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60 Springer tauchten am Mittwoch in den Kochelsee ein.

Wasserspringen am Kochelsee

Bundeswehrübung: Immer auf dem Sprung

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Kochel am See - Zahlreiche Schaulustige verfolgten am Mittwoch vom Ufer aus das Wasserspringen am Kochelsee. Runde um Runde drehte die Transall über dem See. Der Absprung erfolgte in etwa 400 Metern Höhe. Auch am Donnerstag kann man das Fallschirm-Spektakel noch einmal erleben.

Was wir hier machen, ist das Notverfahren Wasserlandung. Normalerweise landen wir nämlich eher nicht im Wasser“, erklärt Oberstleutnant Michael März von der IX. Inspektion Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport in Altenstadt, den Zuschauern am Ufer. „Es gibt auch noch das Notverfahren Baumlandung. Das brauchen wir heute hoffentlich nicht. Das üben wir ein anderes Mal“, scherzt März.

Ansonsten liefert er dem Publikum die wichtigsten Fakten. An Bord der C160 Transall – gestartet in Penzing – sind 60 Springer, darunter ein Zwei-Sterne-General. Bei einer Geschwindigkeit von rund 230 km/h und einer Höhe von 400 Metern wird gesprungen – jeweils sechs Soldaten gleichzeitig. „Für jeden Springer müssen wir ein Boot im Wasser haben“, erklärt März. Unterstützung gibt es dabei vom Pionierbataillon 1 aus dem österreichischen Villach. Gerade werden die ersten tropfnassen Soldaten ans Ufer gebracht. „Hat was, oder?“, sagt der Oberstleutnant zu einem seiner Männer, der den zusammengerollten Fallschirm gerade zur Abgabestelle trägt.

Vier Minuten dauert es, bis die Transall die Schleife über dem See gedreht hat und wieder anfliegt. „Das ist zwischen den Bergen schon anspruchsvoll“, sagt März. Und die engen Kurven schlagen auch dem einen oder anderen auf den Magen. Schließlich sitzen manche seit fast zwei Stunden in der heißen Maschine und drehen Runde um Runde. „Bislang hat sich aber nur einer übergeben“, meldet Hauptmann Erwin Weber.

Während die Zuschauer beobachten, wie die Männer an den grünen Schirmen sanft Richtung Wasseroberfläche schweben, wird etwas abseits gefachsimpelt. „Das ist immer interessant, dabei zuzuschauen“, sagt Heinz Kreikenbaum aus Schrobenhausen. 1968 hat der Oberstabsfeldwebel in Ruhestand seinen ersten Sprung absolviert. 606 waren es am Ende. „Es ist nie etwas schiefgegangen. Ich hatte immer Glück.“ Auch sein Vater sei schon Fallschirmspringer gewesen. „Und mein Sohn ist es auch“, erzählt er. Vor vier Jahren ist Kreikenbaum das letzte Mal gesprungen, Bandscheibenprobleme zwangen ihn zum Aufhören. Vermisst er das Springen, wenn er dabei zuschaut. „Ja, sicher“, sagt er und lächelt.

Mehr als 1500 Sprünge hat Xaver Klein aus Großweil absolviert. „Am 22. Dezember 1962 hab’ ich den ersten gemacht. Es war saukalt.“ 35 Jahre war er Soldat, viele Jahre davon Beauftragter fürs Freifallspringen der Brigade 25 in Calw und schied als Hauptmann aus. „Es ist natürlich toll, wenn das Hobby gleichzeitig der Beruf ist.“ Auch Klein hat seine Leidenschaft in der Familie weitergegeben. Den ersten Sprung seines Sohns hat er mit ihm gemeinsam absolviert. „In der Maschine saß noch ein Oberst, der auch seinen Sohn begleitet hat. Dann sind erst die Söhne gesprungen und dann die Papis.“

