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Gruppenbild der AVO-Versammlung

Almbauern sagen Wolf den Kampf an

Der Wolf war das beherrschende Thema kürzlich bei der Versammlung der Almbauern. Denn die Sorge vor der Rudelbildung wächst.

Lenggries Die Meldungen über Wolfs-Sichtungen werden häufiger, die Sorgen der Almbauern über eine vielleicht schon bald bevorstehende feste Ansiedelung und Rudelbildung in den hiesigen Bergen zunehmend größer. Bei der traditionellen Almbauernversammlung des Almbezirks Bad Tölz im Lenggrieser „Wieserwirt“ war der Wolf wesentliches Thema.

„Wenn es zu einer Rudelbildung kommt, dann sind nicht nur in erster Linie Schafe als Beute betroffen, sondern auch unsere Rinder“, stellte Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO), fest. Der AVO habe schon frühzeitig Stellung bezogen und für wolfsfreie Zonen plädiert – „denn Almwirtschaft und der Wolf passen nicht zusammen.“

Der anerkannte Wildbiologe Professor Wolfgang Schröder habe die Aussage getroffen, dass der Alpenraum allein mit seiner dichten Besiedelung und starkem Tourismus als Lebensraum für Wölfe nicht geeignet sei. Von Wolfsbefürwortern sei dem AVO oft entgegengehalten worden, die Bauern müssten nur wollen, dann sei wie auch in anderen Wolfsgebieten ein „Miteinander“ durchaus möglich. Der Almbauernverein blieb nicht untätig und knüpfte diverse Kontakte im In- und Ausland zum Erfahrungsaustausch mit betroffenen Bauern. Mairs Resümee: „Das Miteinander funktioniert nirgends.“

Das Wolfsmanagement in Spanien hat zuletzt bei einer mehrtägigen Exkursion Brigitta Regauer, die Wolfsbeauftragte des AVO, erkundet. Regauer ist selbst betroffene Almbäuerin: Auf der Rotwand wurden 2010 von einem Wolf auf Beutetour sieben ihrer Schafe gerissen, zwei sind verschwunden, ein zweijähriges Rind ist in derselben Nacht abgestürzt. Die stets angepriesene Sicherung der Schafsherden durch Zäune und Hunde sei in vielen Fällen im Berggebiet praktisch nicht durchführbar, so Regauer. Die Zäune müssen eingegraben werden, die Höhe von 1,40 Meter reiche nicht aus. Wolfsrudel seien imstande, Zäune und Hunde zu überwinden. Allein schon die Haltung der Schutzhunde, die oft der Kategorie der Kampfhunde angehören, sei nicht einfach und nicht unbedingt verträglich mit Bergwanderern und Mountainbikern. „Und so ein Schutzhund verteidigt nur seine Herde, mit der er vertraut ist. Für die Schafe des Nachbarn fühlt er sich nicht zuständig.“

Laut den Erfahrungen der spanischen Almbauern könne ein Hund bei der Anwesenheit eines Wolfes etwa 120 Schafe beschützen. Sei ein Wolfs-Paar in der Gegend, brauche man zwei Hunde. Je mehr Wald und Büsche den Wölfen Deckung geben, umso mehr Hunde seien erforderlich. Mit der Stille in den Bergen sei es dann vorbei.

Nicht erbaulich stimmte die Isarwinkler Almbauern Regauers Schilderung einer gewissen Taktik der spanischen Bauern: Um den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen, beschicken sie ihre Hochlagen auch mit hochträchtigen Pferden, die dort oben ihre Fohlen zur Welt bringen. Diese Fohlen haben nur geringen Geldwert und werden deshalb dem Wolf sozusagen als Nahrung „angeboten“ in der Hoffnung, dass dann weniger Schafe und Rinder zur Beute werden.

Generell stehe fest, dass bei Schutzmaßnahmen eines einzelnen Bauern der Wolf die benachbarten Gebiete ins Visier nimmt – „aber jeder Bauer soll selbst entscheiden, wie er mit dem Problem umgeht.“ Entschädigungen für Risse gibt es nur bei vorhandenem Schutz und genetischem Nachweis des Verursachers. In Spanien sei erkennbar, wo der Wolfsdruck stärker ist: „Die Almbauern haben sich dort zurückgezogen, die Landschaft ist verbuscht mit Ginster“, so Regauers Bericht. Mit einer ähnlichen Entwicklung müsse man auch hier rechnen. „Viele der kleinen Bauernhöfe werden sich diesen zusätzlichen Arbeits- und Zeitaufwand sowie die Unwägbarkeit nicht mehr antun wollen und ihren Betrieb zusperren.“

Warum der Wolf bei den Städtern so viele Freunde hat? „Er vermittelt wohl ein Gefühl von Natur und Freiheit, von dem viele Stadtbewohner heute träumen“, meinte Regauer. Die Bauern würden von der Politik im Stich gelassen: „Die Politiker trauen sich nicht, die Emotionen der Leute durch vernunft-orientierte Entscheidungen zu zerstören, denn das könnte Wählerstimmen kosten.“ Ebenso wollten auch die Medien die emotionale Ebene nicht verlassen. Die Almbauern dagegen fordern einen sachlich fundierten Abwägungsprozess zur Frage, was langfristig der Artenvielfalt zuträglicher ist: die Beheimatung von Wölfen oder eine Fortführung der Beweidung und Freihaltung der Almflächen und damit der Erhalt kleiner Bauernhöfe. Rosi Bauer

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