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Zeitung „hören“ per E-Paper: Für Markus Ertl ist das inzwischen selbstverständliche Lebensqualität.

Markus Ertl im Portrait 

Als Inklusions-Botschafter Barrieren abbauen

Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung: Das ist längst nicht nur das rollstuhlgerechte Hotelzimmer. Dieses deutlich zu machen, hat sich Markus Ertl auf die Fahnen geschrieben. Er ist blind und kämpft als „Inklusions-Botschafter“ vor allem für einen Abbau der Hürden in der digitalen Welt.

Lenggries – Seit vier Jahren ist der 44-jährige Personalentwickler bei der Sparkasse nun erblindet. Früher war er stellvertretender Geschäftsstellenleiter und war trotz Seheinschränkungen im Kundengeschäft tätig. „Das war meine Welt. Da fühlte ich mich wohl.“

Der groß gewachsene ruhige Mann beschreibt sehr eindringlich, wie sich sein Leben mit der Erblindung plötzlich änderte. Mit dem Blindenstock sei auch eine Stigmatisierung einhergegangen. Für ihn, der auch heute noch größten Wert auf ein selbstbestimmtes Leben legt, ist diese Stigmatisierung die Triebfeder dafür, die Gesellschaft dazu zu bewegen, Menschen mit Behinderung mehr in ihre Mitte zu holen.

Das nennt man Inklusion, und sie „ist keine Einbahnstraße“, sagt Ertl. Er hat ein schönes Beispiel dafür parat: die Körpersprache. Sie sei extrem wichtig in Gesprächen. Als jemand, der die sehende Welt noch kennengelernt habe, habe er sich ein selbstbewusstes Auftreten bewahrt. Hinzu komme aber noch die verfeinerte Sensorik des Blinden. „Stimme, Atmung, Bewegung des Gegenübers fließen in die Wahrnehmung mit ein.“ Für einen Personalcoach und Referenten ein Erfahrungskapital, das er seinen Zuhörern und „Trainees“ mitgeben kann. „Menschen mit Behinderung geben auch etwas zurück.“

Apropos Körpersprache. Ertl hat sich einmal beim Oktoberfest von betrunkenen Neonazis anpöbeln lassen müssen. Nur durch das couragierte Eingreifen einer Frau ging das glimpflich aus, ist er heute noch überzeugt. Der frühere Judoka nahm daraufhin einen speziellen Selbstverteidigungskurs, der ihm die Gewissheit gab, sich im Notfall wehren und dies vorab auch durch sein Auftreten signalisieren zu können.

Der Lenggrieser weiß genau, dass er dicke Bretter bohren muss. Im Herbst ist Markus Ertl vom „Interessenverband Selbstbestimmt Leben“ (ISL) zu einem vom 44 deutschen Inklusions-Botschaftern berufen worden. Er arbeitet seitdem ehrenamtlich an einem Projekt, dass sich mit einer barrierefreien digitalen Welt beschäftigt.

Was das ist? Ertl erzählt, wie es ihm bei Vortragsreisen öfters in Hotels ergeht. Da bekomme er sogar mit einem gewissen Stolz das Behindertenzimmer zugewiesen. Der Lichtschalter sei in dem Zimmer besonders niedrig und der Spiegel schräg angebracht. „Ich haue mir dann immer den Kopf an“, sagt der 1,88-Meter-Mann mit einem schiefen Lächeln. „Das geht total an meinen Bedürfnissen vorbei.“ Welche das sind, darüber will er aufklären. Zum Beispiel die Bundesregierung, die erst im Dezember ein Bundes-Teilhabe-Gesetz erlassen hat, das Behinderte besser in die Gesellschaft zu integrieren. Soweit die Theorie.

In der Praxis kann Ertl den 380-Seiten-Text zwar – gesprochen – im Internet aufrufen, aber um zu einem bestimmten Passage zurückzuspringen, muss er den ganzen Text wieder vorn vorne starten. So etwas geht auch deutlich nutzerfreundlicher.

Solche Beispiele gibt es viele. Auf Facebook und in den sozialen Medien werden viele interessante Beiträge für Blinde akustisch aufbereitet. Bilder sind angeheftet, werden aber nicht oder schlecht erklärt. Ministerpräsident Seehofer mutiert da schon mal zu „einer Person im Freien“. So richtig ernst genommen fühlt sich Ertl dabei nicht.

Den guten Willen will er dabei niemandem absprechen, wenngleich er bei Verbesserungsvorschlägen so gut wie immer zunächst erst einmal abgewimmelt wird. Man müsse dran bleibe, das koste viel Energie, „aber am Ende passt es“. Wie gesagt: Dicke Bretter bohren.

Ertl hat Unterstützer. Verena Bentele zum Beispiel. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung leitet in Berlin eine Abteilung, in der es eine Schlichtungsstelle für Barrierefreiheit geht. Viele Forderungen Ertls folgen der UN-Behindertenrechtskonvention und besitzen schon oder erlangen in Bälde EU-weit Rechtskraft. Mit dieser Schlichtungsstelle arbeite er gut zusammen, sagt Ertl.

Aber eigentlich stellt sich der zweifache Familienvater als Ziel ein Netzwerk vor, an das sich jedwelche Firma oder Einrichtung freiwillig wendet, um sich in Sachen digitalen Barrierefreiheit beraten zu lassen. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg.

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