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Spürbar zufrieden: Elisabeth und Hans Deißenberger vor ihrem Gästehaus Murbach. Trotz Sieben-Tage-Woche und bis zu sechs Waschladungen täglich wollte die Pensionswirtin nie etwas anderes machen, sagt sie. 

Vom Ruhestand noch weit entfernt

Elisabeth Deißenberger bedient und bügelt seit 50 Jahren im Akkord - und liebt es

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Seit 50 Jahren betreibt Elisabeth Deißenberger das Gästehaus Murbach in Wegscheid. In dieser Zeit hat sie Berge von Tischdecken gewaschen, schöne und weniger schöne Dinge erlebt und viele Freunde fürs Leben kennengelernt. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Wegscheid – In einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen, versorgt Elisabeth Deißenberger jeden Tag bis zu 22 Gäste. Küchenarbeit, Waschen und Bügeln im Akkord. Wochenenden gibt es nicht. Trotzdem – und trotz ihrer 81 Jahre – sagt Deißenberger: „Ich glaub’, ich kann nicht aufhören.“

Warum auch? Elisabeth Deißenberger liebt, was sie tut, und das seit 50 Jahren. So alt ist ihr Gästehaus Murbach im Lenggrieser Ortsteil Wegscheid am 9. September geworden. „Das Wichtigste war immer, dass die Gäste zufrieden sind“, sagt Deißenberger. Für jeden Gast hat sie ein offenes Ohr. Für Stammkunden wäscht und bügelt sie auch schon mal die Unterhosen. Ein älteres Ehepaar kommt seit einem halben Jahrhundert immer wieder ins Gästehaus Murbach, inzwischen mit den Enkelkindern. „Das ist das Schönste.“

Schon als Kind im Gasthof Pfaffensteffl kräftig mitangepackt

Gelebte Gastfreundschaft kennt Elisabeth Deißenberger aus ihrer Kindheit. Als ihr Vater im Zweiten Weltkrieg fiel, übernahm die Mutter im Alter von 33 Jahren den Gasthof Pfaffensteffl samt Metzgerei. Die kleine Elisabeth – damals hieß sie noch Wenig mit Nachnamen – musste wie ihre Geschwister kräftig mitanpacken. „Bei uns zuhause war der Gast König“, erinnert sie sich. Die harte Arbeit machte dem jungen Mädchen nichts aus. Im Gegenteil: Schon früh reifte in ihr der Wunsch heran, eine Hotelfachschule besuchen zu wollen.

Gesagt, getan. Nach der Schule absolvierte Elisabeth Deißenberger in Bad Wiessee ihre Ausbildung, kehrte danach in den mütterlichen Betrieb zurück. Beim Bedienen lernte sie einen jungen Mann namens Hans Deißenberger kennen, ein Vermessungsingenieur aus München. Nachdem er die Straße in die Jachenau fertig vermessen hatte, kam er trotzdem noch jedes Wochenende nach Wegscheid – und blieb schließlich. Seit 56 Jahren sind er und seine Elisabeth verheiratet. In der Ehe gab es „Krieg und Frieden“, sagt der 85-Jährige mit einem Augenzwinkern. „Aber mehr Frieden.“

Hätten beide nicht an einem Strang gezogen, hätte es mit dem Gästehaus wohl auch nicht so gut funktioniert, sinniert Elisabeth Deißenberger. Früher grillte ihr Mann abends nach der Arbeit noch für die Gäste und sorgte auf dem Akkordeon für gute Stimmung. Das geht heute nicht mehr. Trotzdem scheinen die Gäste zufrieden zu sein. „Sehr nettes Ehepaar. Super freundlich“, schrieb einer davon vor wenigen Wochen im Internet. Und ein Italiener lässt wissen: „Hans und Elisabeth sind immer nett und freundlich.“

Kurios: Mann ließ seine Frau im Gästehaus Murbach zurück

Natürlich gab es in den vergangenen 50 Jahren aber auch schwierige Zeiten. Als die Deißenbergers 1986 ihr Gästehaus erweiterten, lagen die Nerven zum Teil blank. Es gab ernsthafte Krankheitsfälle unter den Gästen und tragische Figuren. Ein Gast ließ einmal seine schwer alkoholkranke Frau in der Pension Murbach zurück. Elisabeth Deißenberger überredete ihn, seine Gattin doch abzuholen. Den Anblick der betrunkenen Frau, die nackt auf dem Boden einer der neun Zimmer und zwei Ferienwohnungen lag, wird sie nie vergessen.

Die schönen Erlebnisse aber überwiegen bei Weitem. Vielleicht wollte Elisabeth Deißenberger in den vergangenen 50 Jahren deshalb „nicht ein einziges Mal hinwerfen“, wie sie sagt. Viele Gäste wurden zu Freunden, mit denen sie regelmäßig telefoniert. Einen ihrer Stammgäste traf die Wegscheiderin sogar in Hamburg, als sie sich in der Hansestadt mit einer ihrer drei Enkeltöchter das Musical „König der Löwen“ ansah. „Er hat uns ein schönes Hotel ausgesucht“, sagt Elisabeth Deißenberger.

Keine grauen Haare wegen der Nachfolge

Ob sich aus der Familie jemand findet, der ihre Nachfolge antritt, wenn die Belastung doch irgendwann zu groß wird, weiß die Pensionswirtin nicht. „Deswegen lasse ich mir auch keine grauen Haare wachsen“, sagt sie und lacht. Elisabeth Deißenberger findet es gut, dass ihre Kinder und Kindeskinder eine Wahl haben, die sie nie hatte. Und sie findet ihr Leben gut. Weniger Arbeit und mehr Zeit zum Reisen braucht sie nicht. „Ich bin zufrieden.“ Das Schönste ist für Elisabeth Deißenberger, wenn die ganze Familie zusammenkommt. Und natürlich, wenn ihre Gäste zufrieden sind.

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