Viele Stunden vor dem PC investierte Adelheid Dreistein (67) aus Lenggries in die Mitarbeit am deutschlandweiten Bürgerrat. Aus der intensiven Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel zog sie auch Rückschlüsse für ihr persönliches Leben.
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Viele Stunden vor dem PC investierte Adelheid Dreistein (67) aus Lenggries in die Mitarbeit am deutschlandweiten Bürgerrat. Aus der intensiven Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel zog sie auch Rückschlüsse für ihr persönliches Leben.

Meinungsbild der Bürger

Bürgerrat: Adelheid Dreistein aus Lenggries wirkt an Empfehlungen zur Klimapolitik mit

  • Andreas Steppan
    VonAndreas Steppan
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Zur Begrenzung der Erderwärmung müssen viel weitergehende Maßnahmen ergriffen werden, als sie bisher diskutiert werden. Das empfiehlt ein deutschlandweiter „Bürgerrat“, an dem auch eine Lenggrieserin beteiligt war.

Lenggries – Es begann mit einem ungebetenen Anruf. Adelheid Dreistein aus Lenggries wollte eigentlich gleich wieder auflegen. Sie tat es nicht. Und heute ist sie froh darüber. Denn auf diese Weise wurde die 67-Jährige Teil eines ungewöhnlichen Projekts. Als eines von deutschlandweit 160 Mitgliedern eines „Bürgerrats“ wirkte sie an einem Katalog an Empfehlungen für die deutsche Klimapolitik mit.

Auch wenn sie eher pessimistisch ist, ob diese Ratschläge auch umgesetzt werden: Ihr selbst hat die Teilnahme viele Erkenntnisse gebracht – und sie zu Klimaschutz-Maßnahmen im privaten Bereich motiviert.

Im „Bürgerrat Klima“ redet ein Querschnitt der deutschen Bevölkerung mit

Die beste Klimapolitik nutzt nichts, wenn die Menschen nicht mitmachen. Vor diesem Hintergrund hat die Initiative „Bürgerrat Klima“ unter Schirmherrschaft des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler ein Forum einberufen, in dem ein Querschnitt der Bevölkerung aus seinen verschiedenen Lebenswirklichkeiten heraus Empfehlungen zum Klimaschutz entwickeln sollte.

Anfangs wurden einige tausend zufällig ausgewählte Personen zu Hause angerufen. „Ich dachte zuerst, da will mir mal wieder jemand was verkaufen“, sagt die Lenggrieserin Adelheid Dreistein, bei der Anfang des Jahres ebenfalls das Telefon klingelte. Dann aber ließ sie sich doch auf das Gespräch ein, bekam Informationsmaterial zugeschickt – und wurde zu einer von 1600 Personen, die Interesse bekundeten, am Klimarat teilzunehmen. Aus diesem Kreis, so berichtet sie, sei schließlich ein repräsentativer Kreis von 160 Bürgerinnen und Bürgern zusammengestellt worden, der schließlich den Bürgerrat bildete.

„Willst du deiner Enkelin weiter in die Augen schauen? Dann tu‘s!“

Warum sie mitmachte? Schon während des Biologie-Studiums in Köln in der 1970er- und 80er-Jahren „haben wir uns über Themen wie saurer Regen, Waldsterben und Smog die Köpfe heiß geredet“, sagt sie. „Aber nichts ist passiert.“ Nun aber wollte Adelheid Dreistein noch einmal die Möglichkeit nutzen mitzureden. „Ich habe mir gesagt: Du hast eine Enkeltochter. Willst du ihr weiter in die Augen schauen können? Dann tu’s!“

Dieses Tun bedeutete für die Ruheständlerin am Ende reichlich Zeit- und Kraftaufwand. Der Bürgerrat tagte zwischen April und Juni zwölfmal in Online-Sitzungen. „An vier Samstagen ging es von morgens bis abends, dazu mittwochs von 18 bis 21 Uhr“, berichtet sie.

