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Einsingen wie die Profis: Die Erstklässler der Grundschule Walchensee proben mit Musiklehrerin Melanie Ebersberger.

Kinder werden individuell gefördert

Kleine Dorfschule am Walchensee: Lernen mit allen Sinnen

Gerade einmal 40 Kinder besuchen die Dorfschule in Walchensee. Aber nicht nur deshalb ist die Einrichtung eine ganz besondere. 

Walchensee Erstklässler lernen das „H“. Da sitzen entweder knapp 30 Kinder in den Bänken, eine Lehrerin steht an der Tafel und malt vor. Oder zehn Kinder, zu Zweierpaaren aufgeteilt, nähern sich dieser Aufgabe aus verschiedenen Blick- und Erfahrungswinkeln: Sie malen das H in den Sand, zeichnen es mit einem nassen Schwamm an die Tafel, ziehen es mit dem Finger über den Rücken des Partners, hüpfen die Linien des am Boden aufgeklebten Buchstaben ab oder schreiben den Buchstaben mit bunter Kreide an die Tafel. Zwei Pädagogen sind dabei und geben Hilfestellung, falls es die braucht.

Vor zehn Jahren drohte der Schule das Aus

Eine schöne Fantasie, die es nicht gibt im deutschen Schulalltag? Wohl gibt es sie: in der gerade mal 40 Kinder umfassenden Dorfschule in Walchensee. Vor zehn Jahren wäre sie beinahe geschlossen worden, wie es andernorts in kleinen Sprengeln mit zu wenigen Schulkindern auch geschieht. Doch hier wurde man aktiv:Aus der Ortsmitte bildete sich ein Trägerverein für eine private Schule. Staatlich anerkannt und damit gefördert sollte sie allerdings schon sein. „Dafür brauchte es einen Schwerpunkt, ein Alleinstellungsmerkmal“, erläutert Schulleiter Andreas Bernhard. „Und da wurde die Musik gewählt, weil die hier im Ort ohnehin verwurzelt ist.“

Den derzeit acht Grundschulkindern aus Walchensee bleibt so die alltägliche Fahrt mit dem Schulbus erspart. Und das Schulkonzept ist so begehrt, dass es für die restlichen Plätze alljährlich mehr Bewerber aus den umliegenden Ortschaften gibt als aufgenommen werden können. Auf zehn Kinder pro Klasse ist die Kapazität begrenzt. Mehr gibt das Haus – eher eine gemütliche Villa als Schule – nicht her.

Mucksmäuschenstill und konzentriert wird gearbeitet

Die Klassengröße ist der eine unschlagbare Vorteil gegenüber einer staatlichen Regelschule. Doch wie sieht das pädagogische Konzept im Einzelnen aus? Die Deutschstunde der Erstklässler belegt es exemplarisch: Die Kinder sollen möglichst viele und eigene Erfahrungen machen können. Bewegung ist in den Stundenablauf integriert, da wissenschaftlich belegt ist, dass die Motorik das Lernen unterstützt. Umso ruhiger und disziplinierter verhält sich die Klasse dann, wenn es verlangt wird. Bernhard stellt die Sanduhr. Solange sie läuft, wird nun das eben erlernte ‚H’ ins Heft geschrieben. Mucksmäuschenstill und konzentriert wird gearbeitet – in der für alle sichtbar begrenzten Zeit. Am Ende der Stunde ziehen alle im Sitzkreis ein Fazit.

Rita Wahl, die Leiterin der Nachmittagsbetreuung, schaut regelmäßig auch am Vormittag vorbei. So weiß sie aus erster Hand, was die Kinder gerade beschäftigt. Sie sitzt mit am Boden und ermuntert die kleine Schar, zu erzählen, was „mir heute geholfen hat“. Da kommen sofort viele Rückmeldungen. „Und was war heute schwer?“, hakt Bernhard nach. Ein Junge traut sich zuzugeben, dass ihm das Schreiben im Heft schwer gefallen sei. „Super, dass du das sagst“, lobt der Schulleiter. „Das ist nämlich wirklich nicht leicht, das muss man echt üben.“

Mehrere Klassen werden gemeinsam unterrichtet

Zu den Besonderheiten in Walchensee zählt auch, dass die erste und zweite sowie die dritte und vierte Klasse größtenteils gemeinsam unterrichtet werden. Das hat sich bewährt, weil die Kleineren vieles wie nebenbei von den Größeren lernen können. Wo es dennoch sinnvoll ist, den unterschiedlichen Kenntnisstand zu berücksichtigen, geht die Hälfte der Doppelklasse nebenan ins Musikzimmer. Dort erwartet Melanie Ebersberger, die Fachbereichsleiterin Musik, die kleine Schar. Heute geht es darum, im Lied „Was machen die Tiere im Winter?“ Aspekte der Musikerziehung mit denen aus Heimat- und Sachkunde sowie Biologie zu verbinden. Die Kinder lernen den Text, erst rhythmisch sprechend, dann die Melodie dazu. Heiß begehrt und umkämpft sind die beiden Plätze am Xylophon. Ebersberger spielt dazu auf dem Klavier. So entsteht mit einfachen Mitteln ein beglückendes musikalisches Geschehen.

Bilder der Tiere, erst Igel und Eichhörnchen, pinnt die Lehrerin an die Tafel. Was die im Winter so machen, wissen die Kinder recht gut. Doch dann kommt die Schnecke ins Spiel: Was treibt die so? „Weiß ich nicht“, lautet die ebenso spontane wie ehrliche Antwort. Das Lied gibt Auskunft: „Sie schließt dann ganz einfach ihr Haus zu und hält im Versteck ihre Wintersruh’.“ Das leuchtet ein – und wird gleich besungen.

90 Euro Schulgeld werden pro Monat fällig

Dann ist der Schultag für manche beendet, für andere nicht. Denn die Nachmittagsbetreuung, inklusive eines Bio-Mittagessens, ist frei wählbar, und zwar von Woche zu Woche neu. Ideal für berufstätige Eltern, gerade auch für den wechselnden Zeitplan von Freiberuflern.

Auch Instrumentalunterricht wird in der Schule erteilt, was Kindern wie Eltern lange Wege erspart. Die Aktivitäten von Chor, Instrumentalgruppen und Orchester sind bestens in den Schulalltag integriert. Deren regelmäßige Aufführungen bereichern das Miteinander.

„Unsere Schule ist in das soziale Projekt Dorfleben eingebunden“, erklärt Andreas Bernhard. „In diesem sind das Haus der Begegnung, ein Jugend- und Seniorentreff, die Schule und der Kindergarten vereint. So gesehen gibt es Anknüpfungspunkte für Ein- bis Hundertjährige in unserer Einrichtung.“

Wer die kleine Schule besucht, spürt unmittelbar, dass sich hier wirklich alle wohlfühlen. So sollte Schule sein. Dass es geht, wird in Walchensee exemplarisch vorgeführt. Verständlicherweise ist das nicht ganz kostenlos. Doch die 90 Euro Schulgeld im Monat sind in jedem Falle ein bestens in die Zukunft der Kinder investiertes Kapital. Sabine Näher

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