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Der Helferkreis stellt sich schützend um die Familie Nazimi. Unser Bild zeigt (v. li.) Elisabeth Pfeifle-Bedacht, Margret Boedeker-Kellein, Hannelore Daffner, Barbara Samm, Eva Ranz, Elisabeth Voigt, Hubertus Klingebiel, Simone Stingl, Iris Kessler und Richard Wiederkehr mit Familie Nazimi (Mitte, v. li.) Munir und Sunita mit Tochter Hasti (eineinhalb Jahre) und den Söhnen Sahil (9), Noor (7) und Hegran (4).

Afghanische Familie soll abgeschoben werden

Kochel kämpft für Familie Nazimi

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Eine in Kochel bestens integrierte Familie aus Afghanistan soll nun nach Ungarn abgeschoben werden. Das Entsetzen ist groß. Jetzt ist eine große Welle der Unterstützung für Familie Nazimi angelaufen – Helferkreis, Schule, Arbeitgeber und Sportverein wollen kämpfen.

Kochel am See– „Wir sind völlig fassungslos“, sagt Jörg Kahl, Leiter des Pater-Rupert-Mayer-Seniorenheims in Kochel. Dort arbeitet Familienvater Munir Nazimi als Pflegehelfer. „Die Nazimis sind ein Paradebeispiel für gelungene Integration.“ Der Arbeitgeber, sprich die Innere Mission München, „werde alles versuchen, um unseren Mitarbeiter behalten zu können.“

Kahl spricht damit vielen anderen aus der Seele. Auch Schule, Elternbeirat und die Volleyball-Gruppe des Sportvereins sind gerade dabei, ihren Protest zu formulieren. Der Kochler Asyl-Helferkreis hat das schon getan. „Die Familie Nazimi ist für unser Dorf und unsere Gesellschaft ein großer Gewinn“, heißt es darin unter anderem.

Dramatische Flucht

Die Familie Nazimi lebt seit 2013 in Kochel und hat vier Kinder. Unsere Zeitung hatte sie im Herbst 2015 im Rahmen unserer Flüchtlingsserie vorgestellt. Das Schicksal der Familie hat viele Menschen damals erschüttert. Hier nochmal ein Rückblick: Weil der (verstorbene) Vater von Munir Nazimi bei der Armee war, wurde die Familie von den Taliban terrorisiert. 2001 floh Munir nach Deutschland und bekam Duldungs-Status. Weil plötzlich der Kontakt zu seiner Mutter in Afghanistan abbrach, flog er zurück, um sie zu suchen – bis heute weiß er nichts von ihrem Schicksal. Während dieser Zeit in Afghanistan wurde der junge Mann von den Taliban aufgegriffen und im Gefängnis gefoltert. Er konnte fliehen und machte sich mit seiner Frau Sunita und Sohn Sahil, damals noch ein Säugling, zu Fuß auf den Weg nach Europa. Die Flucht wurde eine Odyssee durch verschiedene Länder. Teilweise waren sie wochenlang mit anderen Personen in einer Garage eingepfercht. Mehrmals wurden die Eltern aufgefordert, das schreiende Baby zurückzulassen. Sie taten es nicht.

In Ungarn, einem EU-Land, stellte die Familie dann einen Asylantrag. Sie blieben ein Jahr und versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen. Dann kam die Ablehnung des Asylantrags. Familie Nazimi reiste nach Österreich, wurde aber von dort zurück nach Ungarn geschickt. Dort lebten sie dann erneut drei Jahre in einem Flüchtlingslager unter unmenschlichen Bedingungen. „Ich habe alles versucht, um für meine Familie dort eine Perspektive zu finden“, sagte Munir Nazimi. Als er auf die unmenschlichen Lagerbedingungen hinwies, wurde er von Polizisten verprügelt. Dann erfolgte die erneute Ausweisung aus Ungarn.

Die Familie flüchtete weiter nach Deutschland, wo sie 2013 der Gemeinde Kochel zugeteilt wurde. Und hier ist es ihnen endlich gelungen, ein Zuhause aufzubauen. Munir Nazimi hat eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen und arbeitet derzeit schon als Pflegehelfer im Kochler Seniorenheim.

Klage eingereicht - Ausgang offen

Die Integration klappte auch deshalb so schnell, weil Munir Nazimi von seinem ersten Deutschland-Aufenthalt schon sehr gute Sprachkenntnisse hatte. Deshalb begann er, sich zusätzlich zu Ausbildung und Job ehrenamtlich zu engagieren – als Übersetzer und Ratgeber für andere Flüchtlinge, berichtet Elisabeth Voigt vom Helferkreis. „Bei allen Veranstaltungen, etwa Adventstreffen, Sommerfesten, Weihnachtsmarkt und Ausflügen, half Familie Nazimi immer sehr engagiert bei Organisation und Durchführung.“ Zudem schloss sich Munir Nazimi dem Kochler Volleyballteam an.

Erst im Herbst letzten Jahres wurde Ehefrau Sunita zur Anhörung geladen. Munir Nazimi hatte bis heute keine Anhörung. Umso größer war deshalb der Schock, als die Familie vor Kurzem den Bescheid erhielt, sie müsse schnellstmöglich nach Ungarn. Die dortigen Behörden würden sie aufnehmen, teilte das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) mit. „Es ist so schlimm. Ich weiß gerade nicht, wo ich die Kraft zum Kämpfen hernehmen soll“, sagt der völlig aufgelöste Familienvater. Mittlerweile hat eine Anwältin Klage eingereicht – doch der Ausgang ist offen.

Bei der Familie liegen derzeit die Nerven blank. Der älteste Sohn Sahil (9) ist gerade dabei, die traumatischen Ereignisse der Flucht zu überwinden. Der Bub gilt als überdurchschnittlich begabt und soll aufs Gymnasium. Er und seine beiden jüngeren Brüder sprechen Bairisch so gut wie Deutsch. „Die Kinder sind sehr gut erzogen und höflich“, sagt Elisabeth Voigt. „Alle sind voll integriert. Herr Nazimi ist sehr bemüht, selbst für die Familie sorgen zu können und nicht auf Hilfe vom Staat angewiesen zu sein.“

Auch bei den Bewohnern des Kochler Seniorenheims hat sich die geplante Abschiebung rumgesprochen. „Die Menschen sind schockiert“, berichtet Einrichtungsleiter Jörg Kahl. „Herr Nazimi ist sehr beliebt, bei Bewohnern und Kollegen gleichermaßen. Er ist sehr engagiert. Es wäre schlimm, wenn wir ihn als Mitarbeiter verlieren.“

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