„Ich habe nur meine Pflicht getan“: Paul Mayer selbst blickte Bescheiden auf seine Heldentat zurück.
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„Ich habe nur meine Pflicht getan“: Paul Mayer selbst blickte Bescheiden auf seine Heldentat zurück. (Repro)

Neue Forschung

Der stille Held von Lenggries: Polizist versteckte Jüdin vor den Nazis - Lehrer erzählt jetzt seine Geschichte

Einen fast unbekannten stillen Helden der Geschichte aus der Vergessenheit zu holen, war jetzt Ziel eines Vortrags in Lenggries. Was Paul Mayer einst tat, ist bemerkenswert.

Lenggries – Stille Helden werden schnell vergessen. Wer kennt beispielsweise oder weiß etwas über Paul Mayer aus Lenggries? Wohl nur sehr wenige ältere Mitbürger werden diesen Namen vielleicht mit dem Bild der zugehörigen Person und deren Wirken vor dem geistigen Auge verbinden können. Paul Mayer ist so ein stiller Held. Er war Kommandant des örtlichen Gendarmeriepostens während des Nationalsozialismus.

Polizist Paul Mayer musste Gratwanderung zwischen Gehorsam und Gewissen beschreiten

Diese Stellung bedeutete für ihn eine äußerst riskante Gratwanderung zwischen dem vorgeschriebenen Gehorsam gegenüber dem Führer und seinem Mitgefühl für vom radikalen System bedrohte Mitmenschen.

Zum Neustart nach pandemiebedingter Zwangspause ging nun das Waldkirchenforum in Lenggries Mayers Lebenslinie nach. Als Referent bestach Robert J. Huber mit seinem detaillierten Wissen über die Verstrickung politisch-militärischer und regionaler Ereignisse in jener Zeit.

Im Speicher der Gendarmerie in Lenggries lebte jahrelang eine Jüdin

Diese umfassenden Kenntnisse beruhen wohl auch auf Hubers persönlichem Werdegang: Zum einen war er selbst viele Jahre ranghoher Soldat bei der Bundeswehr. Zum anderen ergab sich für ihn in jüngerer Vergangenheit die Gelegenheit, in amerikanische Kriegstagebücher Einblick zu nehmen und anhand dieser Aufzeichnungen die bisherige Sichtweise auf Abläufe faktisch korrigieren oder präzisieren zu können.

Robert Huber hat auch Paul Mayers Weg nachgezeichnet. In der Lenggrieser Bahnhofstraße Nummer 14, dem „Heufelder-Haus“, war seinerzeit die örtliche Gendarmerie untergebracht, im Erdgeschoss die Amtsräume, darüber Mayers Wohnung. Im Speicher lebte jahrelang versteckt die jüdische Ärztin Dr. Sophie Mayer – die Namensgleichheit war reiner Zufall.

Das Schicksal meinte es gut mit der Jüdin Sophie Mayer

Dass die Jüdin hier Unterschlupf fand, ergab sich ebenfalls durch einen Zufall: Sophie Mayer hatte mit Eltern und einer Schwester in München gewohnt. Infolge der verhängnisvollen Reichskristallnacht landete die Familie in einem berüchtigten Sammellager in Berg am Laim. Von dort gingen Transporte nach Auschwitz.

Tief beeindruckt waren die Zuhörer im Lenggrieser Waldkirchenforum vom Vortrag des Lehrers Robert Huber.

Bei einem zufälligen Gespräch von Sophie Mayer mit einer ihr fremden Frau am Chinesischen Turm meinte es das Schicksal gut. Diese Frau, Maria Lethnar, wusste Rat. Sie habe eine Schwester in Lenggries, die sei mit einem Polizisten verheiratet, bei denen könne sie, Sophie Mayer, unterkommen. Und was deren Mutter und Schwester betreffe – der Vater war bereits verstorben –, für diese beiden vermittelte Lethnar ein Versteck in Deggendorf.

Für Paul Mayer und seine Familie dürfte es nicht leicht gewesen sein, eine zusätzliche Person, von der niemand etwas wissen durfte und für die es ja auch keine Essensmarken gab, durchzufüttern, schilderte Huber, der inzwischen am Gymnasium in Hohenburg unterrichtet. Der großen Gefahr bewusst war sich wohl auch der Sohn des Polizisten: Der Bub verriet niemandem etwas über die Anwesenheit der Jüdin.

Paul Mayer, der stille Held aus Lenggries, half auch anderen Menschen

Brenzlig wurde es, als gegen Ende des Krieges München bombardiert und die dortigen Nationalsozialisten im Umland einquartiert wurden. Einer davon wurde Paul Mayer zugewiesen, bekam Wind von der Sache und verriet das Versteck. Doch Mayer, der bei den Einheimischen beliebt gewesen sei, habe die jüdische Ärztin noch rechtzeitig bei einem befreundeten Bauern verstecken können, so Huber.

Sophie Mayer war indes nicht die einzige, die von Paul Mayer Hilfe bekam: Da waren etwa ein junges Mädchen aus Steinbach, das am 1. Mai arbeitete und sich „ungeschickt verhielt“, und die Metzgersgattin Frau Schmid, die den gepredigten Endsieg für abwegig erklärte. Beide holte der Lenggrieser Polizeichef mit seinen Mitteln und Möglichkeiten aus den Fängen der NSDAP. Der Pilot des unweit Königsdorf abgestürzten US-Bombers, der sich mit einem Fallschirm gerettet hatte und dann zu Fuß geflüchtet war, sollte laut Anordnung bei seinem Aufgreifen sofort getötet werden. Er wurde in Lenggries von Mayer gefangen genommen und blieb am Leben.

„Gerechter unter den Völkern“: Auszeichnung für Paul Mayer aus Lenggries

Trotz starker regionaler Nazi-Präsenz umging es Mayer auch, gegen Schwarzschlachtung, Schwarzhandel und dergleichen Delikte Anzeige zu erstatten. Zuletzt riet er davon ab, den anrückenden Amerikanern Widerstand zu leisten und damit sinnloses Blutvergießen zu provozieren. Der US-Kommandeur beließ ihn auf seinem Posten. Auf Initiative der jüdischen Ärztin bekam Paul Mayer, der 1896 in Sonnering bei Rosenheim zur Welt gekommen, im 1. Weltkrieg als Soldat im Königlichen Leibregiment zweimal verwundet worden und danach zunächst als Schutzpolizist in München tätig gewesen war, 1969 die Ehrung „Gerechter unter den Völkern“. 1971 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das sollte „nicht an die große Glocke gehängt werden“, meinte der Geehrte. „Ich habe nur meine Pflicht getan.“

Die Zuhörer im Waldkirchenforum waren tief beeindruckt von der menschlichen, mutigen und bescheidenen Gesinnung des 1976 Verstorbenen. Wie man die Erinnerung an diesen stillen Helden wieder etwas wachrütteln könnte, diese Frage wurde am Rande des Vortrags von einigen Besuchern erörtert. „Er hätte es jedenfalls verdient, dass hier eine Straße nach ihm benannt wird.“

Suche nach Infos

Für sein geplantes Buch über den „stillen Helden von Lenggries“ sammelt Robert Huber noch weitere Informationen über das Leben und Wirken von Paul Mayer. Wer dazu etwas weiß, soll dies bitte der Evangelischen Kirchengemeinde Lenggries per E-Mail an pfarramt.lenggries@elkb.de mitteilen.

Von Rosi Bauer

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