+
Im Mai 1996 wurde Werner Weindl vom „Alterspräsidenten“ des Gemeinderats, Friedrich Stock, als Bürgermeister vereidigt.

Interview

„Auch ein Bürgermeister ist nur ein Mensch“

  • schließen

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl ist seit 20 Jahren im Amt – so lange wie kein anderer Rathauschef im Landkreis. Ein Gespräch über alte Zeiten und neue Herausforderungen.

Der Lenggrieser Rathauschef Werner Weindl (CSU) ist der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis. Vor genau 20 Jahren wurde der heute 55-Jährige vereidigt. Dafür wurde der zweifache Vater in der Mai-Sitzung des Gemeinderats geehrt. Weindls Stellvertreter Franz Schöttl (CSU) lobte das „Engagement und den Fleiß“ des Bürgermeisters. Weindl sei von Anfang an „nicht in der Kreisklasse, sondern in der Champions League angetreten“. Auch nach 20 Jahren sei sein Tatendrang ungebrochen. Dann überreichte Schöttl im Namen des Gemeinderats ein Geschenk, „das dafür sorgt, dass Sie und Ihre Frau die Seele baumeln lassen können“. 20 Jahre im Amt sind aber auch der passende Moment einmal zurückzublicken und Bilanz zu ziehen – beispielsweise im Interview mit dem Tölzer Kurier.

Herr Weindl, wenn Sie an die vergangenen 20 Jahre als Bürgermeister zurückdenken: Was war das einschneidendste Erlebnis?

Da gibt es mehrere. Ganz einschneidend ist natürlich die erste Wahl zum Bürgermeister. Ab diesem Zeitpunkt führt man insofern ein ganz anderes Leben, weil man Teil der Öffentlichkeit geworden ist. Ein weiteres „Erlebnis“ war die Diskussion über UMTS in Lenggries mit heftigen Angriffen gegen meine Person und gegen meine Kinder. Ein einschneidendes Erlebnis war auch 2004 der Mord an einem Bauhofmitarbeiter. So etwas kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen...

Gibt es irgendeine Entscheidung, die Sie bereuen oder eine Sache, von der Sie sagen: Das hätte ich besser machen können?

Da gibt es im Nachhinein einige Entscheidungen, aber hinterher ist man immer schlauer. Auch Bürgermeister lernen täglich dazu.

Anders herum gefragt: Auf welche Weichenstellungen sind Sie heute noch stolz?

Ich bin froh, dass es gelungen ist, eine Reihe von wichtigen Infrastrukturprojekten umzusetzen, sei es bei den Schulen, der Kinderbetreuung, bei der Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Bücherei, Naturfreibad, Gäste-Info, Jugend- und Seniorentreff, bei der Ortsgestaltung oder vielem mehr. Froh bin ich auch, dass eine Reihe von strategisch wichtigen Grundstücken gekauft werden konnte, wie die Krankenhauswiese oder das ehemalige Bahngelände vom Bahnhofsplatz bis zur Lerchkogelstraße. Dadurch hat man Möglichkeiten für die künftige Entwicklung – beispielsweise beim Kreispflegeheim. Beziehungsweise konnte dadurch die gewerbliche Entwicklung zentrumsnah deutlich verbessert werden. Durch das Setzen von wichtigen Rahmenbedingungen hat sich Lenggries in den letzten Jahren Gott sei Dank sehr positiv im Bereich der Ortsentwicklung und der Wirtschaft entwickelt. Das ist aber überhaupt nicht die alleinige Leistung des Bürgermeisters, dazu braucht man sehr viele Menschen, die an einem Strang ziehen. Das machen die Lenggrieser hervorragend.

Haben Sie Ihre Entscheidung, als Bürgermeister zu kandidieren, jemals bereut?

Nein, nie.

Wie kam es damals eigentlich zu Ihrer Kandidatur? Sie waren mit 35 ja reichlich jung für diesen Job.

Ein höheres Alter ist ja keine Garantie dafür, dass jemand das Amt des Bürgermeisters besser ausübt als ein Junger. Maßgeblich ist der Mensch, seine Leidenschaft für das Amt und sein Engagement. Ich habe 1996 als Bürgermeister kandidiert, weil ich durch meinen Beruf als Bauingenieur sehr eng mit verschiedenen Kommunen im Oberland und in Oberbayern zusammengearbeitet habe. Dadurch bekam ich einen sehr guten Einblick in die Kommunalpolitik, die mich schon immer interessierte. Als ich dann von der CSU gefragt wurde, ob ich als Bürgermeister kandidieren möchte, war für mich nach kurzer Überlegung und Abstimmung mit der Familie die Antwort klar, wohl wissend, dass es ein Seiteneinsteiger am Anfang nicht leicht haben wird.

Vor drei Jahren hatten Sie den Plan gefasst, als Landrat zu kandidieren, dann aber zurückgezogen. Haben Sie es jemals bereut, lieber der Gemeinde Lenggries treu geblieben zu sein?

Diese Entscheidung habe ich nie bereut.

Die aktuelle Amtszeit ist zu einem Drittel vorbei: Was wollen Sie in den übrigen zwei Dritteln noch erreichen?

In Lenggries stehen derzeit viele große Themen an, die ich in den nächsten Jahren zusammen mit dem Gemeinderat und der Verwaltung abarbeiten will: Hochwasserschutz, Umbau vom Hotel „Post“, Umbau der Kläranlage, Bau einer Hackschnitzelheizung mit Fernwärmenetz, Fortführung der Ortsgestaltung, Ausbau der Kinderbetreuung, Weiterentwicklung der Schulen, Entwicklungskonzept für die Kaserne, Breitbandausbau, der Radweg von Leger in die Jachenau und einiges mehr. Die nächsten Jahre werden sicher nicht langweilig.

Kandidieren Sie 2020 noch einmal?

Da gilt das Beckenbauersche Prinzip: Schau’ mer mal…

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten und das, was Sie am Bürgermeister sein am meisten nervt, abschaffen könnten: Was wäre das? (Sie dürfen nicht: „die Presse“ antworten)

So richtig nervt mich eigentlich nichts. Zum Beispiel wäre es aber schön, wenn man nicht mehr bei Nachbarstreitigkeiten schlichten müsste, sondern alle Menschen nach dem guten bayerischen Grundsatz „leben und leben lassen“ verfahren würden. Die Welt – auch in Lenggries – wäre dann viel einfacher.

Hat sich an den Aufgaben oder auch Herausforderungen Ihres Amtes in den vergangenen 20 Jahren eigentlich etwas verändert?

Das Interessante am Bürgermeisteramt ist, dass es immer wieder neue Herausforderungen gibt, so wie derzeit die Unterbringung und Betreuung von Asylbewerbern. Ohne neue Herausforderungen würde mir etwas fehlen. Insofern lebt das Bürgermeisteramt auch von der Veränderung. Allerdings muss man immer darum kämpfen, dass Bund und Land nicht den Kommunen neue Aufgaben zuschieben (wie die Betreuung von Asylbewerbern), ohne ihnen das dafür nötige Geld zu geben. Das ist ein ständiger Kampf. Die größte Veränderung in den letzten 20 Jahren ist aber die rasante Zunahme der Schnelllebigkeit. Diese verdanken wir solchen Konsorten wie Internet, Handy, E-Mail, Whats-App & Co. Von einem Bürgermeister wird heutzutage verlangt, dass er zu jeder Zeit erreichbar ist und auf sämtliche Nachrichten oder Mitteilungen sofort reagiert. Das ist unmöglich. Selbst für einen Bürgermeister muss es eine Zeit ohne Handy und Mails geben. Auch ein Bürgermeister ist nur ein Mensch.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Schwein gehabt: Kinder haben Spaß bei Spielplatz-Einweihung in der Eng
Schwein gehabt: Kinder haben Spaß bei Spielplatz-Einweihung in der Eng
Gleissperrung in Tölz führt zu massiven Zugausfällen
Seit dem frühen Morgen gibt es massive Probleme auf der BOB-Strecke zwischen Lenggries und Schaftlach. Der Grund: Gleis 1 in Bad Tölz wurde aufgrund einer Beschädigung …
Gleissperrung in Tölz führt zu massiven Zugausfällen
Neuer Mast soll Tölz aus Funkloch holen
Der Freistaat arbeitet „mit Hochdruck“ daran, die Digitalfunk-Verbindung für die Rettungsdienste in Bad Tölz zu verbessern. Wie die zuständige „Autorisierte Stelle …
Neuer Mast soll Tölz aus Funkloch holen
Verspätungen bei der BOB
Die Bayerische Oberlandbahn meldet: "Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer Gleissperrung im Bahnhof Bad Tölz verkehren unsere Züge in Richtung Lenggries mit einer …
Verspätungen bei der BOB

Kommentare