiten.“ Doch dies werde durch die positiven Effekte mehr als aufgewogen, meint Wiedemann. Wie in Sachen Leitschwellen weiterverfahren wird, das will das Staatliche Bauamt Weilheim demnächst bekannt geben.

Busfahrer Gerhard P. hätte noch einen konkreten Vorschlag: „Warum richtet man nicht Kameras und feste Blitzgeräte ein?“ Auch dies wurde in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert. Das Innenministerium hat es bislang immer abgelehnt.

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