Trotz schwierigster Straßenverhältnisse hielt der Kochler durch, auch wenn er wegen einer Panne sein Rad 100 Kilometer in Norwegen schieben musste. 
+
Trotz schwierigster Straßenverhältnisse hielt der Kochler durch, auch wenn er wegen einer Panne sein Rad 100 Kilometer in Norwegen schieben musste. 

Reisebericht

Im Winter mit dem Fahrrad von Kochel ans Nordkap: Askan von Schirnding (27) kann nichts abschrecken

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
    schließen

Mit Fahrrad von Kochel ans Nordkap, und das im Winter: Eis, Schnee, Kälte und Dunkelheit konnten Askan von Schirnding (27) nicht abschrecken. Wegen der Corona-Pandemie nahm er sogar sehr weite Umwege in Kauf.

Kochel am See – Es war nicht die erste abenteuerliche Fahrradtour, mit der der 27-Jährige für Aufsehen sorgt: 2017 radelte Askan von Schirnding zusammen mit zwei Freunden in 99 Tagen nach China (wir berichteten). Nun hatte er sich das Nordkap ausgesucht – zum zweiten Mal. 2019 scheiterte der erste Versuch in Schweden aufgrund einer Oberschenkelentzündung. „Ich war einfach nicht richtig vorbereitet“, sagt der Extrem-Radfahrer rückblickend. In dieser sportlichen Nische versucht er gerade Fuß zu fassen.

In diesem Winter hat es aber geklappt. Nachdem er im Sommer „ein paar tausend Kilometer“ in Frankreich und Italien trainiert hatte, machte sich der Kochler am 12. Oktober auf den Weg, zusammen mit zwei Bekannten, Julian vom Eyser und Anica Wienecke. Geschafft hat es jedoch nur Askan von Schirnding. Der Erste gab schon in Hamburg auf, die Zweite hielt bis zur finnischen Grenze durch. Nach einem Sturz und der Aussicht, einen 700 Kilometer langen Umweg fahren zu müssen, war ihre Motivation am Ende.

Fantastische Naturstimmung: Askan von Schirnding war beeindruckt vom Polarlicht. Auch wenn er sich sonst nur wenige Pausen gönnte, doch dieses Lichtphänomen fesselte ihn sehr.

„Der Kopf ist immer wichtiger als der Körper“, sagt Askan von Schirnding. Für so eine Ultra-Distanz-Tour brauche man mental die richtige Einstellung. Künftig, sagt der Kochler, wolle er solche Touren aber lieber alleine machen. „Oder nur mit Leuten, die man schon ewig kennt.“

4488 Kilometer hin und 4028 zurück – dass auch der Rückweg mehr als 4000 Kilometer lang ist, war dem 27-Jährigen wichtig, obwohl die Rückfahrt von einem schweren Sturz überschattet wurde. Aber der Reihe nach: Vor dem Start in Kochel hatte von Schirnding einen, wie er es nennt, „Codex“ festgelegt: Spätestens um 5 Uhr morgens aufstehen und täglich mindestens 214 Kilometer radfahren. Die erste Pause frühestens nach 100 Kilometern. Außer Mittag- und Abendessen darf nur zweimal für 15 Minuten pausiert werden. Übernachtet wird im Zelt. Die Devise lautete, keine Zeit zu verlieren. Unterwegs Sehenswürdigkeiten anzuschauen, stand nicht auf dem Plan. „Land und Leute sind nicht so mein Ding“, sagt der Kochler.

Via Instagram mit Familie und Freunden in Kontakt

Zirka 25 Kilogramm wog das Mountainbike samt Ausrüstung, mit dem sich von Schirnding auf den Weg machte. Vorne am Lenkrad war eine Kamera befestigt, die alles filmte. Auf seinem Instagram-Account hielt der Kochler Freunde, Familie und Fans täglich auf dem Laufenden. Askan von Schirnding ist selbstständig und arbeitet unter anderem als Filmemacher. Extremes Radfahren, sagt er, gebe ihm ein Gefühl von Unabhängigkeit. „Ich liebe das Fahren in der Einsamkeit, das ist für mich Kontemplation.“

