+
Im Schutz der Kirche: Pfarrer Huber (re.) und die evangelische Kirchengemeinde Lenggries gewähren Fouad aus dem Nordirak Kirchenasyl.

Kirchenasyl

Lenggrieser Waldkirche: Herberge mit viel Verantwortung

  • schließen

Lenggries - Fouad ist seit fast sechs Monaten im Kirchenasyl in der evangelischen Waldkirche in Lenggries. Eine lange Zeit für den jungen Jesiden, seine Frau, aber auch für die Kirchengemeinde. Die Hoffnung ruht nun auf einem psychiatrischen Gutachten.

Wenn sich Fouad (22) sonntags von seiner Frau Shareen (20) verabschiedet, fließen Tränen. Pfarrer Stefan Huber steht daneben und könnte mit dem Paar weinen. Er bringt Shareen zum Bahnhof, damit sie mit dem Zug zurück nach München fahren kann. Fouad darf nicht mit ihr kommen. Er befindet sich seit 17. Juli im Kirchenasyl (wir berichteten) in Lenggries. Der 22-Jährige zählt die Tage genau mit. Bald sind es sechs Monate, die er getrennt von seiner Frau in der abgeschiedenen Lenggrieser Waldkirche verbringt.

Warum Fouad nur im Kirchenasyl sicher ist, ist für ihn schwer zu verstehen. Er sitzt zum Gespräch mit dem Pfarrer und seiner Frau im Gemeindesaal der Kirche. Die meisten der Jesiden, die er auf seiner Flucht kennengelernt hat, sind inzwischen als Asylbewerber anerkannt. Kaid, der anfangs mit ihm im Lenggrieser Kirchenasyl war, kann sich wieder gefahrlos in München bewegen. Shareen lebt seit 2010 mit ihrer Familie in München.

Nur Fouad soll abgeschoben werden. „Es scheint, als wurde Fouad aus tausenden ausgesucht, bei dem man genau hinschaut und vollzieht, was per Gesetz vorgesehen ist“, erklärt Huber. Der 22-Jährige lässt lieber den Pfarrer für sich sprechen und blickt traurig auf seine gefalteten Hände.

Bei einer Polizeikontrolle droht die Abschiebung nach Bulgarien

Würde der Jeside in eine Polizeikontrolle geraten, müsste er innerhalb von 24 Stunden nach Bulgarien abgeschoben werden. Nach der Dublin III-Verordnung muss ein Flüchtling in den EU-Staat, in dem er zuerst registriert wurde. Fouad saß dort drei Wochen im Gefängnis – laut Huber unter menschenunwürdigen Bedingungen. Dorthin käme der 22-Jährige zurück, weil er Bulgarien unerlaubt verlassen hat.

Die Kirchengemeinde Lenggries will ihn davor bewahren. Leicht ist das nicht. „So hilflos Fouad ist, so hilflos sind wir auch“, sagt Huber. Der Pfarrer sieht sich als Herbergsvater. Tatsächlich ist aber viel mehr zu organisieren, als der Kirchenvorstand gedacht hat, als er dem Kirchenasyl zugestimmt hat. Deswegen haben die Verantwortlichen zwischenzeitlich zwei weitere Anfragen abgelehnt. „Wir haben Verantwortung für Fouad übernommen, und uns belastet, dass es ihm nicht gut geht“, sagt Huber. Manchmal schickt der 22-Jährige dem Pfarrer spätabends eine SMS, in der er sagt, dass er verrückt werde. In der er sich fragt, was er falsch gemacht hat. Fouad geht es aber nicht nur schlecht, weil er nicht versteht, warum ausgerechnet er nicht in Deutschland bleiben darf.

„Fouad braucht Menschen um sich“, sagt Pfarrer Stefan Huber

Er erträgt es auch schwer, alleine zu sein. Doch seine Frau, die er 2015 nach jesidischem Ritual geheiratet hat, kann ihn nur am Wochenende besuchen, weil sie in München in einer Zahnarztpraxis arbeitet. Als Kaid noch im Kirchenasyl war, konnte Shareen ihren Mann aus kulturellen Gründen gar nicht besuchen.

In der abgelegenen Waldkirche gibt es kaum Publikumsverkehr. „Die Lage ist nicht gerade günstig“, sagt Huber. Es gibt zwar viele Ehrenamtliche, die Fouad regelmäßig besuchen und mit ihm Deutsch lernen, aber sie können eben nicht 24 Stunden bei ihm sein. „Er braucht Menschen um sich“, sagt Huber. Fouad sitzt in der Waldkirche und kann nichts tun. Seine Eltern sind währenddessen noch im Nordirak. Sie leben nördlich von Mossul, wo die Gegenoffensive zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ gestartet wurde. Der Krieg ist in vollem Gange. Huber: „Das ist unerträglich für Fouad.“

Der Pfarrer ist vor drei Wochen mit Fouad zu einem Psychiater nach München gefahren. „Er hat ihm nach wenigen Minuten eine Spritze zur Beruhigung angeboten“, berichtet der 50-Jährige. „Das zeigt, wie schlecht es Fouad geht.“ Der Psychiater erstellt ein Gutachten, das der Härtefallkommission vorgelegt werden soll.

Die Kirchengemeinde will damit erreichen, dass das Kirchenasyl nach sechs Monaten beendet werden kann. Sechs Monate dauert üblicherweise die Frist, nach der ein Asylbewerber, der woanders registriert wurde, in Deutschland einen neuen Asylantrag stellen darf. Bei Fouad wurde die Frist aber auf 18 Monate verlängert.

Huber: „Ich bin von meiner Kirche enttäuscht.“

Hintergrund ist, dass der 22-Jährige nach seiner Einreise über Passau in Warngau untergebracht wurde – zusammen mit fünf Irakern, was für ihn schwierig war, da er seine Heimat wegen Muslimen verlassen hat. Fouad verbrachte deswegen viel Zeit bei seiner Frau in München. Da die Behörden ihn in Warngau nicht angetroffen haben, galt er als untergetaucht. Die Konsequenz: Fouad kann 18 Monate lang nach Bulgarien abgeschoben werden.

So lange im Kirchenasyl – Huber kann sich nicht vorstellen, dass Fouad das durchhält. Er brauche ärztliche Hilfe und Menschen um sich. Der Pfarrer ist „von meiner Kirche enttäuscht“, dass die Lenggrieser Kirchengemeinde mit der Verantwortung für Fouad alleinegelassen wird. In der bayerischen Landeskirche gibt es einen Ansprechpartner, der Gemeinden berät, um Kirchenasyl auf den Weg zu bringen. In asylrechtlichen Fragen gibt es laut Huber aber keine Hilfe. „Ich wünsche mir von meiner Kirche, die Kirchenasyl befürwortet, dass sie die Gemeinden in der Beratung stärker unterstützt“, sagt Huber.

Trotz allem ist der Pfarrer froh, Fouad im Juli aufgenommen zu haben. „Es hat dem Kirchenvorstand gezeigt, was wirklich wichtig ist und hat uns zusammengeschweißt.“ Einzelne in der Gemeinde würden sich rührend um den 22-Jährigen kümmern. „Wir wünschen uns, dass Fouad hier wegkann, aber er wird uns fehlen.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Heimatshop Winter Aktion, jetzt Rabatte von bis zu 30% sichern!

<center>Brotzeit-Brettl "Brotzeit"</center>

Brotzeit-Brettl "Brotzeit"

Brotzeit-Brettl "Brotzeit"
<center>Magnet mit Kuhflecken</center>

Magnet mit Kuhflecken

Magnet mit Kuhflecken
<center>Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75</center>

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75

Höfer2 - Silvaner Sekt brut 0,75
<center>Schlüzi mit Masskrug - der Schlüsselüberzieher</center>

Schlüzi mit Masskrug - der Schlüsselüberzieher

Schlüzi mit Masskrug - der Schlüsselüberzieher

Meistgelesene Artikel

Störung bei der BOB
Aufgrund einer Störung im Betriebsablauf fällt die BOB 86833 München  (Hbf ab 18:04 Uhr) zwischen München Hbf und Holzkirchen aus, teilt die BOB über Twitter mit. 
Störung bei der BOB
Vermisste Eva-Maria Disch: Ehemann setzt Belohnung aus
Kochel am See – Noch immer gibt es keine Spur von Eva-Maria Disch. Wie mehrfach berichtet ist die 45-Jährige aus Kochel seit 13. Oktober verschwunden. Nun setzt ihr …
Vermisste Eva-Maria Disch: Ehemann setzt Belohnung aus
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Freitagabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Freitagabend

Kommentare