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Freie Fahrt in die Eng: An der ehemaligen Grenzstation Voderriß gibt es keine Beschränkungen. 

Corona 

Nur noch raus, aber nicht nach Tirol

Die Bewohner von Hinterriß haben durch die Grenzschließung ein gesondertes Problem. Sie müssen für kleine Besorgungen über die Ländergrenze von Österreich und Bayern. 

Hinterriß/Lenggries – Hinterriß ist die einzige Dauersiedlung im Karwendel und ein kurioser Sonderfall: Die kleine Ortschaft mit 30 Einwohnern gehört anteilig zu den Gemeinden Vomp im Inntal und Eben am Achensee. Von beiden ist sie durch das Karwendelgebirge abgetrennt, eine direkte Passverbindung gibt es nicht. Hinterriß ist somit eine funktionelle und geografische Enklave, die von Tirol aus nur auf dem Umweg über Bayern (via Achenwald, Fall und Vorderriß) erreichbar ist. Anders als etwa das Kleinwalsertal im Allgäu ist Hinterriß auch kein Zollanschlussgebiet.

Seit vergangenem Donnerstag steht ganz Tirol unter Quarantäne. Das heißt, niemand darf mehr ohne triftigen Grund (Berufsausübung, medizinische Versorgung, Lebensmitteleinkauf) seinen Ort verlassen. Auch die Grenze zu Bayern ist für den Personenverkehr gesperrt. Doch es leuchtet ein, dass die Bewohner von Hinterriß über die Grenze müssen, wenn sie im nächstgelegenen Ort das unbedingt Notwendige für ihren Lebensunterhalt besorgen möchten.

Ganz Tirol unter Quarantäne 

Ein Besuch der Grenzübergänge in Achenwald und Vorderriß macht deutlich, wie sich (Stand Montag) die Rechtsfolgen in diesem verzwickten Sonderfall darstellen: Die Bundesstraße 307 vom Sylvensteinspeicher nach Osten ist erst nach 6,5 Kilometern unmittelbar vor ihrer Einmündung in die Verkehrsachse Tegernsee-Achenwald-Achenkirch durch eine Schranke für jeglichen Verkehr gesperrt. Deshalb sieht man auch noch viele Autos auf dem Wanderparkplatz zum südseitigen Hochalm-Aufstieg.

Kein Durchkommen: Am Damm des Sylvenstein-Speichersees wird auf die Sperrung der B 307 hingewiesen. 

Daraus ergibt sich folgender Sachverhalt, den vor Ort auch die beiden dienstführenden Tiroler Grenzbeamten am Übergang Achenwald bestätigten: Von Tirol aus sind jetzt noch Lieferverkehr und die Heimkehr deutscher Touristen aus Tirol und Italien in Richtung Tegernsee möglich, aber nach links Richtung Sylvensteinsee und Isarwinkel abzubiegen, ist völlig ausgeschlossen. Daraus ergibt sich aber auch zwangsläufig, dass die Bewohner von Hinterriß jetzt nicht mehr nach Achenkirch zum Einkaufen fahren können, sondern nach Lenggries ausweichen müssen.

Alter Grenzübergang frei: Ohne Hinweistafel oder Grenzbeamten 

Der alte Grenzübergang an der Stichstraße von Vorderriß nach Hinterriß ist hingegen noch offen: Keine Hinweistafel dort, kein Grenzbeamter. Das bestätigt auf Anfrage auch Matthias Knott, Sprecher der Pressestelle der zuständigen Bundespolizeidirektion München: „Beim Grenzübergang Vorderriß-Hinterriß soll aufgrund der besonderen geografischen Lage sowohl von deutscher als auch österreichischer Seite die Ein- beziehungsweise Ausreise möglich sein.“ Hierbei seien natürlich die bestehenden Einreisebestimmungen beider Länder zu beachten.

In Tirol gilt übrigens folgende Verfügung: Bergtouren und Skitouren sind strikt verboten und Verstöße werden streng geahndet. Die Tiroler Seite möchte damit verhindern, dass die Rettungsdienste jetzt durch Bergrettungen Zeit verlieren für andere wichtige Einsätze.

In Hinterriß selbst ist momentan nahezu nichts los 

In Hinterriß selbst passiert momentan wenig. Der Gasthof zur Post hat bis zum 13. April Betriebsferien, laut Anrufbeantworter ist die Loipe in die Eng nicht mehr in Betrieb, und die Mautstraße noch bis 1. Mai geschlossen. Ob man dann überhaupt ins Karwendel wird fahren dürfen, kann angesichts der Corona-Krise niemand vorhersagen. Die Tölzer Hütte des Alpenvereins am Schafreuter (sie liegt keine 500 Meter hinter der Landesgrenze) bleibt heuer ohnehin geschlossen wegen der anstehenden Sanierung.

Ab dem Frühsommer müssen Gaißacher Bergbauern wieder zum Arbeiten ins Tiroler Karwendel, um dort ihre Almen zu bewirtschaften. Almbauer Georg Mair sorgt sich bereits und hofft, dass die Tiroler Behörden mit dem Thema „pragmatisch“ umgehen. Schon bei der „BSE-Krise“ (einer Tierseuche vor 20 Jahren) haben Tiroler Stellen „unbürokratisch entschieden. Es hat keine Behinderung der grenzüberschreitenden Almwirtschaft gegeben“.

Rainer Bannier 

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