Eher nichts mit Springen am Hut hat Dieter H. Kellein aus Kochel am See. „Freiwillig steigt ein Pilot nicht aus“, sagt er und lacht. Der Kochler (76) trat 1961 in die Luftwaffe ein und war unter anderem Kommodore des Lufttransportgeschwaders 61 in Penzing. Eigentlich habe er ja Arzt werden wollen, berichtet der Brigadegeneral a.D. Dass er dann doch die Pilotenlaufbahn einschlug, „hat mir am Ende das Leben gerettet“, sagt Kellein und erzählt die Geschichte dazu. Jedes Jahr habe er sich als Pilot komplett durchchecken lassen müssen. Bei einer dieser Untersuchungen entdeckte der Arzt ein schweres Herzproblem. „48 Stunden später wurde ich operiert. Der Arzt hat mir später gesagt, dass meine Lebenserwartung ohne die OP bei drei bis sechs Wochen gewesen und ich einfach tot umgefallen wäre.“ Zweieinhalb Jahre nach der Operation saß Kellein wieder auf dem Pilotensitz.

Eher um das Innenleben der Transall kümmerte sich Josef Schröferl, 2. Vorstand des Veteranenvereins Kochel am See, während seiner Zeit beim Lufttransportgeschwaders 61. Mitfliegen gehörte aber auch dazu. „Einmal hat mich der Kapitän für ein paar Minuten an den Steuerknüppel gelassen. Er hat gesagt: Fliegen ist einfacher als Radfahren“, erzählt Schröferl.

Seinen ersten Einsatz hatte er an diesem Mittwoch schon in der Früh. Wie jedes Jahr begann das Springen nämlich mit einem Appell und einer Gedenkminute am Kreuz, das am Kochelseeufer steht. Es erinnert an einen tödlichen Unfall 1994. „Eine Windböe hat damals einen Springer abgetrieben. Vielleicht hatte er Angst, dass er in die Stromleitung gerät. Jedenfalls hat er den Schirm in 30 Metern Höhe ausgeklinkt“, erinnert sich Schröferl. Der Soldat schlug flach auf dem Wasser auf und erlag später seinen schweren Verletzungen. Bei der Gedenkminuten spielt Schröferl nun jedes Jahr „Ich hatt’ einen Kameraden“ auf dem Horn.

Ganz begeistert vom Springen ist Veteranenvorstand Josef Scheifler. „Es gibt keinen besseren Platz dafür als hier“, sagt er und blickt in den blauen Himmel, den nur ein paar weiße Schäfchenwolken bevölkern. Dabei hatte es zuletzt gar nicht so gut für die seit fast 30 Jahren bestehenden Verbindungen nach Altenstadt ausgeschaut. Im Zuge der Einsparmaßnahmen bei der Bundeswehr war die frühere Luftlande- und Lufttransportschule nämlich aufgelöst worden. Damit endete auch die Partnerschaft mit der III. Inspektion. „Aber jetzt bin ich wieder ganz zuversichtlich, dass es weitergeht.“ Noch am Mittwochabend wurde beim gemeinsamen Fest in Altjoch die Patenschaft nämlich erneuert – nun eben mit der IX. Inspektion.

Während die Veteranen am Ufer erzählen, beendet die Transall gerade ihre finale Runde über dem See. Die letzten Springer nähern sich der Wasseroberfläche. „Ich bin voll zufrieden. Besser geht’s nicht“, sagt Oberstleutnant März. Das Interesse der Bevölkerung sei schön – genauso wie die Unterstützung durch den Veteranenverein. „Die sind sowas von motiviert“, lobt er.

Auch die Springer fühlen sich wohl am Kochelsee. „Alle haben gesagt, dass es super war“, sagt Hauptmann Weber. Am Donnerstag ab etwa 10 Uhr müssen alle noch einmal ran. Übrigens: Die Springer, die am Mittwoch am längsten in der Transall ausharren und die meisten Kurven durchstehen mussten, dürfen dann als erste springen. 

Wasserspringen der Bundeswehr am Kochelsee

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