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Angehörigen-Besuche in Pflegeheimen sind aktuell nur unter strengen Sicherheitsregeln möglich. Pflegekritiker Claus Fussek warnt, dass dadurch ein wichtiges Frühwarnsystem für mögliche Missstände wegfällt.

Claus Fussek im Interview

Isolation in Pflegeheimen: Sterben Menschen an Corona oder an Einsamkeit?

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Bewohner von Pflegeheimen empfänden die Corona-Schutzmaßnahmen oft als Freiheitsberaubung, meint Pflegekritiker Claus Fussek. Er wünscht sich kreative Lösungen.

Lenggries/MünchenWährend Claus Fussek in seinem Münchner Büro dem Tölzer Kurier ein Interview gibt, muss er das Telefonat kurz unterbrechen. Er erklärt dem Fensterputzer, dass er die Scheibe neben seinem Schreibtisch nicht zu reinigen braucht – da würde er sowie nicht rankommen. „Auf der Fensterbank liegen 15 dicke Ordner mit Hilferufen von Pflegekräften und Angehörigen“, sagt der 67-Jährige. 

Fussek, der aus Lenggries stammt, hat sich seit Jahrzehnten deutschlandweit als Pflegekritiker einen Namen gemacht, weist immer wieder öffentlich auf Missstände hin. Auch im Interview zur Situation in Pflegeheimen während der Corona-Krise macht er sich zur Stimme der Schutzbedürftigen und spricht sich für mehr Selbstbestimmung der Heimbewohner aus. In der Krise sieht Fussek auch eine Chance, das Thema Pflege generell stärker in den Fokus zu rücken.

„Corona macht jetzt die Einsamkeit in Pflegeheimen sichtbar, die unsere Gesellschaft kollektiv verdrängt“

Herr Fussek, zuletzt wurde immer lauter Kritik daran geäußert, dass Bewohner von Pflegeheimen in der Corona-Krise isoliert werden. Wie sehen Sie das?

Dass viele Menschen in Pflegeheimen wenig oder gar keinen Besuch bekommen, dass Menschen dort unter Einsamkeit leiden, isoliert und „endgelagert“ werden, das ist ein Problem, das mich seit 40 Jahren begleitet. Was wir jetzt erleben, das ist im Grunde etwas, das unsere Gesellschaft kollektiv verdrängt. Corona macht es jetzt sichtbar.

Pflegekritiker Claus Fussek.

Sind die Schutzmaßnahmen denn tatsächlich eine „Freiheitsberaubung“, wie manche sagen?

Alte, einsame, sterbende Menschen empfinden die aktuelle Isolation als Freiheitsberaubung. Für sie ist es wie im Gefängnis. In den Arm genommen zu werden, Gespräche, ein freundliches Wort, an die frische Luft gehen, das ist für sie oft das letzte, was sie noch an Lebensqualität haben. Ihnen das zu nehmen, das ist aus ihrer Perspektive grausam. Deswegen sollen sich jetzt bitte nicht die Pflegekräfte angegriffen fühlen. Sie leiden ja vielfach selber unter dieser Situation. Ich verstehe die Pflegekräfte, ich verstehe die Heimleitungen. Trotzdem ist es wichtig, sich in diejenigen hineinzuversetzen, die verzweifelt sind, weil sie ihre Kinder und Enkel nicht mehr sehen können – diese Perspektive einzunehmen, ist ja für empathische Pflegekräfte ohnehin selbstverständlich. Für die Gesellschaft ist es jetzt eine Herausforderung, kreative Lösungen für mehr Lockerungen in diesem Bereich zu finden. Wenn man bedenkt, wie viel Energie in die Pläne gesteckt wurde, wieder Fußballspiele stattfinden zu lassen...

„Würde behalten, wachsam bleiben“: Das ist ein Spagat

Gewisse Lockerungen gibt es ja bereits, Besuche in Pflegeheimen sind unter bestimmten Bedingungen wieder möglich.

Es bleibt aber ein Spagat. Ein Heimleiter hat es so formuliert: „Würde behalten, wachsam bleiben.“ Corona ist ja nicht weg, es wird uns noch eine lange Zeit begleiten. Den Menschen wieder Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu übergeben, aber auch daran zu denken, was ist, wenn sie andere gefährden: Das ist eine Herausforderung in einer echten Ausnahmesituation. Es gilt abzuwägen: Sterben die Leute an Corona oder an Einsamkeit?

