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Nichts zu beanstanden haben die Polizisten Jan Zangenfeind und Jonas Erk (2. u. 3. v. li.) bei der Überprüfung dieser beiden Motorräder. Nicht jede Kontrolle an diesem Nachmittag bleibt so komplikationslos.

Unterwegs mit den Fahndern

Polizeikontrolle am berühmt-berüchtigten Kesselberg: „Ihre Fahrt ist hier beendet“

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Der Kesselberg ist einer der Unfallschwerpunkte im ganzen Landkreis. Berühmt-berüchtigt ist er vor allem durch die vielen Motorradfahrer. Der Tölzer Kurier war bei einer Zivilkontrolle dabei.

Kochel am See Schon seit 20 Minuten steht der Mann mit dem blondierten Haar und der Lederkluft nun in der Wiese neben dem Parkplatz. Er presst sein Smartphone ans Ohr und hört nicht auf zu telefonieren. „Jetzt ist auch noch mein Akku leer“, stellt er irgendwann konsterniert fest. Nein, heute ist wahrlich nicht sein Tag. Dabei wollte der 42-jährige Berufsmusiker doch den freien Tag genießen, bei einer Motorradtour über den Kesselberg. Doch dann kam der Moment, in dem Jan Zangenfeind seine Kelle herausstreckte.

Zangenfeind ist Mitglied der „Kontrollgruppe Motorrad“ der Polizei. Ihr Einsatz seit dem Jahr 2015 ist eines der Mittel, die den Unfallschwerpunkt Kesselberg entschärfen sollen. „Wir schauen, dass wir jede Woche zweimal am Kesselberg und zweimal am Sudelfeld sind“, erklärt Zangenfeind. „Und dann sind wir auch noch für die Traunsteiner Region zuständig.“ An diesem Werktag im August ist es also einmal mehr die Serpentinenstrecke auf der B11 zwischen Kochel am See und Urfeld, an der der 53-Jährige – diesmal unterstützt von seinem Kollegen Jonas Erk (23) – an einem Parkplatz Position bezieht.

Das Wetter ist durchwachsen. Die Zahl der Biker hält sich in Grenzen. Doch das liegt nach Zangenfeinds Einschätzung nicht nur am wolkenverhangenen Himmel. „In der Szene ist schon bekannt, dass ich hier bin“, sagt er. „Über WhatsApp macht das schnell die Runde.“

Jonas Erk nimmt Maß: Dabei stellt der Beamte fest, dass das Kennzeichen dieses Motorrads zu weit nach oben gebogen ist.

Für den 42-jährigen Musiker hingegen kommt es überraschend, als der Polizeihauptkommissar vor ihm die Kelle schwenkt. Der Kawasaki-Fahrer holt bereitwillig die verlangten Papiere hervor, fängt an zu plaudern. „Ich fahr’ jetzt sowieso gleich heim“, meint er. Zangenfeinds trockene Antwort: „Das werden wir erst noch sehen.“

Der Beamte weiß, wo er als erstes hinschauen muss: Auspuff, Spiegel, Blinker, Reifenprofil. „Wo ist denn Ihr Dämpfereinsatz?“, fragt er. Zangenfeind weiß: Den Schalldämpfer im Auspuff bauen viele Biker aus.

Warum? Aus Freude daran, dass ihre Maschine schön laut knattert – selbst wenn sich die Fahrer selbst bisweilen Ohrenstöpsel einsetzen, weil sie es anders auf Dauer gar nicht aushalten würden. „Die Lautstärke eines Motorrads ist ein Verkaufsargument“, sagt der Polizist.

