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Der Traum vieler junger Mädchen: Als Model im Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Flüchtlingsfamilie fällt Abzocke zum Opfer

Aus Mädchenträumen Profit geschlagen

Ahdia will Model werden. Übers Internet gerät sie an die Briefkasten-Firma Lorraine Media. Die verleitet die Flüchtlingsfamilie dazu, einen überteuerten Anzeigen-Vertrag zu unterzeichnen – für 600 Euro. Die Aussicht auf eine Modelkarriere für Ahdia aber bleibt mehr als fraglich.

Lenggries – „Melde dich jetzt kostenlos zum nächsten Casting an.“ So wirbt die Internetseite abode-casting.com. Das klingt verlockend – auch für den aus Afghanistan stammenden Afshin, der als Flüchtling in Lenggries lebt. Er meldet seine 15-jährige Schwester Ahdia (Namen geändert) an. Sie hat langes schwarz-glänzendes Haar, ist groß und schlank und träumt von einer Karriere als Model. Kostenlos ist die Anmeldung tatsächlich – nicht aber das Casting selbst. Nun ist die Familie mit einer Rechnung über 600 Euro konfrontiert – als Gegenleistung gab es dafür nur fragwürdige Vesprechen.

„Abode“ nimmt Ahdias Bewerbung an und leitet sie weiter. Die 15-Jährige bekommt eine Einladung zu einem Casting namens „Models Week“. Das Casting organisiert die „Lorraine Media GmbH“. Anders, als es zunächst erscheint, handelt es sich hierbei aber um keine Model-Agentur. Die Firma verkauft vielmehr Online-Anzeigen, über die Agenturen angeblich auf die Models aufmerksam werden.

Das Casting findet in einem Sauerlacher Hotel statt. „Da waren zwei Wartezimmer mit mindestens 100 Leuten“, erinnert sich Afshin. Überall macht man der Familie Versprechungen. Afshin berichtet von einer Frau an einem Schalter. Sie sagt: „Es lohnt sich. Wenn Ihr das macht, wird Ahdia höchstwahrscheinlich angenommen und hat in drei Monaten einen Vertrag.“ Ahdias Mutter unterschreibt. „Ein Mann schminkte mich fünf Minuten, danach machte ein anderer zehn Minuten lang Fotos von mir,“ erinnert sich Ahdia. Die Rechnung dafür beträgt 600 Euro.

So viel Geld ist die Leistung nach Ansicht der Verbraucherzentrale Hamburg nie und nimmer wert. Sie warnt auf ihrer Internetseite unter der Überschrift „Wer sich zeigt, wird abgezockt“ explizit vor dem Geschäftsmodell der „Lorraine Media“. Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale rät im Falle einer erfolgten Vertragsunterzeichnung: „Widerrufen Sie den Vertrag innerhalb der 14-tägigen Frist am besten per Einschreiben.“

In diesem Fall fordere die Lorraine Media einen „Wertersatz“ ein – verlange also Geld für den Rücktritt vom Vertrag, und zwar 90 Prozent des Ursprungspreises. Rehbergs Tipp: „Bezahlen Sie das auf keinen Fall. Man sollte nicht klein beigeben.“ Die hohen Widerrufs-Gebühren, die offenbar abschrecken sollen, können laut Rehberg vor Gericht verhandelt werden. Laut Urteilen aus Halle und Bremen darf der „Wertersatz“ nicht willkürlich angesetzt sein, sondern nur so viel kosten wie vergleichbare Produkte auf dem Markt – sprich: wie Fotos und Anzeigen anderer Firmen. In den besagten Urteilen veranschlagten die Richter 50 beziehungsweise 130 Euro.

Besonders perfide: Wer die Firma online sucht, stößt rasch auf Internetseiten wie kuendigung-urteile.de und eine Reihe weiterer Blogs. Die wirken alle wie aus einer Feder verfasst und haben denselben Tenor: Es sei juristisch aussichtslos, sich gegen die Verträge zu wehren. Eine Autorenangabe ist auf den Seiten nicht zu finden. Hat die Agentur die Seiten etwa selbst lanciert? Explizit vom Tölzer Kurier danach gefragt, verweist Sabine Görtz, Geschäftsführerin von Lorraine Media, auf „Betriebsinterna“.

Wer steckt eigentlich hinter den Firmen „Abode“ und „Lorraine Media“? Der Sitz von „Abode“ ist laut Impressum auf der Internetseite eine „Route du Neuhof“ in Straßburg. Im Stadtplan aber ist eine solche Straße nicht verzeichnet. Und als ein Fernsehteam des Senders ProSieben 2011 die Berliner Adresse der „Lorraine Media“ besuchte, fand es dort lediglich einen Briefkasten vor.

Die Familie von Ahdia nahm sich einen Anwalt. Der aber handelte mit Lorraine Media lediglich einen Vergleich aus. Die Familie zahlt den vollen Betrag in Monats-Raten zu 50 Euro. Christiane Theil, die Integrationshelferin der Familie, ist bestürzt: „Das Geld fehlt der sechsfachen Mutter sehr“, sagt sie. Die Familie ist auf Sozialhilfe angewiesen.

„Lorraine“-Geschäftsführerin Sabine Görtz aber erklärt in einer Stellungnahme gegenüber dem Tölzer Kurier ihr Angebot für legitim: Mit einem Inserat in der Models Week habe man „vergleichsweise gute Chancen“, als Model entdeckt zu werden. ( Nora Linnerud)

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