Finden Sie dann, dass die Besuchsbeschränkungen in den Pflegeheimen falsch sind? Es geht immerhin auch um den Schutz der Bewohner.

Ob falsch oder richtig, das zu beurteilen, möchte ich mir nicht anmaßen. Sicher geht es um Schutz, aber auch Schutz ist immer ein Spagat. Früher wurden Menschen fixiert mit der Begründung, man schütze sie dadurch. Ich finde, wir brauchen eine ehrliche Diskussion, wir brauchen Ideen und auch ein Stück Mut und Ehrlichkeit, Eigenverantwortung und in manchen Situationen eine Güterabwägung. Menschen sollten entscheiden können, wie sie beschützt werden möchten.

Durch fehlenden Besuch von Angehörigen fehlt ein Frühwarnsystem in den Pflegeheimen

Wenn es keinen oder wenig Besuch gibt, sind natürlich auch weniger Einblicke in die Pflegeeinrichtungen möglich.

Es fehlt das Frühwarnsystem. Viele Pflegeheime sind gerade weitgehend rechtsfreie Räume. Es gibt keine Kontrollen durch den MDK oder die Heimaufsicht – wobei ich diese beiden ohnehin nicht für so gewichtig halte wie die Angehörigen und die ehrenamtlichen Besucher. Natürlich muss man unterscheiden: Es gibt viele vorbildlich geführte Pflegeheime, die auch vor Corona dankbar waren für Kritik und Vorschläge der Angehörigen, wo Angehörige als gern gesehene Gäste behandelt wurden. Diese Einrichtungen sind auch in der jetzigen Situation besser aufgestellt, weil man ihnen vertrauen kann. Problematisch wird es dort, wo kritische Angehörige als „schwierig“ und als Gegner gesehen wurden und schon vor Corona nicht darauf bauen konnten, dass die Versorgung der Bewohner mit Essen, Trinken oder Spazierengehen gewährleistet war.

Bekommen Sie Hinweise in diese Richtung?

Ich habe ständig Angehörige aus ganz Deutschland am Telefon, die verzweifelt sind, weil sie ahnen, was jetzt mit ihren Eltern in den Heimen passiert, sich aber nicht selbst vor Ort überzeugen können. Eine Frau hat mir erzählt, ihr Vater habe gesagt: „Wenn Corona vorbei ist, dann werde ich Euch erzählen, was hier los war.“ Leider ist er vorher gestorben, mutmaßlich an Thrombose, weil ihm die Stützstrümpfe nicht angezogen wurden.

Wie sollten die Pflegeheime mit solchen Ängsten umgehen?

Die Sorgen, die Angst, die Verzweiflung, auch das Gefühl der Ohnmacht der Angehörigen: Das muss unbedingt ernst genommen werden. Und die Angehörigen brauchen ehrliche Auskünfte und dürfen nicht mit dem Satz „Ihrer Mutter geht es gut“ abgespeist werden. Wir dürfen die Pflegekräfte mit dieser Herausforderung nicht allein lassen, sondern brauchen zusätzlich Sozialarbeiter, psychologisch und palliativ geschulte Mitarbeiter. Wichtig kann allein schon sein, dass am Empfang ein freundlicher und qualifizierter Mensch sitzt, der sagt: „Ich kann Sie gut verstehen.“

„Boris Palmer hat - wenn auch ungeschickt - eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen“

Es gibt in der Corona-Krise auch die Diskussion darüber, dass jüngere Menschen viele Freiheiten aufgeben mussten, um die Risikogruppe der Älteren zu schützen. Befürchten Sie einen Generationenkonflikt durch Corona?

Viele Dinge sind eine Frage der Erziehung und der Haltung. Meine Geschwister und ich kümmern uns um unsere Eltern – mein Vater ist leider vor einem Jahr gestorben –, nicht weil wir so tolle Menschen sind, sondern weil unsere Eltern vorher immer für uns da waren. Die Corona-Krise können die Generationen nur zusammen bewältigen, indem wir gemeinsam Verantwortung übernehmen und einen respektvollen Umgang miteinander pflegen.

Der Grünen-Politiker Boris Palmer ging so weit zu sagen, wir würden jetzt Menschen retten, die ohnehin in einem halben Jahr tot wären.