Bei der Wahl seiner Schlafstätten war der Kochler nicht wählerisch – Hauptsache, einigermaßen windgeschützt. Er schlief in Hütten oder im Transportraum eines abgestellten, leeren Kühllasters. (Foto)

Bei der Tour gingen der Kochler und seine beiden Begleiter an ihre Grenzen – und Askan von Schirnding darüber hinaus. Verdorbenes Essen und Magenprobleme sorgten schon in Norddeutschland für ein Problem, der Erste stieg aus. Mit der Fähre ging es für die anderen beiden von Dänemark nach Schweden. Hoch oben in Lappland, so der Plan, wollten sie über Finnland nach Norwegen einreisen. Das Duo hatte sich entschieden, lieber diesen Weg zu nehmen als von Anfang an durch das gebirgige, zerklüftete Norwegen zu radeln.

Je nördlicher sie in Schweden kamen, desto härter wurde es: Regen, Schnee, Eis, Kälte und Dunkelheit wurden zum Kampf. Übernachtet wurde auch jenseits des Polarkreises im Zelt oder in Bushäuschen, Hütten oder in Bahnhöfen. Manchmal hatten sie Glück und durften ihre Schlafsäcke in einem Gartenhaus ausrollen. „Ich bin nicht der Typ, der jeden Tag duschen muss“, sagt der Kochler. Er hatte nur die Kleidung dabei, die er am Leib trug. „Bei der Kälte schwitzt man eh nicht.“

Ein großer Tiefpunkt war an der finnischen Grenze: Die Zöllner wollten sie aufgrund der Corona-Beschränkungen partout nicht einreisen lassen. „Wir haben drei Stunden diskutiert, dann habe ich vor Wut gebrüllt“, erzählt der Kochler. Das Duo überlegte ernsthaft, den Grenzfluss auf illegale Weise zu überqueren. Was sie abhielt, war der Anblick großer Eisschollen und die Erkenntnis, dass dutzende Kameras der finnischen Behörden im Wald hingen. Also bleib nur eines: Aufgeben oder einen Umweg von fast 700 Kilometern direkt zur norwegischen Grenze zu fahren. Die junge Frau gab auf, der Kochler stieg wieder in die Pedale.

Quarantäne in Norwegen

Auch die Norweger waren nicht begeistert, als einige Tage später ein Abenteurer mit dem Fahrrad vor ihnen stand. Er hatte sich im Gebirge durch Eis, Wind und spiegelglatte Straßen gekämpft. Askan von Schirnding musste vor den Augen der Zöllner auf seinem Smartphone ein Hotel in der nächstgelegenen Stadt Narvik buchen, wo er sich am 7. November zehn Tage in Quarantäne begeben musste.

Die Weiterfahrt zum Nordkap war dann jedoch nicht vom Glück gekrönt. Wenigstens lernte er die Hilfsbereitschaft der Norweger kennen, als er auf einer Bergstraße im Schneesturm nachts zufällig einen verlassenen Bauarbeiter-Container fand, der geöffnet war. Kaum war er eingeschlafen, klopfte die Polizei an die Tür – eine Frau hatte den Beamten von der Wahnsinns-Etappe eines deutschen Radfahrers berichtet, der spätabends noch über die Berge wollte. Da war die Polizei ihn suchen gefahren. Froh, dass der Kochler noch am Leben war, fuhren sie zurück.

Glücklich am Ziel: Askan von Schirnding kletterte in die bekannte Globus-Skulptur am Nordkap. Dort durfte er sogar zelten.

Kaum wieder im Sattel, hatte er kurze Zeit später eine Panne und konnte nur noch Leerlauf treten. Von Schirnding rief seinen Fahrradhändler in Kochel an, der ihm die Ersatzteile beschrieb, die ihm dann ein Sportgeschäft in der nächstgelegenen Kleinstadt Honningsvåg bestellte. Wartezeit: eine Woche. Zwischenzeitlich übernachtete von Schirnding drei Tage im Ladebereich eines abgestellten, leeren Kühltransporters, dessen Ladeluke nicht verschlossen war. „Da drin war es wenigstens windstill.“

