+
Briefmarken und Pakete aus dem Auto: Der mobile Postservice steht seit Mittwoch vor der Kochler Filiale.

Auto ersetzt Filiale

Kochler sind sauer auf die Post

Kochel am See - Schon wieder müssen die Kochler Bürger mit einem mobilen Postservice vorliebnehmen, diesmal gleich für zwei Wochen. Das sorgt für Wut unter den Einwohnern – und eine Beschwerde bei der Bundesnetzagentur.

Der Himmel ist trübe, es nieselt: Der übliche Durchgangsverkehr zieht am Bahnhof vorbei. Ein gewohntes Bild, wäre da nicht ein alter, wenig geliebter Bekannter, der als gelber Farbtupfer in der grauen Parkbucht vor der Postfiliale steht. Der mobile Postschalter gastiert wieder in Kochel.

Für eineinhalb Wochen, bis zum 11. Juni, wird die Station auf vier Rädern zum festen Bild vor der eigentlichen Filiale gehören. Zwischen 10 und 11 Uhr können die Bewohner der Seegemeinde hier Briefe und Pakete abgeben und Briefmarken kaufen. Der Grund: Die Schalter-Mitarbeiterin, die hier normalerweise ihren Dienst tut, ist bis Ende kommender Woche nicht im Dienst. Für sie konnte der „Gelbe Riese“ keine Ersatzkraft finden – und das, obwohl die Abwesenheit schon länger angekündigt war.

Von Anfang an wird der Wagen gut besucht. Briefe, Einschreiben und Päckchen werden abgegeben, Briefmarken bogenweise verkauft. Viele Rentner sind unter den Kunden, manch einer eilt zunächst zur Eingangstür, um sich dann überrascht dem Wagen zuzuwenden. Dass sie bedient wurden – pures Glück. Die Reaktionen der Kunden fallen gemischt aus: Nicht wenige bleiben entspannt. Eine Frau hat ein Paket von zwölf Kilo mitgebracht, welches im Kofferraum des gelben Caddy nun gut ein Viertel des Platzes einnimmt: „Ich habe bekommen, was ich wollte und kann mich nicht beschweren.“ Freilich seien die kurzen Zeiten, in denen das Auto hier steht, ein Wermutstropfen, „aber das ist immer noch besser als nichts“. Viele hier sind sich darüber bewusst, welch drastische Mittel der Großkonzern bei Einsparungen im ländlichen Raum einsetzt. Die zwischenzeitliche Bedienung aus dem Auto erscheint da als das kleinere Übel. Immerhin ist eine eigenständige Postfiliale in kleinen Gemeinden wie Kochel mittlerweile eine Seltenheit.

Für manchen wird die Größe des Konzerns zur Übermacht. So wie für den Rentner, der seine leidenschaftlichen Klage gegen den mobilen Markenverkauf mit einem resignierten „aber da kann man wohl nichts machen“ beendet. Der Zorn bleibt trotzdem, gerade wegen der von vielen als zu kurz empfundenen Öffnungszeiten: „Wenn man arbeitet, kann man das Angebot unmöglich wahrnehmen“, bemerkt eine Frau.

Doch Kritik wird nicht nur an der Post laut. Ein Kochler, der gerade einen Brief abgegeben hat, ist erzürnt: „In der Tourist-Information kann man auch Fahrkarten für die Bahn kaufen, warum geht sowas nicht mit Briefmarken?“

Solchen Wünschen will Bürgermeister Thomas Holz nicht nachkommen: „Wir sind nicht die Post.“ Es ginge nicht darum, dass die Gemeinde derartige Aufgaben übernehme, sondern dass der Konzern endlich seinen Pflichten nachkomme. Darum hat sich die Gemeinde Kochel mit einer schriftlichen Beschwerde an die Bundesnetzagentur gewandt. Eine Antwort steht allerdings noch aus. Der Rathauschef ist seit Wochen „richtig sauer“.

Verbesserungen werden auch im Kleinen gefordert: Ein Kunde dreht sich im Weggehen noch einmal zur Verkäuferin. Sie steht neben dem gelben Wagen im Regen: „Gebt der Frau doch zumindest einen Schirm!“, ruft er zum Abschied und eilt an Pfützen vorbei Richtung Ortskern.

Markus Henseler

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Sehr gut besuchte Bürgerversammlung in Benediktbeuern
Sehr gut besuchte Bürgerversammlung in Benediktbeuern
Landkreis verleiht Wirtschaftspreis
Ausgezeichnet mit dem Wirtschaftspreis wurden das Instrumentenbau-Unternehmen Buffet Crampon Deutschland (Standort Geretsried) und die Königsdorfer Firma Stemin. Der …
Landkreis verleiht Wirtschaftspreis

Kommentare