Schleierfahnder am Sylvenstein
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Jedes Auto - aus österreichischer Richtung kommend - wird angehalten. Manche haben sich vorher informiert und können eine digitale Einreisemeldung und negativen Testnachweis vorzeigen. Das verkürzt das Prozedere.

Reportage

An den Grenzen zu Tirol: Schleierfahnder im Corona-Einsatz - fast jedes Auto wird kontrolliert

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Die Fälle der südafrikanischen Mutation des Coronavirus steigen in Tirol an. Die Schleierfahnder sind nun vermehrt an den bayerischen Grenzübergängen präsent. Sie kontrollieren die Einhaltung der Einreise-Quarantäne-Verordnung. Wir haben die Grenzbeamten einen Tag lang begleitet.

Fall – Bis auf eine Warnweste ist Nicole Seltier (41) zivil gekleidet – die Polizistin trägt Jeans und Winterjacke. Ihre tiefschwarzen Harre sind streng nach hinten gebunden, ihre stechend grünen Augen auf einen aus Grenzrichtung kommenden Audi gerichtet. Sie schwingt die rot-weiße Kelle mit der Aufschrift „Halt, Polizei“ und winkt den Wagen zum Straßenrand.

Lockdown in Bayern: Virusmutation vermehrt sich in Tirol - Schleierfahnder kontrollieren verstärkt Grenzübergänge

Das Auto ist eines von 20 Fahrzeugen, die die Schleierfahnder der Grenzpolizeiinspektion Murnau an diesem sonnigen Tag am Sylvenstein kontrollieren – pro Stunde. Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) hatte vergangenes Wochenende eine verstärkte Grenz-Schleierfahndung angeordnet, um den Import des Corona-Virus zu stoppen. Wer einreist, muss spätestens 48 Stunden nach Grenzübertritt einen negativen Corona-Test beim zuständigen Gesundheitsamt vorlegen. Zudem eine digitale Einreisemeldung vorzeigen.

Nicole Seltier (41) Polizeihauptkommissarin

Ab Sonntag gelten noch schärfere Regeln, denn Tirol wurde zum Mutationsgebiet erklärt. Hier grassiert der Mutant B 1341 aus Südafrika. Der Verwandte des Coronavirus ist hochansteckend und wütet bereits im österreichischen Bezirk Schwaz, der an den Landkreis angrenzt. Deshalb müssen Einreisende dann schon an der Grenze einen negativen Corona-Test vorzeigen – eine spätere Vorlage beim Gesundheitsamt ist – anders als bisher – nicht möglich. Wer keinen Test dabei hat, muss mit einem Bußgeld von bis zu 1450 Euro rechnen.

Mutationsgebiet Tirol: Verschärfte Corona-Regeln - Bei Nichteinhaltung drohen bis zu 1450 Euro Strafe

Der Wagen, den Schleierfahnderin Seltier gestoppt hat, gehört Heike Fiederer und ihrem Mann Christian. Sie kommen aus Lazise, sind auf der Rückfahrt in ihre Heimat Regensburg.„Wie lange waren Sie in Italien und warum?“, will Seltier wissen, während ihr Kollege die Ausweise prüft. Die Fiederers erklären, sie mussten Handwerker für dringende Arbeiten in ihre Zweit-Wohnung am Gardasee lassen. Seien dafür keine 24 Stunden dort gewesen.

Das Paar hält negative Testnachweise und eine digitale Einreisemeldung durch die offene Fensterscheibe. Die Tests haben sie am Vortag in Regensburg gemacht. Seltier prüft mit zufriedener Miene. Jetzt bittet sie, den Kofferraum zu öffnen. „Klar, aber warum?“, fragt die Regensburgerin. „Ach, ich will nur sicher gehen, dass da nicht ihre Schwiegermutter drin liegt“, scherzt Seltier.

Schleierfahnder kontrollieren Grenzübergänge zu Tirol: Negativer Corona-Test bei Einreise Pflicht

Ihr Humor kommt an. Fiederer steigt lachend aus und öffnet die Heckklappe. Im Kofferraum sind leere Wasserflaschen – keine Schwiegermutter. Sie dürfen weiterfahren. Für Fiederers ist klar: „Auch wenn es aktuell beschwerlich ist, sich um den zweiten Wohnsitz zu kümmern, die Kontrollen sind wichtig.“

Die Sonne scheint, das Thermometer klettert auf 8 Grad. Ausflugswetter im Isarwinkel. Dafür ist am Sylvenstein wenig Verkehr. Warum? Corona. Die Kontrollstelle der Schleierfahnder besteht aus drei Einsatzfahrzeugen, die auf dem Sylvensteindamm parken sowie einem Polizeibus, der als Büro ausgestattet ist. Die Beamten halten jedes aus Grenzrichtung kommende Fahrzeug an. „Dass es relativ ruhig zugeht, ist ein gutes Zeichen. Die Leute sollen schließlich zu Hause bleiben“, meint Dienststellenleiter Thomas Haberger.

