Markantes Bauwerk am Ortsrand von Kochel am See: Das Verstärkeramt hat eine lange Telefondienst-Geschichte.
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Markantes Bauwerk am Ortsrand von Kochel am See: Das Verstärkeramt hat eine lange Telefondienst-Geschichte.

Blick in die Geschichte

Kochler Verstärkeramt: Was wurde da eigentlich verstärkt?

  • Franziska Seliger
    vonFranziska Seliger
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Im Zuge seines geplanten Abrisses durch die Gemeinde wurde in den vergangenen Wochen immer wieder über das Verstärkeramt in Kochel berichtet. Aber was genau wurde in dem gelben Gebäude am Ortsrand eigentlich verstärkt?

Kochel am See – Wer in Kochel nach Menschen sucht, die noch ganz genau wissen, was im ehemaligen Verstärkeramt, erbaut im Jahre 1927, verstärkt wurde, der tut sich schwer. Selbst der anerkannte Kochler Heimatforscher Prof. Jost Knauss, verfügt nach eigenen Angaben nur über oberflächliches Wissen – aber immerhin: „Es war eine Einrichtung des deutschen Telefondienstes, und man hat hier die Verständlichkeit durch technische Maßnahmen verbessert“, weiß Knauss zu berichten.

Einer der wenigen, die noch ganz gut erklären können, was es mit dem von Architekt Franz Holzhammer errichteten Gebäude auf sich hat, ist Gerhard Kirste. Architekt Holzhammer gilt heute als eine der prägendsten Person der sogenannten „Münchner Postbauschule“ – einem modernen Baustil zwischen 1920 und 1934. „In dem Gebäude sind früher die Telefonsignale verstärkt worden. Das muss man sich wie ein großes Umspannwerk beim Strom vorstellen“, erklärt Kirste, dessen Vater zwischen den 1960er- und den 1980er-Jahren noch im Kochler Verstärkeramt gearbeitet hat.

Quasi die Weiterentwicklung des „Fräuleins vom Amt“

Und nicht nur dort: „Er ist im ganzen Oberland rumgefahren und hat Telefone gerichtet“, weiß Kirste. Als Bub habe er seinen Vater manchmal ins Kochler Verstärkeramt begleitet. In einem Gebäudeteil gebe es „riesengroße Räume“, in denen früher mehrere Reihen sogenannter Hebdrehwähler gestanden hätten, erinnert sich Kirste. Diese „Wähler“ seien spezielle Geräte gewesen, mit denen die eingehenden Telefonanrufe mechanisch weitergeleitet worden seien – quasi die Weiterentwicklung des „Fräuleins vom Amt“, so Kirste. „Die musste noch von Hand umstöpseln.“ „Nur so gesurrt“ habe es in diesen Räumen, erinnert sich Kirste.

Aufgabe des Verstärkeramts sei es gewesen, die Kabelverluste auf langen Leitungen auszugleichen, sodass die über Kupferleitungen laufenden analogen Signale bis zum nächsten Verstärkeramt – etwa in Weilheim – weitertransportiert werden konnten. Wie Kirste weiß, hat es auch in Walchensee am Kirchenfriedhof ein kleines Verstärkeramt gegeben – quasi eine Zweigstelle des Kochler Amtes. Auch in der Bahnhofstraße in Benediktbeuern habe es eine solche Zweigstelle gegeben. Beide, sagt Kirste, seien bis heute in Betrieb – freilich ausgerüstet mit neuer Technik. Und auch im neuen Gebäudeteil des Kochler Verstärkeramts werde bis heute mit digitaler Technik gearbeitet.

Denkmalschützer sprechen von einem der schönsten Verstärkerämter der deutschen Postbaugeschichte“

Der Altbau aus dem Jahr 1927 gilt Denkmalschützern heute als „eines der schönsten Verstärkerämter der deutschen Postbaugeschichte und wichtiger Bestandteil der Münchner Postbauschule“. Seit September 2018 gilt es als geschütztes Baudenkmal – unter anderem wegen der ideenreichen Detailgestaltungen sowie wegen der malerisch integrierten und komponierten Fresken und Reliefs auf den Fassaden, die unter anderem von Bildhauern der Münchner Schule stammen sollen.

Übrigens spielte das historische Gebäude scheinbar auch eine Rolle bei den ersten deutschen Forschungen zur Ionosphäre an der Funkstation am Herzogstand: Die Empfangsanlagen zu dieser Ionosphärenforschung sollen im Dachstuhl des Verstärkeramtes in Kochel aufgestellt gewesen sein.

Wie mehrfach berichtet soll das Verstärkeramt abgerissen werden. Denkmalschützer wollen das mit einer Popularklage verhindern, die nach Einschätzung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs allerdings „keine Aussicht auf Erfolg“ hat.

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