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Biker-Magnet Kesselberg: Anwohner verzweifelt an Lärm - Behörden machen ihm das Leben aber erst richtig schwer

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Von: Veronika Mahnkopf

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Sebastian Wagner (33) wohnt direkt am Kesselberg, der Motorrad-Rennstrecke Bayerns. Gegen den Lärm würde er gern eine Schutzwand errichten - darf er aber nicht.

Kochel - Eigentlich ist der Wohnort von Sebastian Wagner Idylle pur. Kesselbergstraße in Kochel, der Kochelsee fußläufig ums Eck, rundherum Berge, viel Grün, in der Nähe ein Campingplatz. Da, wo andere Urlaub machen, wie man immer so schön sagt.

Aber der Schein trügt. Wagner, seine Frau und seine kleine Tochter wohnen in der Dezibel-Hölle. Im April geht es los, mindestens bis Oktober, 8 bis 22 Uhr: Hunderte Motorradfahrer rasen den nahen Kesselberg hinauf, legen sich in die Kurven, treffen sich in der sogenannten Show-Kurve unmittelbar in der Nähe von Wagners Haus. Man versucht sich zu überbieten, wer traut sich, noch etwas schneller, noch waghalsiger in die Kurven zu gehen? Knieschleifer heißen diese Biker. Sie verunglücken regelmäßig, häufig endet es tödlich.

Kesselberg: Motorradfahrer donnern an Haus vorbei - Anwohner war Lärm bekannt

Sebastian Wagner rauben die Biker am Kesselberg die letzten Nerven. So mancher habe ihm im persönlichen Gespräch schon geradeheraus gesagt: „Da habt ihr euch aber keinen schönen Platz zum Leben ausgesucht.“ Doch die Motorradfahrer - die meisten der Knieschleifer tragen übrigens laut Wagner selbst Ohrenstöpsel, weil ihnen ihre Maschinen zu laut sind - sind noch nicht mal das Hauptproblem der Kocheler Familie. „Uns war klar, dass es hier laut ist, als wir das Haus gekauft haben“, sagt Wagner. Was ihm nicht klar war: Dass er sich nicht dagegen schützen darf.

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Vor einiger Zeit hat Wagner eine Lärmschutzwand beantragt. Vier Meter hoch, begrünt. Sie sollte das Leben am Kesselberg erträglicher, den Garten benutzbar machen. Die Antwort vom zuständigen Landratsamt laut Wagner: Geht nicht. Einmal wegen Außenbereich, in dem Baugenehmigungen quasi unmöglich sind - außer man ist privilegiert wie zum Beispiel Landwirte. Der andere Grund ist ein tierischer: das große Mausohr. Die Fledermausart sei in der Gegend unterwegs und können dann nicht mehr uneingeschränkt fliegen.

Kesselberg: Fledermausart verhindert Bau einer Lärmschutzmauer

„Ich habe diese Fledermaus noch nie bei uns gesehen“, sagt Wagner. Er mähe seine Wiesen extra nicht, um Insekten Lebensräume zu erhalten. Reich gedeckter Tisch für die Fledermaus also - wenn sie denn da wäre.

Die Landratsamts-Begründungen findet Wagner „absolut lächerlich“. Und er sei nicht der einzige, der so denkt. Nachbarn, die Betreiber des nahen Campingplatzes, „eigentlich alle im Ort, denn alle sind irgendwie von dem Lärm und Verkehr betroffen“, jeder kann den Wunsch nach Lärmschutz verstehen. In anderen Ortsteilen Kochels sei ähnliches auch genehmigt worden, so Wagner. Aber eben nicht im Außenbereich. Kochels Bürgermeister Thomas Holz habe laut Wagner seine Unterstützung zugesichert, er versuche viel zu machen. Aber entscheidende Behörde sei das Landratsamt.

Das betont Bürgermeister Holz auf Nachfrage auch noch einmal gegenüber Merkur.de. „Als Gemeinde selbst bleibt uns kein Handlungsspielraum“, so der Bürgermeister. Die Kesselbergstraße sei ein Abschnitt der Bundesstraße 11, für diesen seien andere Ämter zuständig. „Aufgrund dieser klaren Kompetenzregelungen können wir als Kommune keine eigenen Maßnahmen anordnen oder Regelungen treffen“, so Holz per Mail. Man stehe aber in engem Kontakt mit den Behörden und bringe „stets unsere Anregungen ein“. So seien zum Beispiel ein Überholverbot, Parkverbot für Motorräder und Rüttelstreifen durchgesetzt worden. Denn man wolle „unsere Gemeinde für deren Bürgerinnen und Bürger weiterhin lebens- und liebenswert erhalten“.

Kesselberg: Anwohner erwartet wegen Motorradlärm von Bürgermeister „politisches Statement“

Wagner honoriert das auch. Doch gleichzeitig fragt er sich, warum die Gemeinde über die Ausweisung eines neuen Wohngebiets ganz in der Nähe nachdenkt, wenn den neuen Mitbürgern dann ja auch kein Lärmschutz ermöglicht werden kann. Hier erwartet er von Bürgermeister Holz ein „politisches Statement“. Der wehrt sich: Man habe sich „lediglich darüber Gedanken gemacht, wo die Gemeinde Kochel a. See in den nächsten zehn bis 30 Jahren wachsen könnte.“ Alles also noch nicht so ernst?

Eines ist für Wagner jedenfalls sicher: Wegziehen ist keine Option. Er habe inzwischen einen kleinen Erdwall aufgeschüttet. Und einen Anwalt eingeschaltet, man ziehe ein Gutachten in Betracht, das zeigen soll, dass Wagners ihr Grundstück schützen dürfen. Oft hört er das Argument: Bist doch selber schuld, warum ziehst du denn da hin? „Ich stamme aus dem Landkreis Miesbach. Dort ist gar nichts mehr bezahlbar. Irgendwo müssen wir ja wohnen.“ Und überhaupt: Er fordere ja nichts Großes. Kein Geld, keine Maßnahmen, keine Verbote. Nur, „dass ich diese Lärmschutzwand bauen darf, für uns, mit unserem Geld. Und jetzt.“

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