Monika Dreblow kaufte ein 100 Jahre altes Poesiealbum auf dem Kochler Flohmarkt. Es gehörte einer gewissen Lisl Will und besticht durch professionelle Zeichnungen. Dreblow möchte es gerne an die Nachfahren zurückgeben. Foto: Pröhl

Rarität auf dem Flohmarkt in Kochel gefunden

Altes Poesiealbum sucht Erben

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Kochel am See/Wolfratshausen - Beim Bummel über den Flohmarkt in Kochel entdeckte Monika Dreblow eine Rarität: ein 100 Jahre altes Poesiealbum, gefüllt mit sehr persönlichen Einträgen, professionellen Zeichnungen und bewegenden Notizen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Jetzt sucht Dreblow die Nachfahren der Besitzerin, um es zurückzugeben.

„Ich gehe einfach gerne auf Flohmärkte“, sagt Monika Dreblow. Die 65-Jährige stammt aus Nordrhein-Westfalen und besucht mehrmals im Jahr ihre Verwandten in Kochel. Ein Bummel über den Flohmarkt am Trimini gehört jedes Mal dazu.

So war es auch im vergangenen Sommer. Zuerst war die Familie auf dem Flohmarkt in Wolfratshausen, tags darauf in Kochel. Schon in Wolfratshausen fiel Dreblow an einem Stand besagtes Poesiealbum auf. „Es waren so unglaublich schöne Zeichnungen darin.“ Als sie am nächsten Tag in Kochel den gleichen Verkäufer wieder traf, schlug sie zu. „Irgendwie hatte ich mein Herz an dieses Album verloren.“

Als sie es dann zu Hause längere Zeit durchschaute und die Texte zu lesen begann, dämmerte Dreblow, welchen Schatz sie da gefunden hatte. Die 65-Jährige hat sich jetzt entschieden, das Album an die Nachfahren der Besitzerin zurückzugeben. „Ich würde mich ja auch freuen, wenn mir jemand das Poesiealbum meiner Mutter oder Großmutter wieder gibt.“ Doch die Suche ist schwierig. Monika Dreblow ist auf die Hilfe der Öffentlichkeit angewiesen.

Die Tusche- und Bleistift-Zeichnungen in dem Album sind sehr kunstvoll. Dieses Mädchen mit Blumenstrauß wurde am 14. Oktober 1917 von Resi Miller in München gezeichnet.

Bei der Suche nach den Nachfahren der Besitzerin muss man wie bei einem Puzzle Stück für Stück zusammenlegen. Das Album gehörte einer gewissen Lisl Will aus München. So steht es gleich auf der ersten Seite. Anschließend haben sich am 1. Juli 1916 ihre Mutter (leider ohne Vornamen) und ihre Brüder eingetragen, nämlich Michael und „L.“, beide auch im Jahr 1916.

Das kleine, in Leder gebundene Büchlein dokumentiert bewegende Jugendjahre, die von erster Liebe und dem Ersten Weltkrieg erzählen. Auffallend sind die vielen Zeichnungen auf hohem Niveau. „Ich vermute, dass es sich um Kunst- oder Architekturstudenten handelte“, sagt Monika Dreblow. Denn zu dem Poesiealbum gab es auf dem Kochler Flohmarkt noch ein weiteres Büchlein, in dem nur Zeichnungen gleichen Stils waren. „Ich vermute jetzt, sie gehören zusammen. Aber das war mir damals noch nicht klar.“

Die Zeichnungen in dem Poesiealbum wurden meist mit feinstem Bleistift oder Tusche ausgeführt und sind ganz unterschiedlicher Art: oft sind es florale Motive, Püppchen, kleine Figuren oder Tierdarstellungen. Lisl Will scheint aber auch selbst porträtiert worden zu sein, jedenfalls findet man eine Frau in kecker Pose mit einem Kirschenpaar zwischen den Lippen, während ein Mann sie interessiert anblickt.