Boris Palmer wollte vermutlich einfach mal wieder in eine Talkshow eingeladen werden. Abgesehen von der populistischen Formulierung war es in gewisser Hinsicht aber eine unbequeme Wahrheit, die er – wenn auch ungeschickt – ausgesprochen hat. Jedenfalls ist es scheinheilig und zynisch, wenn Menschen, die sich vorher noch nie um menschenwürdige Bedingungen in Pflegeheimen gekümmert haben, sich jetzt empören und sagen, wie kostbar eine Woche mehr Leben in Menschenwürde doch sei. Was ist das für eine Menschenwürde und Lebensqualität, wenn man sich quasi in Isolationshaft ohne Perspektive befindet? Viele Angehörige, deren Eltern vor Corona gestorben sind, sagen offen und ehrlich: „Ich bin dankbar, dass er oder sie Corona nicht mehr erleben musste.“

„Applaus für Pflegekräfte war sicherlich gut gemeint“

In der Corona-Krise haben Pflegekräfte viel Applaus und eine Bonuszahlung bekommen. Ist das aus Ihrer Sicht auch scheinheilig?

Der Applaus für Pflegekräfte war ja ein internationales Phänomen und sicherlich auch gut gemeint. Natürlich ist die Frage, welche Konsequenzen eine Gesellschaft daraus zieht. In den letzten 30 Jahren habe ich niemanden gehört, der gegen eine bessere Bezahlung von Pflegekräften wäre. Zum Anstand der Argumentation gehört es aber auch zu sagen, dass wir für diese Kosten auch aufkommen müssen, sei es durch höhere Beiträge oder Steuern. Das sollte es uns auch wert sein. Dann muss allerdings auch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Wenn ich als Angehöriger mehr für den Heimplatz zahle, aber dann doch noch viele Pflegeleistungen selbst erbringen muss, während das Geld in die Tasche eines Investors wandert, dann stimmt etwas nicht.

Ist es vielleicht auch eine Chance, dass die Corona-Pandemie jetzt die Aufmerksamkeit auf die Zustände in Pflegeheimen lenkt?

Ja. Denn Corona macht jetzt Strukturen sichtbar, auf die bisher niemand geschaut hat. Seit über 30 Jahren wissen wir um den Pflegenotstand. Massive Hygienemängel gab es auch vor Corona, auch unzureichende personelle Besetzung von Nachtwachen und dass Menschen ruhig gestellt und fixiert werden: All das ist bekannt und wird ja auch von Pflegekräften selbst berichtet. Menschen sterben, unter Umständen allein gelassen und im Doppelzimmer, und allzu leicht heißt es dann: „Das war Schicksal, für ihn war es eine Erlösung, er war halt schon alt.“ Doch jeder, der es wissen wollte, konnte sich über die Missstände informieren. Aber meinen Sie, wir fänden drei Demonstranten, die dagegen auf die Straße gehen? Eher demonstrieren Menschen vor dem Zirkus Krone für eine bessere Haltung der Elefanten.

„Es ist eine Bankrotterklärung, dass wir Corona brauchten, um genauer hinzuschauen“

Und an dieser Einstellung könnte sich durch das Coronavirus jetzt etwas ändern?

Es ist eigentlich eine gesellschaftliche Bankrotterklärung, dass wir offensichtlich erst Corona brauchten, um genauer hinzuschauen. Aber nach Corona darf es kein „Es ist jetzt 5 vor 12“ mehr geben und kein „In Zukunft müsste man...“ Wir brauchen Ehrlichkeit und Transparenz und ein angstfreies Klima. Eine menschenwürdige Pflege und eine würdevolle Sterbebegleitung müssen Schicksalsfragen unserer Gesellschaft sein, und uns muss klar sein, dass wir alle zusammen die Verantwortung dafür tragen. Dazu müssen sich alle Gesundheitsberufe, Angehörige, MDK, Kommunen solidarisieren. Bei diesem Thema darf es keine Gegner geben, es muss ein gemeinsames Anliegen sein.

Können wir noch etwas aus der Corona-Krise mitnehmen?

Wenn die eigentlich selbstverständlichen Hygieneregeln, die jetzt so propagiert werden, auch unabhängig von Corona überall eingehalten werden, wäre schon viel gewonnen.

Lesen Sie auch: Schliersee: Zwei Pfleger berichten aus Skandal-Heim

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