Schleierfahnder im Corona-Einsatz: Sobald es verdächtig wird, fahnden Polizisten auch nach Drogen

Weniger gelassen nimmt es ein junger VW-Fahrer aus Tölz, den Schleierfahndern ins Netz gelaufen zu sein. Er kommt mit einem Kommilitonen aus Innsbruck, dort studieren sie, erklärt er mit zittriger Stimme. Seltier wird stutzig. „Sie wirken ganz schön nervös“, stellt die 41-Jährige mit hochgezogener Augenbraue fest. Der Student läuft puterrot im Gesicht an. Haberger beobachtet das Szenario vom Bordstein aus. „Hm, auffällig.“ Er verschränkt die Arme. Die Studenten werden von männlichen Beamten am Körper abgetastet. Seltier räumt den Polo aus. „Man muss vorher fragen, wem was gehört“, sagt sie grinsend. „Sonst gehört das Gepäck niemanden, sobald man etwas findet.“

Die Polizistin zückt Vinylhandschuhe aus der Hosentasche und öffnet einen der Rucksäcke. Sie inspiziert jedes Shirt, jede Socke. An Kulturbeuteln schnüffelt sie. Ein Achselzucken. „Riecht harmlos.“ Mehrfach dreht sie ein noch verschweißtes Zuckerpäckchen um, schüttelt es neben ihrem Ohr und sucht nach möglichen Öffnungsstellen. Nach 20 Minuten haben die Fahnder alles aufs Genauste durchleuchtet. Ergebnis: Fehlanzeige. Das komme ab und an vor. „Ich hätte auf Marihuana spekuliert, aber anscheinend war der junge Mann nur wegen der Kontrolle so aufgeregt.“

Corona-Lockdown in Bayern: Maskenpflicht erschwert Schleierfahndern die Arbeit

Häufig täuscht Seltier ihr Instinkt nicht. „Erfahrung und Menschenkenntnis sind das A und O“, sagt sie. Die Maskenpflicht erschwere ihre Arbeit. „Wir können die Gesichtszüge und Reaktionen nicht mehr so genau sehen.“ Seit Corona sei der Beruf sowieso anders geworden. Es gebe weniger grenzüberschreitenden Verkehr. Auf Straßen und an Bahnhöfen. Dazu sei es neu, jeden ohne Verdachtsmomente zu kontrollieren, meint Haberger.

Kaum den Satz ausgesprochen, wird es aber schon verdächtig. Ein Volvo stoppt abrupt zirka 30 Meter vor der Kontrollstelle. „Wenn er die Reifen jetzt zum Wenden einschlägt, müssen wir schnell sein.“ Seltier läuft zum Polizeiauto. Ihre Kollegen geben Winkzeichen. Kurzes Zögern, dann kommt das Auto langsam angerollt.

Corona-Kontrolle an Grenze zu Tirol: Beamten schicken Paar in Quarantäne

Die Frau am Steuer blöfft die Fahnder an, sie habe nur gehalten, um die digitale Einreisemeldung herunterzuladen, die Netzverbindung lasse aber zu wünschen übrig. „Sie hätten sich bereits vor Grenzübertritt melden müssen“, rügt Seltier. Das Paar im Volvo reagiert genervt. Schnell wird klar, wieso. Sie waren wandern in Tirol. Kein unaufschiebbarer Grund für den Grenzübertritt. Das bedeutet zehn Tage Quarantäne. Die Beamten melden sie beim Gesundheitsamt.

Jeder weiß, dass es sie gibt. Zu Gesicht bekommen sie aber meist nur diejenigen, die sich in irgendeiner Form verdächtig verhalten. Was daher wenige wissen: Schleierfahnder sind auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen dauerpräsent. Und das nicht nur an den Grenzen zu Österreich. Alles aus der Region gibt‘s im Bad-Tölz-Newsletter.

(Von Felicitas Bogner)

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