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Freuen sich, dass das Verstärkeramt in die Denkmalliste aufgenommen wird (v. li.): Elke Wendrich, Heiko Folkerts und Birgitt Borio.

Verstärkeramt in Kochel

„Solch ein Tafelsilber darf man nicht verschenken“

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Für die einen ist es eine Bauruine, für die anderen ein architektonisches Juwel: Das Verstärkeramt am Ortseingang von Kochel. Der Weilheimer Architekt Heiko Folkerts reichte eine Petition beim bayerischen Landtag ein, um das Gebäude vor dem Abriss zu retten. Mit Erfolg: Das Verstärkeramt wird in die Denkmalliste aufgenommen.

Kochel am See – „Wir freuen uns über diesen Erfolg“, sagt Elke Wendrich vom Denkmalnetz Bayern. Folkerts ergänzt: „Solch ein Tafelsilber darf man nicht verschenken.“ Dass das Gebäude in die Liste aufgenommen wurde, ist für ihn keine Überraschung, „sondern eine ganz klare Entscheidung“.

Das Gebäude wurde in den Jahren 1926 bis 1927 von der Oberpostdirektion München geplant und errichtet. Es diente dazu, die Telefongeräusche zu verstärken, um Ferngespräche zu ermöglichen. Die Größe des Verstärkeramts in Kochel sei „sehr ungewöhnlich“, betonte Folkerts in einem Pressegespräch am Samstag: „Es ist ein sehr prominentes Gebäude für solch eine kleine Ortschaft. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Signale über die Alpen bis nach Italien verstärkt werden mussten.“

Im Laufe der Jahrzehnte seien die technischen Gerätschaften immer kleiner geworden. Vor zehn Jahren verkaufte die Post das Gebäude an die Gemeinde, seit 2017 gehört ihr das komplette Areal. Die Gemeinde hatte große Pläne. Das Gebäude sollte abgerissen werden, stattdessen sollten an dieser Stelle der neue Bauhof und Mietwohnungen entstehen. Gegen diese Pläne sprachen sich Folkerts und prominente Unterstützer aus. Ihre Hauptargumente: Zu dem Planerteam hätten einige der hochkarätigsten Architekten in Deutschland gehört. Auch an den Fresken seien erstklassige Künstler beteiligt gewesen: „Das ist eine hervorragende, liebevolle Architektur“, sagt Folkerts. „Sehr schlicht, weil es Richtung Moderne geht.“

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Die Restauratorin und frühere Innenarchitektin Wendrich ergänzt: „Wenn ich durch Kochel gefahren bin, habe ich mich immer gefragt: Warum lässt man so ein schönes Gebäude verkommen?“ Nach Ansicht von Folkerts steckt in dem Gebäude gewaltiges Potenzial: „Neben dem Franz-Marc-Museum und dem Walchensee-Kraftwerk wird das ein Highlight.“ Von der Malerei bis zur Architektur gehöre alles zusammen.

Die Benediktbeurerin Birgitt Borio sieht das genauso: „Das Verstärkeramt ist der Blaue Reiter in Architektur.“ Die erfolgreiche Petition und das Denkmalnetz sollen den Menschen Mut machen, „die sich nicht trauen, aktiv zu werden, obwohl sie sehen, dass Kulturerbe zerstört wird“, sagt Wendrich. „Es lohnt sich, sich gegenseitig zu unterstützen, auch wenn es Widerstand gibt.“

Die Aufnahme in die Denkmalliste stehe den Plänen der Gemeinde nicht entgegen, findet Borio. Das Gebäude lasse sich sehr gut sanieren und biete alles, was die Gemeinde realisieren will. Dies sieht auch Folkerts so. Die großen Räume im Obergeschoss könne man für Orchester- und Theaterproben nutzen, auch im Keller stünden viele Räume zur Verfügung: „Die Frage ist nur, ob die Gemeinde das Projekt anpackt oder das Gebäude abstößt.“

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