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„Bis zu meinem Unfall hatte ich ein schönes Leben“: Schwerkrankem wird Wohnung gekündigt

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Von: Andreas Steppan

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Abendstimmung am Walchensee.
Der Walchensee bezaubert durch seine landwirtschaftliche Schönheit. Dort in der Abgelegenheit zu wohnen, kann aber auch mit praktischen Herausforderungen verbunden sein - vor allem wenn man krank ist und kein Auto hat, so wie Eberhard K. (Name geändert). © Andreas Steppan

Trotz einer Reihe schwerer Diagnosen: Eberhard K. (60) aus Walchensee kämpfte um seine Gesundheit. Doch dann raubte ihm die Wohnungskündigung die Kraft.

Walchensee – „Bis zu meinem Unfall hatte ich ein schönes Leben“, sagt Eberhard K. (Name geändert). Mit viel Freude und Elan übte der heute 60-Jährige seinen Beruf als Koch aus. „Ich habe gut verdient, und wenn es mal später wurde, hat mir das nichts ausgemacht“, sagt er.

An seiner Wohnlage in einem Apartment am Walchensee konnte er die landschaftliche Schönheit genießen. Mit einem Mal aber machte die Gesundheit nicht mehr mit, eine niederschmetternde Diagnose folgte auf die nächste. Mitten im Kampf um ein selbstständiges Leben zog ihm nun die Wohnungskündigung den Boden unter den Füßen weg.

Walchensee: Als sich Eberhard K. die Hüfte bricht, beginnt sein Leidensweg

Die medizinischen Probleme begannen für Eberhard K. 2016, wie er im Gespräch mit dem Tölzer Kurier berichtet. „Beim Renovieren habe ich mir die linke Hüfte gebrochen“, sagt er. Nach Operation, Krankenhausaufenthalt und Reha trat er wieder zum Dienst an – aber nur für genau einen Tag. „Dann konnte ich wieder nicht mehr laufen.“ K. musste ein zweites Mal operiert werden.

Mit der Aktion „Leser helfen helfen“ werden im Landkreis Menschen in Not unterstützt.
Mit der Aktion „Leser helfen helfen“ werden im Landkreis Menschen in Not unterstützt. © TK

Als die Ärzte ihn ihm Zuge der Klinik-Aufenthalte durchcheckten, diagnostizierten sie alarmierende Blutwerte. K., so stellten die Mediziner fest, leidet an Diabetes Typ 2. Mittlerweile spürt er die Folgen der Krankheit. „Ich habe in beiden Füßen Nervenschäden und kein Gefühl mehr darin“, sagt er. „Im Volksmund nennt man das Diabetikerfuß.“

Niederschmetternde Diagnosen: Arzt stellt bei Mann zusätzlich Parkinson fest

Inzwischen reiche die Taubheit bis hinauf in den Unterschenkel. Weil Eberhard K. zusätzlich unter starken Schmerzen litt, wurde er weiteruntersucht. Eine Computertomografie brachte einen Bandscheibenvorfall ans Licht, und dass „beide Schultergelenke total abgenutzt sind“, wie er sagt. „Ich kann die Arme nicht über den Kopf heben.“ Als ob das alles noch nicht genug wäre, stellte der Neurologe zusätzlich eine Parkinson-Erkrankung im Anfangsstadium fest.

Trotz aller Rückschläge nahm K. den Kampf auf, bewahrte sich, so gut es ging, seine positive Art. Die Widrigkeiten aber sind beträchtlich. Denn so schön es in Walchensee ist, so viele praktische Probleme kann der Alltag dort mit sich bringen, speziell wenn man krank ist und kein Auto hat.

Um Lebensmittel einzukaufen, zum Arzt zu gehen oder die dringend benötigten Medikamente aus der Apotheke zu holen, muss K. lange Fahrten mit dem Bus auf sich nehmen, entweder nach Garmisch-Partenkirchen, nach Kochel oder Krün. Das kostet nicht nur Zeit und Kraft, sondern geht auch ins Geld. 10,60 Euro muss er allein für eine Tageskarte berappen, mit der er zum Supermarkt nach Garmisch und zurück fahren kann.

Das ist ein Betrag, der für K. ins Gewicht fällt. Denn seit er nicht mehr arbeiten kann, ist er in Hartz IV abgerutscht. Der anstehende Wechsel in die Berufsunfähigkeitsrente wird ihm finanziell auch keine Verbesserung bringen. „Ich habe gelernt, mit eiserner Disziplin mit dem Geld auszukommen“, sagt er.

Walchensee: Wohnungskündigung wirft Schwerkranken aus der Bahn

Aufgrund der vielen Medikamentenzuzahlungen und der Ausgaben für den ÖPNV weiß er mittlerweile trotzdem oft nicht, wie er durch den Monat kommen soll. Das Guthaben für sein Handy aufzuladen, ist da nur eine von vielen Herausforderungen. „Und zur Tafel nach Kochel kann ich nicht gehen. Zu den Ausgabezeiten fährt kein dorthin Bus.“

Was K. nach eigenen Worten aber erst richtig aus der Bahn geworfen hat, war die Wohnungskündigung. 50 Briefe hat er seither geschrieben, an Gemeinden, Wohnungsbaugesellschaften, Hauseigentümer. Alle mit der Hand, was ihm zunehmend schwer fällt. K. würde sich eine elektrische Schreibmaschine wünschen. Aber so etwas ist heute kaum noch zu finden, und wenn, dann zu Preisen, die für K. unerschwinglich sind.

Mann im Oberland auf Wohnungssuche - „Alles was ich gemacht habe, ist schief gegangen“

„Alles, was ich gemacht habe, ist schief gegangen“, sagt er heute niedergeschlagen. Im Sozialamt ist er in der höchsten Priorität als Berechtigter für eine Sozialwohnung eingestuft. Allein: In der ganzen Region ist einfach nichts zu haben. „Manchmal wache ich um 3 Uhr nachts auf und frage mich: Unter welcher Brücke wirst du schlafen?“, sagt K. Die Ungewissheit raubt ihm immer mehr die Kraft, für seine Gesundheit zu kämpfen. „Eigentlich war ich auf einem guten Weg“, sagt er. „Aber beim letzten Mal war meine Ärztin gar nicht mehr zufrieden.“

Wer für unsere Aktion „Leser helfen helfen“ spenden möchte, dann das unter folgenden Spendenkonten tun:

DE29 7016 9598 0000 1010 10 (Raiffesenbank im Oberland) sowie DE34 7005 4306 0054 0054 00 (Sparkasse Bad Tölz Wolfratshausen). Prinzipiell wandern alle Spenden in einen großen Topf - doch wer konkret für den oben beschriebenen Fall spenden möchte, kann dies mit dem Betreff „Eberhard K. Walchensee“ tun.

Anmerkung der Redaktion: Elektrische Schreibmaschinen werden nicht mehr benötigt, es wurden der Redaktion bereits fünf Stück angeboten.

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