Als sein Auge dann auch noch auf Kupplungs- und Bremshebel am Motorrad des 42-Jährigen fällt, verkündet er knapp: „Ihre Fahrt ist hier beendet. Sie müssen sich abschleppen lassen.“

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Die Zubehörteile haben keine Prüfnummer, sind mithin nicht zugelassen. „Schauen Sie, wie hier alles wackelt und klappert. Und so etwas vertrauen Sie Ihr Leben an“, mahnt Zangenfeind. Auch diese Verfehlung begegnet ihm nicht zum ersten Mal. „Ein geprüfter Bremshebel kostet 180 Euro. Leider bauen manche lieber ein Billigteil aus China für 20 Euro ein.“

Die Miene des Kawasaki-Fahrers wird nun doch säuerlich. Wie soll er jetzt heimkommen nach München? Nachdem er die letzten Reserven des Handys ausgeschöpft hat, ist zumindest dafür eine Lösung gefunden: „Mein Vater kommt und bringt mir einen neuen Bremshebel“, sagt er. „In einer bayerischen Familie hilft man halt zusammen.“

An Bikern, die sich an sämtliche Regeln halten, mangelt es am Kesselberg natürlich auch nicht. Bei den nächsten drei Fahrzeugen, die Zangenfeind und Erk unter die Lupe nehmen, ist alles in Ordnung. Ein Biker düst nach überstandener Kontrolle jetzt schon zum vierten Mal am Parkplatz vorbei, die Kurven hinauf, die Kurven hinunter.

„Gerade die Einheimischen wissen inzwischen, dass alles hundertprozentig in Ordnung sein muss, wenn sie am Kesselberg fahren“, sagt Zangenfeind. Auch in technischer Hinsicht kontrolliert die Polizei penibel. Das hat sich herumgesprochen – allerdings nicht bis Holland.

Als die Kontrolleure die Maschinen zweier junger Brüder aus Utrecht begutachten, fallen ihnen allzu bekannte Verstöße auf. Der Schalldämpfer ist beim Auspuff eines der Motorräder ausgebaut. „Ich habe das gewusst“, gibt der Fahrer, ein hochgewachsener Mittzwanziger zu. „Aber das ist das Motorrad meines Bruders.“ Erst ein paar Kilometer zuvor haben sie die Maschinen getauscht. Egal. Für den Mangel des Motorrads, auf dem er saß, muss nun der Jüngere haften. Ob er sich die 100 Euro von seinem Bruder zurückholt, bleibt offen.

Zumal auch der jetzt erst einmal blechen muss. Erk hat mit Hilfe einer Wasserwaage nachgemessen: Das Nummernschild steht viel zu flach. Eine Neigung von 30 Grad zur Horizontalen wäre erlaubt. Hier sind es 45 Grad. „Bei 55 Grad hört der Spaß endgültig auf“, sagt Zangenfeind. Manche Biker biegen das Kennzeichen absichtlich nach oben, damit es im Fall, dass sie geblitzt werden, schlechter abzulesen ist. „Da steht eine Straftat im Raum“, erklärt der Polizist. Die Strafe könne ein Nettomonatsgehalt erreichen. Der Holländer kommt mit 60 Euro noch günstig weg.

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Die Brüder bleiben höflich. Zangenfeind kennt auch andere Reaktionen. „Da schmeißt schon mal einer vor Wut seinen Helm durch die Gegend.“ Auch ein breites Repertoire an Beschimpfungen muss der Beamte sich anhören. Die Holländer schütteln nur sachte den Kopf. „Wenn die Polizei die Geschwindigkeit kontrolliert, ist ja in Ordnung“, sagt der Ältere. Wofür die beiden bezahlen mussten, habe aber doch nichts mit der Unfallhäufigkeit zu tun. Auch der Münchner Musiker hatte die Beanstandung übertrieben gefunden. Das sieht Zangenfeind anders. „Lärm ist letztlich Körperverletzung“, sagt er. Und der nicht zugelassene Bremshebel sei eindeutig „sicherheitsrelevant“ – nicht nur für den Fahrer selbst, sondern auch für die anderen Verkehrsteilnehmer. Zangenfeind und Erk werden daher wiederkommen. Woche für Woche.

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