Auffallend sind aber auch Architektur-Zeichnungen, und in diesem Zusammenhang ein Zeichen: ein Kreis, in dem drei „Töpfchen“ hängen. War es eine Art Geheimsymbol?

Die Texte dazu sind teils zeitgenössische Verse, teils fröhliche Erinnerungen und teils berührende Liebeserklärungen. Die Zeiträume der Eintragungen reichen von 1916 bis 1921. Lisl Will scheint in diesen Jahren auch in Lothringen gearbeitet zu haben. In einem Eintrag vom März 1918 ist zu lesen: „Zur dauernden Erinnerung an [das] Büro Gisselfingen in Lothringen“, unterzeichnet von „Bauführer Terführt“. Daneben wurde ein regionaltypisches Häuschen gezeichnet, zudem ein Zunftzeichen der Architekten. Aus Gisselfingen (französisch: Gelucourt) finden sich mehrere Einträge. Die Gemeinde gehört seit 1918 zu Frankreich.

Apropos Krieg: Einige Freunde von Lisl Will unterzeichneten ihre Einträge mit „im Feld“, etwa ein gewisser Arthur Jungk. Paul Hartung zeichnete 1919 ein Körbchen mit rotem Mohn und schrieb darunter: „gewidmet in meinen bis jetzt schicksalsschwersten Tagen“. Sehr interessant ist auch ein Eintrag vom 18. Dezember 1921. Eine gewisse Else Woschütz schrieb: „Das Leben, ein Kampf. Bleibe Flieger!“ Daneben zeichnete sie viele Flugzeuge über einer Flusslandschaft.

Ist diese Dame Lisl Will? Ein gewisser Hans Dilling fertigte im September 1920 diese Zeichnung, vermutlich in Nürnberg: „An meine so lieb gewonnene Freundin.“

Nicht alle Namen in dem Album sind noch zu entziffern. Das meiste wurde ohnehin in Sütterlin geschrieben, manches winzig klein. Mit großer Gewissheit konnte unsere Zeitung bei der Recherche noch folgende Namen entziffern: Emil Liechti (aus der Schweiz), Anni Hohenleitner, Rosa Mack, Marie Bruckner, Armin Auberger, Maria Auberger (München), Otto Giehl, Josef Lederer (München), Gretl Hartmann, Resi Miller, Anna Schäfer, Willy Weimer, Klara Herold (München), Bernhard Rödel, Helene Hien (Neuaubing), Maria Tischler (München), Karlheinz Ruppert (Koblenz), Maria Stauner, Hans Dilling (Nürnberg) und Sina Gerg.

Zu Wilhelm Wagenpfeil scheint Lisl Will eine ganz besondere Beziehung gehabt zu haben. Der Mann (er stammt vielleicht aus München) verabschiedete sich im Januar 1920 mit einem berührenden Lebewohl-Gedicht.

Wer kennt dieses Symbol? Es scheint eine Art Geheimsprache in dem Freundeskreis von Lisl Will gewesen zu sein. Es findet sich unkommentiert unter mehreren Einträgen.

Wer sind wohl die Nachfahren von Lisl Will? Leben sie in der Region? Flohmarkt-Käuferin Monika Dreblow will das nicht ausschließen: „Der Verkäufer sagte mir, er habe das Album bei einer Haushaltsauflösung erstanden.“ Leider hat Dreblow den Mann in Kochel und Wolfratshausen seit letzten Sommer nicht mehr gesehen, um weitere Details zu erfragen. Sie hofft, nun über unsere Zeitung das Album den Angehörigen von Lisl Will aushändigen zu können. „Es wäre doch schön, wenn ich die Familiengeschichte bereichern könnte.“

Hinweise nimmt die Redaktion des Tölzer Kurier entgegen, Telefon 0 80 41/76 79 41 oder E-Mail loisachtal@toelzer-kurier.de.

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