Im „Bürgerrat Klima“ sind auch Vertreter der Null-Bock-Generation mit dabei

Die Gruppe sei bunt gemischt gewesen. Adelheid Dreistein selbst brachte von vorneherein eine Affinität zu Umweltthemen mit – „als Biologin lese ich Lehrbücher wie Krimis und bin es gewohnt, auf die harten Fakten des Lebens zu stoßen“, sagt sie. Doch bei Weitem, nicht jeder hatte zuvor etwas mit dem Klimaschutz am Hut. „Es waren zum Beispiel auch Hartz-IV-Empfänger, Mütter mit Kindern oder Menschen mit Migrationshintergrund dabei, die sprachlich nicht so versiert sind“, berichtet Dreistein. „Und auch Vertreter der Null-Bock-Generation“. Es sei die große Kunst der Moderatoren gewesen, dass alle ihre Perspektiven einbringen konnten und am Ende sachgerecht mitdiskutierten. „Komischerweise ist auch niemand ausgestiegen.“

Zu den Treffen gehörten Gespräche „mit der Crème de la Crème der Klimaforschung“, berichtet Dreistein. Zum intensiveren Diskutieren wurden die Teilnehmer auf die vier Handlungsfelder Energie, Mobilität, Landwirtschaft und Ernährung aufgeteilt, und dort wiederum sprachen sie konkreter in kleinen Tischgruppen weiter und formulierten ihre klimapolitischen Empfehlungen. „Bei allen Fragen standen uns Faktenchecker zur Verfügung, die zum Beispiel rechtliche Aspekte erklärten, ohne die Meinungsbildung zu beeinflussen.“

„Auch wer im Gemeinderat sitzt, sollte sich Klimabildung aneignen“

Begeistert ist Adelheid Dreistein, wie viel Wissen alle Teilnehmer aus den Runden mitgenommen haben. „Da hat man immer wieder gesagt: Hoppla, da hab ich falsch gelegen.“ Eine solche Grundlage würde sie jedem empfehlen, der politische Entscheidungen trifft. „Auch wer im Gemeinderat sitzt, sollte sich Klimabildung aneignen, um zum Wohl der Gemeinde abstimmen zu können.“

Enttäuscht war Adelheid Dreistein allein von einer Zuschaltung der klimapolitischen Sprecher der Parteien. „Da wurde schon viel auf Wahlkampf gemacht, das war ein Armutszeugnis.“

Über die einzelnen Empfehlungen stimmten die 160 Bürger am Ende ab – und verabschiedeten sie meist mit überwältigender Mehrheit. Und das, obwohl die Maßnahmen weit über das hinausgehen, was sonst politisch auf dem Weg ist.

Forderung: Zwei Prozent der Fläche für klimaneutrale Energiegewinnung nutzen

Im Bereich Energie, in dem auch Adelheid Dreistein mitarbeitete, lautet eine Forderung, dass zwei Prozent der Fläche der Bundesrepublik für die klimaneutrale Energiegewinnung genutzt werden. „Außerdem sollten die Bauordnungen der Gemeinden sich so ändern, dass die Häuser so ausgerichtet sein müssen, dass sie ideal zur Solarstromgewinnung auf dem Dach stehen.“

Kohleausstieg 2030, sozial gerechte CO2-Bepreisung, Wegfall der 10-H-Regel für Windräder, Nord-Süd-Stromtrassen entlang der Autobahnen, Tierhaltung um 50 Prozent reduzieren: Die Liste der Empfehlungen des Bürgerrats ist lang. „Wenn die Politik sich alles zu Herzen nehmen und umsetzen würde, könnten wir es schaffen, das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, für die Bundesrepublik erreichen“, sagt die 67-Jährige. „Jeder Schritt, den wir nicht tun, hat einige Zehntel- oder Hundertstel-Grad mehr zur Folge – und das führt dazu, dass der Ast, auf dem wir sitzen, weiter abknickt.“

Forderungen des Bürgerrats werden an neue Bundesregierung übergeben

Wirklich zuversichtlich, dass die Politik den Empfehlungen der Bürger folgt, ist Adelheid Dreistein nicht. „Viele kleine Schritte könnten viel ändern – aber ich sehe sie nicht.“ Positiv stimmt sie an ihrer Bürgerrat-Erfahrung die Erkenntnis: „Die Kreativität der Menschen ist groß, sie muss nur angesprochen werden.“ Und: „Die Industrie ist in vielen Bereichen weiter, als man denkt.“

Nach der Bundestagswahl sollen die Empfehlungen des Bürgerrats an die neue Bundesregierung überreicht werden. Für sich selbst haben sich Adelheid Dreistein und ihr Mann Jürgen – bekannt als ein Initiator der Lenggrieser Kunstwoche – vorgenommen, sich eine Fotovoltaikanlage aufs Dach zu bauen. Und sie wollen so bald wie möglich vom Diesel auf ein Elektroauto umsteigen.

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