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„Man muss verdammt schwindelfrei sein“: Einsatzkräfte trainieren Windenrettung aus dem Hubschrauber am Walchensee

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Von: Felicitas Bogner

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Die Windenoperatoren stehen auf der Kufe des Helikopters und steuern das Abseilmanöver
Schwindelfrei zu sein ist Voraussetzung: Die Windenoperatoren stehen auf der Kufe des Helikopters und steuern das Abseilmanöver. © mk

Bei einer Windenübung am Walchensee simulierten die Einsatzkräfte der ADAC-Luftrettung mit der Wasserwacht den Notfall. Denn die Wasserrettung per Helikopter und Winde ist ein komplexer und hochanspruchsvoller Spezialeinsatz, der mehrfach jährlich trainiert werden muss.

Walchensee – Sträucher und Äste an den umstehenden Bäumen biegen sich zur Seite, Blätter wirbeln durch die Luft. Es brummt und rattert so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Passanten bleiben stehen, zücken ihre Handys und halten die Kameras in die Luft. Richtet man den Blick nur wenige Meter nach oben, sieht man den Helikopter Christoph 26, wie er auf den Walchensee zusteuert.

Gestartet ist er heute aber nicht, wie sonst üblich, von seinem Zuhause, dem Dach des Murnauer Unfallklinikums, sondern von der Wiese gegenüber der Station der Walchenseer Wasserwacht. Der Hubschrauber dreht eine Kurve über dem türkisfarbenen Bergsee und schwebt dann schätzungsweise 25 Meter über dem Gewässer auf der Stelle.

Gemeinsame Spezialübung von ADAC-Luftrettung und Wasserwach Walchensee

Hier schwimmt ein Mann im Neoprenanzug und winkt mit den Armen. Es ist Michael Dollrieß. Der Walchenseer ist seit über 15 Jahren Wasserwachtmitglied. Daher bleibt er trotz der imposanten Wellen, die die Propeller auf dem See verursachen, ruhig und wartet, bis innerhalb weniger Sekunden ein Retter bei ihm ist.

Per Seilwinde ist ein Notfallsanitäter vom Helikopter bis in den See gekommen. Nun geht es ganz schnell: Er befestigt Dollrieß bei sich an der Winde, drückt fest seine Arme an seinen Körper und schon werden beide von der Winde ein Stück über die Wasseroberfläche aus dem Nass gezogen. Christoph 26 setzt sich in Bewegung Richtung Ufer und lässt die Männer sanft am Boden ab.

Ausbildung von Windenoperatoren und Piloten

„Hätte der Notfallsanitäter meine Arme nicht so runtergedrückt, hätte ich ihm rausrutschen können“, erklärt Dollrieß. Er macht nicht zum ersten Mal die Übung mit. Denn ein- bis zweimal jährlich kooperiert die Walchenseer Wasserwacht mit der gemeinnützigen Luftrettung des ADAC, um die hochanspruchsvolle Windenrettung zu trainieren und dabei auch neue Piloten und Windenoperatoren auszubilden, erklärt der Sprecher der ADAC Luftrettung, Jochen Oesterle. Zusätzlich wird Windenrettung mit der Bergwacht im alpinen Gelände geübt.

Der Rettungssanitäter hat den Patienten
 aus dem Wasser geholt
Fast geschafft: Der Rettungssanitäter hat den Patienten aus dem Wasser geholt. Nun dirigieren von oben Ausbilder Schellig und der angehende Windenoperator Johannes Veit den Piloten Richtung Ufer. © mk

„Für den Job des Windenoperators muss man verdammt schwindelfrei sein“, sagt Julian Weiss vom ADAC und lacht. Er steht am Boden und deutet mit dem Finger nach oben. „Hier auf der äußeren Kufe steht der Ausbildungsleiter Peter Schellig mit einem Windenoperator-Azubi.“ Sie steuern die Winde und achten darauf, dass der Notfallsanitäter – oder Notarzt – gezielt bei dem Patienten ankommt. Im Ernstfall würde auf der Kufe allerdings nur einer stehen. Diesmal ist es aber eine Übung und für manche auch die Abschlussprüfung ihrer zehnwöchigen Zusatzausbildung zum Windenoperator.

Kooperation der Crew ist bei Windenrettung A und O

„Das Zusammenspiel der Crewmitglieder ist bei der Windenrettung das Anspruchsvollste und Wichtigste“, erklärt Weiss. Denn: „Der Pilot sitzt auf der rechten Seite im Helikopter. Operator und Notfallsanitäter aber sind auf der linken Seite. „Der Pilot sieht den Patienten im Wasser nicht und muss durch die Infos des Operators die richtige Position finden.“ Kommunikation innerhalb der Besatzung sei daher das A und O. „Ein Azubi muss bis zu 150 Manöver zur Übung mitgeflogen sein“, erklärt im Nachgang der Einsatzleiter und Ausbilder Peter Schellig. Er leitet die ADAC-Luftrettungsstation in Murnau. Von hier braucht die Besatzung mit Helikopter nach Alarmierung unter fünf Minuten bis zum Walchensee.

Jeder Griff und jeder Satz muss im Notfall sitzen. „Wir trainieren so, dass jeder mit jedem in einer Crew zusammenarbeiten kann“, erklärt Schellig. Aufgabe des Piloten bei dem anspruchsvollen Flugmanöver sei es, den Hubschrauber möglichst ruhig über der Einsatzstelle schweben zu lassen. Damit am Boden alles rund läuft, packt die Wasserwacht mit an, sperrt zeitweise die Straße und hält die schaulustigen Passanten ab, zu nah heranzutreten.

Johannes Veit hat die Manöver erfolgreich absolviert
Johannes Veit hat die Manöver erfolgreich absolviert und ist nun Windenoperator bei der ADAC Luftrettung. Auch als Bergwachtler kennt er die Herausforderungen der Einsätze im alpinen Gelände. © mk

So komplex die Rettung per Winde auch ist, die Anzahl der Einsätze nimmt stetig zu. „Wir haben aktuell etwa zehn Prozent mehr Windeneinsätze als noch vor ein paar Jahren“, berichtet Oesterle auf Nachfrage. Nicht zuletzt auch die Hochwasserkatastrophen 2021 haben gezeigt, wie essenziell diese Rettungsform sei. Immerhin hat die ADAC Luftrettung mit insgesamt sechs Hubschraubern die Rettungsaktionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen unterstützt.

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Auch wenn laut Schellig ihre Kernaufgabe in der alpinen Bergrettung bestünde, würde es immer wieder Wassereinsätze geben. Von zirka 1350 Einsätzen jährlich würde der Helikopter zu knapp 220 Wasserrettungen fliegen. Im Vergleich: „Bergeinsätze haben wir beinahe täglich“, unterstreicht Schellig.

ADAC-Luftrettung unterstützte Einsätze in Hochwassergebieten 2021 mit sechs Helikoptern

Ob Berg oder See oder Hausdach: Auch wenn die Strategie der Rettung per Winde immer gleich aussehen mag, gibt es hier enorme Unterschiede. „Bei der Luftrettung aus dem Wasser haben wir es ja mit einer sich verändernden Umgebung zu tun“, so Schellig. „Wenn wir mit dem Helikopter über dem Patienten im Wasser sind, kommt es durch den Wind zu Wellen und einer anderen Wasserstruktur (in der Fachsprache heißt das „Downwash“), dabei kann es sein, dass die Position des Patienten sich auch ändert.“ Anders sei das im alpinen Gelände. Hier passieren mehr Einsätze, die mittels Winde durchgeführt werden als im Wasser. „In vielen Fällen ist die Wasserwacht mit dem Boot schlicht schneller als in vier bis fünf Minuten am Patienten im Wasser.“ Dennoch gebe es im Sommer für die Luftretter einige Alarmierungen. „Beispielsweise wenn eine Person vermisst wird, suchen wir öfters Seen ab, es kommt aber nicht zwingend immer zum Winden-Einsatz“, meint der Stationsleiter.

Nach zehn Durchläufen gibt es schließlich eine Pause. „Der Hubschrauber muss zum Kerosin tanken“, erklärt Weiss. Danach stehen nochmal zehn Manöver auf dem Programm. „Wir haben sowohl die Co-Piloten als auch Windenoperatoren trainiert und die Auszubildenden hatten ihre Abschlussprüfung“, sagt Schellig. Einer von ihnen ist Johannes Veit aus Mittenwald. Der 29-jährige Notfallsanitäter ist seit vielen Jahren ehrenamtlich bei der Bergwacht in Mittenwald. Die Herausforderung, bei der Windenrettung alles korrekt zu machen, sei groß. „Man sollte vor jedem Einsatz Respekt, aber keine Angst haben“, meint Veit. Er sehe es als Vorteil durch seine jahrelange Erfahrung bei der Bergwacht als Operator auf der Kufe auch„die andere Seite unten zu kennen“, wenn er oben an der Winde – die übrigens bis zu 180 Kilogramm trägt – agiert. Auch Veit kann stolz sein, so wie seine Kollegen hat auch er die Prüfung bestanden. Generell sei die Übung mit etwa 25 Einsatzkräften reibungslos verlaufen, wie Schellig nach zweieinhalb Stunden Training erleichtert bilanziert.

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