Honningsvåg war noch 100 Kilometer entfernt. Von Schirnding schob sein Rad oder rollte, wenn möglich, die Berge hinab. In dem Geschäft stellte sich dann heraus, dass der Mitarbeiter die falschen Teile bestellt hatte. „Er hat sich sehr geschämt. Aber er war dann so freundlich und hat mir ein neues Fahrrad auseinandergebaut, so dass mir dessen Teile eingebaut werden konnten.“

Schwerer Sturz zu Beginn der Rückfahrt

Am 28. November war endlich das Ziel erreicht: das Nordkap. Im Besucherzentrum, wo man auch im Winter normalerweise täglich hunderte Touristen gewöhnt ist, herrschte fast gähnende Leere. „Die Norweger kümmerten sich rührend um mich“, sagt von Schirnding. Er durfte nicht nur direkt unterhalb der weltbekannten Globus-Skulptur zelten („Das ist sonst streng verboten“), sondern konnte jeden Tag stundenlang im Panoramaraum verbringen und bekam Kaffee und Gebäck umsonst.

Andere Menschen wären jetzt ins Flugzeug oder in den Zug gestiegen, um nach Hause zu kommen, doch Askan von Schirnding wollte unbedingt wieder mit dem Fahrrad zurückfahren, wieder mit extremen Etappen. Am 5. Dezember brach er auf. Zwei Tage später machte ein schwerer Sturz beim Fotografieren auf eisglatter Straße fast alle Pläne zunichte. Die Schmerzen in der Schulter waren groß. „Aber die Schulter brauche ich nicht zum Radfahren“, sagt der 27-Jährige. Also stieg er wieder auf den Sattel.

Ein „ununterbrochenes Gefühl von Euphorie“ - Es gibt schon neue Pläne

Die Rückfahrt war Wahnsinn, doch von Schirnding hielt durch, übernachtete nach wie vor in Bushäuschen, Schuppen oder Bahnhöfen. Er radelte wieder durch ganz Schweden, manchmal hatte er Halluzinationen. In Deutschland waren die Grenzen dicht wegen Corona, also fuhr er durch Polen und konnte am Grenzübergang Görlitz („Da war niemand“) wieder in die Bundesrepublik. Erneute Pannen am Rad brachten ihn fast zur Verzweiflung, doch von Schirnding hielt durch. Am Heiligen Abend war er wie geplant in Kochel. Die Badewanne war sein erstes Ziel, dann der Arzt. Heute weiß er, dass er bei dem Sturz eine Schultergelenkssprengung erlitten hat. „Es tut noch weh, aber es verheilt schon wieder.“

Bei der Wahl seiner Schlafstätten war der Kochler nicht wählerisch – Hauptsache, einigermaßen windgeschützt. Er schlief in Hütten am Wegesrand.

Was treibt einen an, so ein Ultra-Distanz-Abenteuer zu unternehmen? „Nach so einer Reise habe ich jedes Mal den Eindruck, mich selbst besser kennengelernt zu haben“, sagt der Kochler. Unterwegs entstehe ein „nahezu ununterbrochenes Gefühl von Euphorie“. Außerdem: „Wenn ich mal 100 Jahre alt bin, werde ich wohl kaum verträumt daran zurückdenken, wie ich am Schreibtisch sitze und To-Do-Listen abarbeite, durch meine Instagram-Timeline scrolle oder irgendeinen anderen digitalen Schrott konsumiere.“

Von seiner Reise hat Askan von Schirnding vor ein paar Tagen im Bayerischen Fernsehen berichtet. Derzeit arbeitet er an einer Zusammenfassung für seinen YouTube-Kanal – und an weiteren Radtouren. Im Sommer will er bei „North Cape 4000“ dabei sein, eine Tour mit dem Rennrad vom Gardasee ans Nordkap. Auch dabei muss man sich selbst versorgen. Es ist kein Rennen mit Gewinnern, die Veranstalter sprechen von „Finishern“. Und Askan von Schirnding sagt: „Ich will der Erste sein.“

Fotos von der Tour sind auf Instagram zu sehen: @askanvonschirnding

Lesen Sie auch: Corona: Bad Tölz sagt Ostermarkt ab

Mehr Steinböcke für die Benediktenwand

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare