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Gipfel-Selfie: Überglücklich sind Georg Pollinger und Begleiter Javier Perez, nachdem sie eine 450 Meter hohe Wand erstbestiegen haben. Pollinger tauft den Gipfel „Torre Mandinga“ – zu Deutsch „Teufelsturm“.

Expedition nach patagonien

Auf dem Turm des Teufels

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Georg Pollinger bestieg unberührte Wände, harrte sechs Tage in einem Zelt in der Wildnis aus und wunderte sich über Puma-Spuren. Nach seiner Patagonien-Expedition sagt er: „Die Ziele sind viel mehr wert, wenn du für sie kämpfen musst.“

Lenggries/Patagonien – Georg Pollinger liegt in einem Zelt, in dem er nicht mal sitzen kann. Sechs Tage lang. Draußen: Wildnis und Dauerregen. Drinnen: Nichts zu lesen, außer der Zeitung vom Flughafen, die er schon sechsmal durchforstet hat. Im Ein-Mann-Zelt abseits der Zivilisation fragt sich Pollinger: Warum tu’ ich mir das an?

Er könnte jetzt auch daheim bei seiner Lebensgefährtin sein. Sie passt auf die zweijährige Tochter auf. Er ist 35 und Ingenieur bei Roche. Das ist der eine Teil seines Lebens. Der andere, das sind die Expeditionen. Brasilien, Argentinien, Neuseeland, Oman, Südafrika: Reisen und Klettern – diese Verbindung treibt ihn an. Zuletzt trieb sie den Mann der Alpenvereins-Sektion Lenggries nach Patagonien. Ein Landschafts-Spektakel mit zwei Einwohnern pro Quadratkilometer auf argentinischem und chilenischem Boden.

Durch Flüsse und Sümpfe musste Georg Pollinger seine Kletter-Ausrüstung schleppen. Teilweise half ihm ein chilenischer Farmer.

Dass Pollingers Flieger in Santiago de Chile landete, verdankt er einer Geschichte aus Mexiko. 2015 lernte er dort einen „klettersüchtigen Arzt“ kennen: Javier Perez. Perez kennt nicht nur so ziemlich alle Klettergebiete in Mexiko, sondern auch einen Chilenen in Coyhaique. In der 50 000-Einwohner-Stadt planen Pollinger und Perez ihre Tour: Sie wollen Wände hochklettern, die noch niemand hochgeklettert ist. Es wird ihnen gelingen – obwohl Perez’ kaputte Ferse eigentlich keine Extrem-Touren mehr zulässt.

Pollinger wird bei einer Erstbesteigung vor Glück explodieren. Den Berg wird er „Torre Mandinga“ taufen. Torre bedeutet Turm, Mandinga Teufel. Der Weg auf den Turm des Teufels ist zunächst versperrt. „Irgendwann dachte ich, diese Expedition steht unter einem schlechten Stern“, sagt Pollinger. Und zwar von Anfang an: In Santiago nimmt er seine Klettertasche mit der Ausrüstung vom Gepäckband. Sie ist nicht nur anders verknotet, sondern auch viel leichter. In der Tasche liegt die Bohrmaschine für die Wände – ohne Akkus. Per Zettel teilt die Flugsicherung München mit, dass die Akkus daheimbleiben mussten. „Das hätten sie mir auch vor dem Abflug sagen können“, ärgert sich Pollinger. Die Mission steigt nach alter Kletterschule, ohne Bohrer.

Der nächste Rückschlag dauert zehn Tage: Pollinger und Perez sitzen in Coyhaique fest. Über Radiofrequenzen versuchen sie, Farmer in den Kletterregionen zu erreichen. Sehr oft vergeblich. Schafzüchter verdienen sich etwas dazu, wenn sie den Sportlern den Weg erklären oder ihre Ausrüstung in die Berge tragen. Dank Solarenergie sind sie schon mal eine Stunde am Tag zu erreichen, sagt Pollinger. Oder eben nicht. Immerhin bietet sich dem Isarwinkler ein Ablenkungsprogramm: Rodeo-Reiten auf wilden Pferden. Pollinger schaut wie tausende Einheimische nur zu. „Da musste der Sanka ein paar Mal kommen.“ Ein Reiter gerät unter das Pferd. Ich dachte: Der steht nicht mehr auf.“

Aufbrechen ins Gebirge südlich von Coyhaique können die beiden Kletterer dann doch noch. 150 Kilo Ausrüstung schleppen sie mit – nicht auf Wegen, sondern durch Sümpfe und Flüsse. Bis sie endlich angekommen sind. „Aber wir sind im falschen Tal gelandet.“ Doch diesmal hat der Rückschlag etwas Positives: den „Torre Mandinga“. Sie erreichen den Gipfel der 450-Meter-Wand in sechs Stunden reiner Kletterzeit.

Davor liegen Perez und Pollinger sechs Tage in ihren Ein-Mann-Zelten. „Zu zweit gehst du dir irgendwann auf die Nerven.“ Die Zelte sichern sie mit kopfgroßen Steinen. Wind, Schnee und bemerkenswert große Puma-Spuren fördern die Stimmung nicht. Patagonien lässt Kletterern nur kurze Zeitfenster, um ihre Ziele zu erreichen. Eigentlich hatte Pollinger nur einen richtig guten Tag in drei Wochen. Die Expedition war trotzdem ein Erfolg für den Isarwinkler: „Die Ziele sind viel mehr wert, wenn du richtig für sie kämpfen musst.“

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