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Das rote Klebeband: Bei der Fahndung nach allen Käufern des Bandes meinte die Kripo einmal, den Täter zu haben, weil er flüchtete. Der vermeintliche Sex-Verbrecher war aber keiner, er hatte das Band „nur“ gestohlen. 

10 Jahre Kriminalfall Leitenberg – Folge 9

Vergewaltigung am Brauneck: Fersengeld fürs Klebeband

Lenggries - Zehn Jahre Fahndung nach dem Brauneck-Sextäter. Da kam es für die Fahnder auch zu kuriosen und merkwürdigen Situationen, die trotz des ernsten Hintergrunds sogar komische Züge trugen.

Im Frühjahr 2007, ein Vierteljahr nach der Leitenberg-Tat, wurde eine Skifahrerin an der Brauneck-Talstation von einem Mann angesprochen, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von der Polizei ausgegebenen Phantombild des Leitenberg-Täters hatte. Der Mann war nett und freundlich und bot der Urlauberin an, sie im Auto mitzunehmen, was sie tatsächlich annahm. Ein großer Fehler, wie sie sich kurz darauf sagte, als der Fahrer ein paar eher plumpe Anmachsprüche riss und auf dem vermeintlichen Heimweg in den Ort noch einen kurzen Abstecher zu einem Holzerplatz am Brauneck-Fuße machte.

Die Frau, die den Leitenberg-Fall kannte, stand Todesängste aus und alarmierte, als der Mann sie dann doch wie ausgemacht abgesetzt hatte, umgehend die Polizei. Sie wusste sogar ein Teilkennzeichen des Autos, was zu einer sofortigen umfangreichen Fahndung der Kripo Weilheim führte.

In einer, so sagt es Kripochef Markus Deindl, „sehr arbeitsintensiven Aktion der zivilen Einsatzgruppe“ konnte der Mann tatsächlich ausfindig gemacht werden. Nicht nur die DNA-Speichelprobe verriet dann, dass der Mann völlig unschuldig war.

Im Zusammenhang mit dem roten Klebeband weiß der Kriminaloberrat von einem weiteren Aha-Moment zu berichten, „wo wir glaubten, jetzt haben wir ihn“. Bekanntermaßen war das vom Brauneck-Täter verwendete Klebeband nur in einer Charge von 10 000 Exemplaren hergestellt worden. 9500 hatte die Polizei nachverfolgen können. Sie war dabei auf das Problem gestoßen, dass manche Installationsfirmen auch schwarz arbeiteten oder Mitarbeiter die Klebebänder für eigene Zwecke abzweigten.

Mitten in der Nacht bekam die Kripo Weilheim einen Anruf aus dem Schwäbischen, dass man den Leitenberg-Täter nun wohl gefunden habe. Der Chef einer Installationsfirma, bei dem die Polizei wegen der Bänder vorstellig geworden war, hatte seinen Bestand überprüft und daraufhin einen Mitarbeiter gefragt, was er mit den Klebebändern gemacht habe. Der gab nicht nur keine Antwort, sondern er flüchtete. Da er optisch dem Phantombild nicht unähnlich war, ging die Polizei davon aus, dass man einen Treffer gelandet habe.

Das Lächeln von Markus Deindl ist etwas schief, als er die Auflösung der Geschichte erzählt. „Der Mann hatte die Bänder gestohlen und gemeint, der Chef sei ihm auf die Schliche gekommen. Deshalb war er abgehauen. Er war es aber nicht.“

Es gab bemerkenswerte Zeugenhinweise. Viermal meldeten sich allein Bürger bei der Polizei und sagten: „Ich habe einen Mieter, der einen Rucksack besitzt, in dem ich ein rotes Klebeband gesehen habe.“ Einer wollte sogar noch Handschellen erspäht haben. Die Überprüfungen verliefen durchwegs im Sand, wobei es Deindl an der Stelle wichtig ist, das Prozedere zu erklären. Bei jedem Hinweis bei einer x-beliebigen Polizeidienststelle erhält der Hinweisgeber auch einen Rückruf von der Kripo Weilheim, die nochmals nachhakt. Eine Bewertung oder gar ein Ermittlungsergebnis wird der Hinweisgeber im Nachhinein schon aus datenschutzrechtlichen Gründen aber „nie bekommen“.

Es gibt, so Kriminaloberrat Deindl, „nur eine Ausnahme: Wenn der Hinweis zur Ergreifung des Täters führt. Dann stehen wir mit einem Blumenstrauß und Kuvert mit der Belohnung (3000 Euro) vor der Tür.“

Unter den insgesamt fast 10 000 Hinweisen gab es auch nicht wenige skurrile Zeugenaussagen. Da meldeten sich Frauen bei der Polizei, die unsicher über ihren neuen Lebenspartner waren und sich eine klammheimliche Überprüfung wünschten. Und es gab Menschen, die Vergnügen daran hatten, das längst überholte Phantombild mit ihrem kompletten Lebensumfeld abzugleichen und die Polizei darauf anzusetzen.

Der 50-jährige Polizist erinnert sich kopfschüttelnd an einen Mann, der gleich drei Leute aus seinem Bekanntenkreis angezeigt hat. „Nach der ersten Überprüfung, hat er gesagt: ,Dann muass’ der sei. Do bin ich mia jetzt ganz sicher.‘“ Natürlich war es keiner. Deindl staunt immer noch: „Der Mann hat seinen ganzen Bekanntenkreis geopfert, weil die sich natürlich denken konnten, aus welcher Richtung das gekommen ist.“ Christoph Schnitzer

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